Verein mit Herz

Die Gesellschaft der Freunde des Deutschen Herzzentrums Berlin organisiert Vorträge und sammelt Spenden, etwa für neue medizinische Geräte.

Die dreijährige Greta überlegt kurz und zeigt dann auf eine Stelle am Herzmodell aus Plastik: auf das sogenannte Vorhofseptum. Das Modell steht auf dem Besuchertisch des Kinderherzchirurgen Joachim Photiadis im Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) in Wedding. "Da ist es", sagt sie. Das Mädchen kennt die Wand zwischen den beiden Vorhöfen inzwischen. Denn hier klafft bei Greta ein großes Loch. In zwei Tagen wird der Herzchirurg es zunähen. Jetzt ist Greta mit ihren Eltern zur Voruntersuchung da. Joachim Photiadis, Chefarzt der Chirurgie Angeborener Herzfehler und Kinderherzchirurgie, erklärt der Familie aus Rostock noch einmal das Vorgehen.

Das DHZB gehört zu den weltweit führenden Herzkliniken - die Herz-Operation, die einst als Frevel galt, ist heute Routine für Herzchirurgen wie Photiadis. "Das Herz ist für den Menschen sehr zentral. Es ist für uns der Motor des Lebens", sagt er. "Für uns Ärzte aber ist es auch einfach eine Pumpe." Die sich im Notfall reparieren lässt.

Um Herzdefekte zu beheben, wird seit fast 30 Jahren am DHZB operiert und geforscht. Die Ärzte und Wissenschaftler dabei zu fördern, hat sich die Gesellschaft der Freunde des Deutschen Herzzentrums Berlin e.V. zur Aufgabe gemacht. Mit mehr als 600 Mitgliedern sammelt der Verein Spenden und Sponsorengelder mit Hilfe verschiedenster Veranstaltungen, mit Vorträgen und Charity-Events vom Trödelflohmarkt bis zur Benefiz-Gala. Alle Ideen sind willkommen. Der Präsident des Freundeskreises Peter Fissenewert sagt: "Wir sind kein Schickimicki-Verein. Die Idee ist, dass sich jeder unsere Veranstaltungen und die Mitgliedschaft leisten kann." So organisiert der Freundeskreis etwa unter dem Titel "Herztage" eine Vortragsreihe mit renommierten Rednern zu Themen rund ums Herz - der Eintritt kostet fünf Euro. Für die Mitgliedschaft zahlen die Freunde 30 Euro im Jahr. 

Etwa zehn Prozent der rund 700 Herz-Operationen im Jahr sind geförderte OPs, sie kosten zwischen 20 000 und 50 000 Euro 

Die jüngste Anschaffung, die das DHZB dem Freundeskreis verdankt, ist auf der Intensivstation der Kinderabteilung zu sehen. An jedem der zwölf Bettchen hängt seit vier Wochen ein sogenannter Sauerstoffblender zur Sauerstoffregulierung, zu je tausend Euro. Einer der Schläuche führt zur Nase eines Säuglings. Ein Blick auf das Schild zu seinen Füßen zeigt: Der Junge ist erst vor wenigen Tagen auf die Welt gekommen. Wegen eines komplizierten Herzfehlers hat er bereits eine Operation hinter sich.

Bis die Blender kamen, war das Personal hier ständig dabei, an den Bettchen das Luftgemisch aus Druckluft und Sauerstoff neu zu regulieren. Jetzt lässt es sich dank der frisch eingetroffenen Geräte elegant einstellen - was auch für das Personal eine enorme Entlastung ist. Die Anschaffung von Geräten, vor allem medizinischer Art, gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Freundeskreises. Es kann aber auch mal eine Runde Tablet-Computer für die Kinderstation sein. "Sonst langweilen sich die Kinder hier ganz fürchterlich", sagt Fissenewert. Was gerade benötigt wird, darüber befindet sich der Freundeskreis im ständigen Austausch mit dem Klinik-Personal.

