Wenn ständiges Grübeln depressiv macht

Depressionen sind ein Volksleiden. Für den Psychologen Paul Andrews und den Psychiater Anderson Thomson ist das ein Argument dafür, dass die Evolution ihre Hand im Spiel hat.


Wer kennt das nicht, man wacht morgens um fünf auf und grübelt über ein Problem, das einem tags zuvor auf den Nägeln brannte. Der Mensch ist ein Wiederkäuer, zumindest geistig gesehen. Er würgt mental Halbverdautes wieder hoch, um es erneut durchzukauen. Pardon, zu durchdenken. So weit, so gut. Es gibt allerdings Menschen, die es nicht dabei belassen. Sie käuen wieder, ohne aufzuhören. Sie zerdenken ihre Existenz, lösen sie in quälender Grübelei auf.

Damit sind wir mitten beim Thema Depression, denn das permanente Brüten ist ein Kennzeichen dieser Krankheit. Typisch für die Depression ist auch, dass sie sehr häufig ist, fast ein Volksleiden.

Für den Psychologen Paul Andrews von der Virginia Commonwealth University und den Psychiater Anderson Thomson von der Universität von Virginia ist das ein Argument dafür, dass die Evolution ihre Hand im Spiel hat.

Die Depression, argumentieren sie, ist vermutlich eine hilfreiche Anpassung unserer Psyche. Sie kostet Kraft, aber sie hat auch einen Nutzen. Das Bebrüten wichtiger Fragen hilft, die richtige Lösung zu finden. Der Traurige sieht schärfer. Nicht von ungefähr sind auch kreative Köpfe oft von depressiven Verstimmungen geplagt. Wer dagegen leichthin über alle schwierigen Probleme hinweggeht, kann am Ende auf die Nase fallen. Sollte sich die These der beiden Wissenschaftler erhärten, wäre das ein Rückschlag für alle jene, die uns glauben machen wollen, das Ziel des Lebens sei ein permanenter Glückszustand.

Immerhin, der Psychiater Thomson hat Konsequenzen gezogen und ist nun vorsichtiger beim Verschreiben von Psychopharmaka. Er zitiert das Beispiel einer Frau, die ihm auf die Frage, ob die verordneten Antidepressiva gewirkt hätten, geantwortet habe: “Es geht mir viel besser, aber ich bin immer noch mit dem gleichen Hundesohn von Alkoholiker verheiratet. Er ist jetzt einfach leichter zu ertragen.” Thomson unterstützt nun seine Patienten eher darin, eine Lösung ihrer Probleme zu finden, sich selbstständig aus dem Schlamassel zu befreien.


Weiterlesen auf www.tagesspiegel.de (Artikel erschienen am 21. März 2010)



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet