Waschtag für den Körper

Dialyse bestimmt den Lebensrhythmus dauerhaft. Doch der Prozess ist so eingespielt, dass ein relativ normaler Alltag möglich ist. Wir haben einen Patienten zu seiner regelmäßigen Blutreinigung in einer Friedrichshainer Praxis begleitet

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Dialysegerät Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der Frühling ließ lange auf sich warten, nun zeigen sich die ersten Sonnenstrahlen. Doch Eric Gräber (Name geändert) wird an diesem schönen Nachmittag besser in einem schattigen Raum liegen bleiben. Denn der 46-jährige Berliner ist Dialysepatient. Und heute ist Waschtag. Die beiden bleistiftdicken Kanülen kümmern ihn schon lange nicht mehr. Die herabhängenden Plastikschläuche, durch die sein Blut strömt, die rotierenden Pumpen der Dialysemaschinen, die fünf Stunden Wartezeit – seit drei Jahren gehört all das zu seinem Alltag. “Zeit zum Ausspannen”, sagt er und zieht die orangefarbene Acryldecke, die seine Beine und Füße bedeckt, etwas höher.

Drei Mal pro Woche legt sich der studierte Archäologe auf eine der 41 Behandlungsliegen in der Dialysepraxis Kreuzberg-Friedrichshain von Knut Bestvater, nicht weit entfernt von der Oberbaumbrücke. Gräber leidet seit seiner Geburt unter Zystennieren. Das sind Wassereinlagerungen im Gewebe, die das Organ schädigen. Schleichend, über mehrere Jahre hinweg, verlor seine Niere so ihre Funktion. Heute können Gräbers Nieren seinen Körper kaum noch richtig entgiften. Mediziner nennen das im Fachjargon eine Niereninsuffizienz.

Wie Gräber leiden die Dialysepatienten von Knut Bestvater unter einem chronischen Nierenversagen, dem eine jahrelang fortschreitende Nierenerkrankung oder ein schlecht eingestellter Diabetes vorangingen. Auch Arteriosklerosen, bei denen die Nierengefäße durch anhaltenden Bluthochdruck geschädigt werden, oder Autoimmunerkrankungen können in der Blutwäsche enden. Ebenfalls gefährdet sind Menschen, die Schmerzmittel – vor allem solche, die den Wirkstoff Ibuprofen enthalten – dauerhaft einnehmen müssen oder missbrauchen.

Das Tückische an Erkrankungen der Nieren ist, dass sie oft erst sehr spät bemerkt werden. “Nierenschäden tun nicht weh”, sagt Bestvater. Denn das Organ kann Schäden sehr lange kompensieren. Erst wenn ihre Leistung unter 15 Prozent der Reinigungsfähigkeit sinke, klagen die Betroffenen über Symptome einer Harnvergiftung wie etwa ständige Übelkeit. Denn die Niere regelt auch den Säurehaushalt des Körpers. Ohne ihre Hilfe übersäuert das Blut und reizt die Magenschleimhaut.

Die Waschtage begannen

Im Sommer 2010 bekam Eric Gräber die Probleme seiner Nieren immer deutlicher zu spüren. Es fiel ihm schwer, seinen Alltag zu meistern, so matt, lustlos und niedergeschlagen war er. “Ich fühlte mich richtig vergiftet”, erinnert er sich. Und so begannen die Waschtage. Der heute 47-Jährige war darauf vorbereitet, dass irgendwann Maschinen die Arbeit seiner Nieren übernehmen würden. Er kannte das schon von seinem Vater, der ebenfalls seit seiner Geburt unter Zystennieren litt.

In Deutschland sind rund 60 000 Menschen dialysepflichtig, rund 5000 davon leben in Berlin und Brandenburg – Tendenz steigend. Eine Dialyse sei nichts, vor dem man sich fürchten müsse, meint Knut Bestvater: “Kein Patient muss leiden.” Die Blutwäsche sei vielmehr ein ausgereiftes Verfahren, das zuverlässig die Funktion der Nieren übernehmen könne. Wichtig sei jedoch, dass die Entgiftung gründlich ist. Mindestens vier Stunden sind nötig, um das Blut korrekt zu filtern. Das bestimmen in Deutschland die gesetzlichen Vorgaben. Gräber und sein Arzt Bestvater legen noch eine Stunde extra drauf. Denn auch Dialysezeit ist Lebenszeit: Je sauberer das Blut, desto höher die Lebensqualität.