Die Gesellschaft der Freunde des Deutschen Herzzentrums wurde 1988 auf Initiative des damaligen DHZB-Leiters Roland Hetzer gegründet. Die Spenden fließen auch in einzelne Projekte und Forschungsarbeiten - auch Joachim Photiadis ist mit Förderung des Vereins schon zu einem Forschungsaufenthalt in Melbourne aufgebrochen. Zudem gehört der Freundeskreis zu den Förderern von Herz-Operationen an Kindern, die mit ihren mittellosen Familien aus dem Ausland kommen.

In Photiadis' Kinderabteilung am DHZB gibt es pro Jahr rund 700 Herz-Operationen. Etwa zehn Prozent davon sind geförderte OPs. Sie kosten zwischen 20 000 und 50 000 Euro.

Wenn Joachim Photiadis Greta in zwei Tagen operiert, wird das etwa vier Stunden dauern. Keine zwei Monate ist es her, dass die Familie vom Herzfehler der Dreijährigen erfuhr - bei einer Routineuntersuchung. "Da ist man natürlich erst mal in einer Schockstarre", sagt Gretas Vater. "Es ist ja nie etwas aufgefallen bei ihr. Und dann erfährt man plötzlich, dass sie ein Loch im Herzen hat." Der Schreck wiegt schwer - doch die gute Nachricht beim sogenannten Vorhofseptumdefekt: Nach der OP gilt der Patient als gesund.

Große Narben beeinflussen die Psyche der Kinder, eine Endoskopkamera soll bei der Operation helfen

Früher sei es bei den OPs ums bloße Überleben gegangen, sagt der Chefarzt. "Sicherheit ist etwas, das für uns weit über der Kosmetik steht", sagt Photiadis an Gretas Eltern gewandt. "Heute geht es aber auch um die Lebensqualität nach der Operation." Daher sucht Photiadis nach Alternativen für den Schnitt, mit dem er den kleinen Brustkorb komplett öffnet, um an das Herz zu gelangen. Denn eine 20 Zentimeter lange Narbe, die senkrecht über den Brustkorb läuft, kann eine enorme Wirkung auf die Psyche haben. Studien haben gezeigt, dass mit der Länge der Narbe auch das Krankheitsgefühl wächst. "Kinder, die eigentlich gesund sind, fühlen sich oft wegen der Narbe krank", sagt Photiadis.

Daher hat er eine Methode mit entwickelt, mit der man über einen seitlichen Schnitt zum Herz gelangt. Derzeit sammeln die Freunde des Herzzentrums für eine Endoskopkamera, zur Weiterentwicklung sogenannter minimalinvasiver Operationsverfahren an Kindern. Die Kamera führen die Ärzte dann über den Schnitt an der Seite ein, ebenso wie die chirurgischen Instrumente. Über einen Monitor wird dann operiert. Die Kosten für die Kamera: 30 000 Euro.

Bis die Kamera da ist, kann Photiadis in leichteren Fällen wie dem von Greta eine Kamera aus der Erwachsenenmedizin verwenden. In der vierstündigen Operation wird er bei Greta über einen Schnitt an den Rippen das Loch in ihrem Herz flicken. Fünf bis sieben Zentimeter wird die Narbe lang sein.

Kann durch die Hilfe der Freunde des Herzzentrums die andere Kamera angeschafft werden, kommt das Verfahren auch für kompliziertere Eingriffe infrage. Außerdem schrumpft die Narbe nochmals um ein paar Zentimeter. Dann haben Kinder wie Greta nach diesem großen Einschnitt in den ersten Lebensjahren eine gute Chance, sich wieder ganz gesund zu fühlen.

Peter Fissenewert hält am 4. Juni um 19 Uhr einen Vortrag zum Thema "Patientenverfügung, Betreuungsverfügung, Vorsorgevollmacht" und am 23. September 19 Uhr bietet der Verein den Vortrag "Neue Kabel für das Herz - Alles rund um den Schrittmacher" an. Beider Veranstaltungen finden im Herzzentrum statt; Eintritt jeweils 5 Euro, Anmeldung unter der Tel. 4593 2002 oder per E-mail an scheffler@freunde-dhzb.de; weitere Informationen unter www.herzfreunde.de; Spenden an: Gesellschaft der Freunde des DHZB e.V., Commerzbank, IBAN: DE29 1008 0000 0568 6222 00, BIC: DRES DE FF 100



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