Grippewelle: Wenn Viren fliegen

Herbstzeit ist Grippezeit. Soll man Kinder impfen? Eine generelle Empfehlung gibt es noch nicht.

Hatschi! Jetzt geht es wieder los: Niesen in der U-Bahn, hustende Kollegen, die beteuern, sie seien nicht wirklich krank, fiebrige Kindergesichter in Kitas und Schulen. Familien überlegen sich jetzt, wie sie ihre Angehörigen gut und gesund durch die Saison bringen. Was kann man noch mal tun, um die Abwehrkräfte zu stärken? Wie war das mit dem Händewaschen? Braucht jemand in der Familie eine Grippeimpfung? Denn anders als Verkühlung oder grippaler Infekt kann die richtige Grippe (Influenza) anfällige Personen schwer treffen, einen Krankenhausaufenthalt mit sich bringen, im schlimmsten Fall sogar tödlich verlaufen.

Insgesamt schwankt das Ausmaß der Grippewelle laut Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) von Jahr zu Jahr stark: 2009, als es eine deutschlandweite Pandemie gab, wurden in Berlin 9458 Fälle gemeldet. 2012 waren es 397. Das Risiko ist aber ungleich verteilt: besonders gefährdet sind Über-60-Jährige. Hier empfiehlt die Ständige Impfkommission des staatlichen Robert-Koch-Instituts allen, unabhängig von der gesundheitlichen Verfassung, sich jedes Jahr im Oktober oder November impfen zu lassen - weil die Viren sich ändern und deswegen auch der Impfstoff angepasst wird. Und jetzt im Herbst, damit man schon während der erwarteten Hochphase rund um die Jahreswende geschützt ist. Der Körper braucht zehn bis 14 Tage, um Impfschutz aufzubauen.

Bei kleinen Kindern können scheinbar harmlose Symptome wie Probleme bei der Nasenatmung schneller bedrohlich werden als bei Erwachsenen

Am häufigsten trifft die Influenza Kinder und Jugendliche. Sie haben ein 20 bis 30 Prozent höheres Risiko zu erkranken als gesunde Erwachsene. In Berlin wurden 2013 laut LaGeSo 3313 Fälle gemeldet, mehr als 43 Prozent der Patienten sind unter 19 Jahre alt. "Das Immunsystem von Kleinkindern befindet sich erst im Aufbau, es lernt mit jeder Erkrankung, auf die unterschiedlichen Erreger zu reagieren", erklärt Cornelius Remschmidt vom Fachbereich Impfprävention am Robert-Koch-Institut. Säuglinge und Kleinkinder bis vier Jahre kommen nach Über-60-Jährigen auch am häufigsten wegen einer Influenza ins Krankenhaus. Scheinbar harmlose Symptome wie Probleme bei der Nasenatmung werden bei kleinen Kindern schneller bedrohlich als bei Erwachsenen. Deswegen wird auch geraten, früh einen Arzt aufzusuchen. Für an sich gesunde Kinder empfiehlt die Ständige Impfkommission des Robert- Koch-Instituts nicht explizit eine Grippe- Impfung. Sie rät aber auch nicht davon ab. Die Entscheidung sollte mit dem Kinder- und Hausarzt getroffen werden.

Kindern und Jugendliche gegen Influenza zu impfen kann aber auch andere schützen. Studien zeigen, dass durch eine hohe Impfquote bei Kindern und Jugendlichen auch gefährdete Erwachsene geschützt wären. Wegen dieser "indirekten Impfeffekte" werden in Großbritannien seit 2014 Zwei- bis 16-Jährige an Schulen geimpft. Auch in den USA und in Finnland wird empfohlen, schon Kinder zu impfen.

Nun drängen verschiedene Interessengruppen, darunter auch Pharma-Unternehmen, auf eine Entscheidung in Deutschland, ob die Impfempfehlung auf Kinder und Jugendliche ausgeweitet werden soll. Wichtige Punkte für die Diskussion sind dabei die Wirksamkeit des Impfstoffes und die Schwere der Krankheitsverläufe. Aber auch ökonomische Faktoren spielen eine Rolle: wie viel kostet der Impfstoff, wie viel an Behandlungskosten könnte man sparen? Für die Entscheidung der Kommission gibt es noch kein Datum. Generell rät Cornelius Remschmidt Eltern, "sich nicht treiben zu lassen vom Umfeld", etwa weil sich gerade alle anderen Eltern aus der Kita oder der Klasse für oder gegen die Impfung aussprechen. Am besten sei es, die eigene Situation mit dem Haus- oder Kinderarzt abzuklären.

Weitere Infos: www.impfen-info.de/grippe. Siehe auch Termin am 12. November um 19.30 auf Seite 11.



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