Zwei Verfahren der Blutwäsche haben sich durchgesetzt: die Hämodialyse und das Peritonealdialyseverfahren. Gräber entschied sich für erstere Variante. Der Patient besucht dabei drei Mal pro Woche die Dialysepraxis, legt sich auf ein Behandlungsbett und wird von der Krankenschwester über zwei transparente Plastikschläuche mit dem Dialyseapparat verbunden. Auch nach drei Jahren schaut Gräber lieber weg, wenn ihm die beiden Nadeln in den Arm gestochen werden. “Daran werde ich mich wohl nicht mehr gewöhnen”, sagt er. Über den einen Schlauch saugt die Pumpe der Dialysemaschine das Blut aus dem Körper und führt es zum Herzstück der Blutwäsche – dem Dialysator. Der graue, zylinderförmige Behälter erinnert äußerlich an eine alte Rohrpostkartusche. Doch im Inneren dieser künstlichen Niere verlaufen tausende Kapillarröhrchen, durch die das Blut strömt. Über die durchlässige Kunststoffmembran dieser Röhrchen nimmt die dem Blut entgegengesetzt fließende Spülflüssigkeit Giftstoffe aus dem Blut auf. Dabei machen sich die Mediziner das Diffusionsprinzip zunutze. Da die Giftstoffe im Blut höher konzentriert sind als in der Spülflüssigkeit, wandern sie über die Membran in die Dialyseflüssigkeit. Anschließend pumpt die Maschine das gereinigte Blut über den zweiten Schlauch wieder zurück in den Körper.

Pro Minute filtriert die künstliche Niere rund 300 Milliliter Blut, das unter hohem Druck aus dem Arm gesaugt und wieder hineingepumpt wird. Die Venen, die erreichbar für die Kanülen dicht unter der Haut der Innenseite des Unterarmes verlaufen, sind solch hohem Druck jedoch nicht gewachsen und führen auch nicht genug Blut. Mediziner verstärken deshalb diese Venen mit einer tiefer im Arm liegenden und reichlich Blut führenden Arterie durch einen sogenannten Shunt. Dafür ist eine etwa einstündige Operation nötig, die stationär oder ambulant durchgeführt werden kann. Anschließend muss die Dialysefistel – wie der Shunt auch genannt wird – noch vier bis sechs Wochen “reifen”, wie es Bestvater nennt: In dieser Zeit verheilt die Naht zwischen den beiden Blutgefäßen.

Die Hämodialyse ist sehr weit verbreitet. Rund 95 Prozent aller deutschen Dialysepatienten entscheiden sich für den Waschsalon in der Praxis oder Klinik. Fünf Prozent der Nierenkranken waschen ihr Blut lieber selbstständig zu Hause. Bei der Bauchfelldialyse oder dem Peritonealdialyseverfahren werden bis zu zweieinhalb Liter der Spüllösung über einen wenige Zentimeter über dem Bauchnabel eingesetzten Dauerkatheter in die Bauchhöhle gepumpt. Sie umspült das gut durchblutete Bauchfell, das die dort liegenden Organe ummantelt. Dieses wird so zur Dialysemembran: Die im Blut des Bauchfells konzentrierten Harnstoffe wandern in die Spüllösung und mit dieser anschließend aus dem Körper.

Ob Bauchfelldialyse oder Hämodialyse sei vor allem eine Frage des Typs. ‘Sind Sie eher aktiv und erledigen Dinge am liebsten selbst, dann ist die Bauchfelldialyse etwas für Sie’, sagt der Nephrologe Bestvater. “Andere Patienten lehnen sich lieber entspannt zurück und wollen von der Therapie so wenig wie möglich mitbekommen.” Für sie sei die Blutwäsche in der Praxis die bessere Wahl. Eric Gräber entschied sich für die Hämodialyse: “Ich möchte die Krankheit nicht mit nach Hause nehmen”. Mit seinem Chef hat er deshalb eine 30-Stunden-Woche vereinbart, so hat er genug Zeit, um drei Mal pro Woche Knut Bestvaters Praxis aufzusuchen und sich trotzdem seiner geliebten Archäologie zu widmen. Zwar sind Grabungen im ägyptischen Wüstensand als Dialysepatient vorerst passé. “Doch auch Brandenburg hat einiges zu bieten”, sagt Gräber.




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