Hinfälligkeit im Alter und dessen gefährliche gesundheitlichen Folgen

Die Hinfälligkeit im Alter ist ein ebenso unterschätztes wie weit verbreitetes Problem. In den Industrienationen sind Stürze im Alltag und deren Komplikationen eine der häufigsten Todesursachen.

Der alte Herr hätte, ganz in Gedanken, in der Leipziger Straße fast das Aussteigen vergessen. Schnell sprang er noch ab, als die Straßenbahn schon wieder anfuhr, denn er wollte zu einer wissenschaftlichen Sitzung. Er stürzte und brach sich die Hüfte, genauer: den Oberschenkelhals. Davon hat er sich nicht mehr erholt. Mit 81 starb der Pathologe Rudolf Virchow nach monatelangem Krankenlager zu Hause am 5. September 1902. Künstlichen Gelenkersatz – Endoprothesen – gab es damals noch nicht. Heute erscheint die "neue Hüfte" bei Gelenkverschleiß oder –bruch im Alter fast als Routine. Viele leben damit tatsächlich wieder auf. Andere erfahren einen folgenreichen Sturz als Anfang vom Ende. Ein Bespiel: 100 Jahre nach dem berühmten Berliner Arzt stürzte eine unberühmte Berliner Witwe im eigenen Haus. Weil Nachbars Katze immer durch die Terrassentür hereinschlich, wollte sie zum Lüften künftig ein sonst immer geschlossenes Fenster auf halber Treppe öffnen, um so die Katze fernzuhalten. Das Fenster klemmte, sie riss am Griff, es flog auf und die Frau stürzte vier Stufen hinab. h5. In mehr als 40 Prozent der Fälle sind Stürze der Grund für das Problem Hüftbruch, Operation mit Gelenkersatz, Rehabilitation nur halb gelungen – als ins Heim. Dort hatte die alte Dame, zuvor noch recht aktiv, ständig Angst hinzufallen, wurde zusehends geistig und körperlich hinfälliger, saß bald im Rollstuhl und starb schließlich. Eine alltägliche Sturzgeschichte. Nach Erfahrung des Berliner Orthopäden und Unfallarztes Reinhard Koch bricht man sich beim Ausrutschen oder Stolpern im Freien am häufigsten das Handgelenk. Dagegen passiere die zweithäufigste und besonders folgenschwere Fraktur, der Oberschenkelhalsbruch, oft in der Wohnung. Stürze sind ein ebenso gravierendes wie unterschätztes und kostspieliges Gesundheitsproblem, vor allem im Alter. Die Zahlen sprechen für sich: So sind Stürze und die mit ihnen einhergehenden Komplikationen die fünfthäufigste Todesursache in den Industrienationen. Mehr als 30 Prozent der über 65-Jährigen stürzt mindestens einmal im Jahr, und mehr als 40 Prozent aller Einweisungen in Pflegeheime haben ihre Ursache in Stürzen. Kinder und Jugendliche oder Sportler stürzen zwar öfter als Bejahrte, sind aber fit genug, um die Folgen zu verkraften, falls überhaupt etwas passiert. Bei Älteren jedoch führt einer von fünf bis zehn Stürzen zu einer Verletzung, einer von 30 bis 40 zu einem Knochenbruch, jeder hundertste zu einem Bruch in der Nähe des Hüftgelenks. Meist bricht der dünne Oberschenkelhals in jedem zehnten Fall mit tödlichen Folgen, und viele Betroffene werden gehbehindert oder gar pflegebedürftig. Frauen stürzen öfter als Männer und verletzen sich dabei schwerer. Bis vor kurzem hat die Medizin sich vor allem mit der Behandlung der Sturzfolgen beschäftigt. Nun tritt die Ursachenforschung und die Sturzprävention in den Vordergrund. Eine Analyse zeigt, dass bei Älteren nur fünf bis zehn Prozent der Stürze äußere Ursachen wie Verkehrsunfälle haben. Den meisten Stürzen liegen vielmehr Einschränkungen der Beweglichkeit und Reaktionsfähigkeit zugrunde....
weiterlesen auf www.tagesspiegel.de (Artikel erschienen am 23.03.2011)



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