Tiefe Verzweiflung

Viele syrische Flüchtlinge leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie bekommen selten psychiatrische Hilfe.

Nachts lassen die Albträume Aram Saman* schlecht schlafen, tagsüber versinkt er in endlosem Grübeln, Bilder von Leichen und Flucht drängen sich in seinen Kopf und immer wieder der Gedanke an Suizid. So absurd das klingen mag, sein Zustand ist nichts Außergewöhnliches, sondern eine "normale Reaktion eines normalen Menschen auf eine abnormale Situation", wie das Psychiater beschreiben. Saman ist aus dem syrischen Bürgerkrieg geflohen. Er leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Saman hat Dinge erlebt, die von solch "außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmaß" sind, so formuliert die Weltgesundheitsorganisation, das fast jeder Mensch in "eine tiefe Verzweiflung" stürzen würde.

"Jeder Syrer der vor dem Krieg geflohen ist, braucht psychische Unterstützung", sagt er. Deshalb sitzt er jetzt im fünften Stockwerk des St. Hedwig-Krankenhauses, in der Psychiatrischen Institutsambulanz der Charité, die auch Sprechstunden für Flüchtlinge und Asylbewerber anbietet. "Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind posttraumatische Belastungsstörungen bei Flüchtlingen und Asylbewerbern um das Zehnfache erhöht", sagt Oberärztin Meryam Schouler-Ocak, die die Ambulanz leitet.

Der Vater von sechs Kindern möchte nicht erkannt werden. Er fürchtet noch immer um sein Leben. Nennen wir ihn Aram Saman - der "friedliche Wohlhabende". In Syrien hatte es Herr Saman weit gebracht. Nach dem Studium machte er Karriere in einem Staatsunternehmen, wurde bald stellvertretender Direktor. Seine Familie lebte in Wohlstand.

Durch wiederholtes Nacherleben der furchtbaren Ereignisse können sich die Narben noch tiefer eingraben

Oktober 2013. Der syrische Bürgerkrieg ist in vollem Gang. Die Terrororganisation Jabhat al Nusra, in Deutschland unter dem Namen Al-Nusra-Front bekannt, steht 15 Kilometer vor Samans Heimatstadt im Nordosten Syriens. Als Beamter, zumal kurdischer Herkunft, ist Aram Saman in Lebensgefahr. Der 40-Jährige sieht für sich, seine Frau und die sechs Kinder nur einen Ausweg - die Flucht. Er hofft, zu entkommen, und stürzt doch in den nächsten Abgrund, eine gefährliche Odyssee durch einen Kontinent, der ihn und seine Familie nicht willkommen heißt.

Unter Beschuss überqueren sie die syrisch-türkische Grenze. Von Istanbul aus geht es mit einem Reisebus nach Edirne, einen kleinen türkischen Ort wenige Kilometer vor der bulgarisch-türkischen Grenze. Von der Europäischen Union trennen sie jedoch Stacheldraht, Hunde und Grenzpatrouillen. Versteckt auf der Ladefläche eines Lasters gelingt es der Familie, die EU-Grenze zu passieren. Aber in Sicherheit sind sie noch lange nicht. Die Flüchtlingsfamilie wird in Harmanli, einer ehemaligen Militärkaserne, "wie Tiere zusammengepfercht", sagt Saman. Bargeld, Essen und Telefone werden ihnen abgenommen. Für 1000 Menschen gibt es nur acht Duschen. "Ich kann Ihnen Sachen erzählen, die werden Sie nicht glauben", sagt Saman. Doch Ambulanzleiterin Schouler-Ocak unterbricht. Sie fürchtet, dass Saman retraumatisiert werden könnte. "Durch das wiederholte Nacherleben der furchtbaren Ereignisse können sich die Narben noch tiefer eingraben", sagt sie. Es sei wichtig, die Erlebnisse kontrolliert aufzuarbeiten.

Er erzählt trotzdem noch etwas: "Wer nicht spurte, wurde getreten und geschlagen." Tagelang habe es nichts zu essen gegeben. Und es fehlt an medizinischer Versorgung. Samans Tochter Nesrim*, damals zehn Jahre alt, leidet an einem Diabetes und wird schwer krank. Etliche Tage dauert es, bis Nesrim einen Arzt sieht. "Die Ungewissheit, wie es weitergehen würde, hat mich fast wahnsinnig gemacht." Nach zweieinhalb Monaten wird Samans Familie auf die Straße gesetzt - ohne jegliche Unterstützung. Saman will weiter nach Deutschland: "In Bulgarien gab es nicht einmal Medikamente für die eigene Bevölkerung, wie sollte da meine kranke Tochter versorgt werden."

Viele Geflüchtete erleben einen anhaltenden traumatischen Prozess

Nach anderthalb Jahren Odyssee kommt die Familie in Deutschland an. Im syrischen Bürgerkrieg und auf ihrer Flucht wurde die Familie immer wieder mit existenzieller Bedrohung, Entwürdigung und Tod konfrontiert. Saman hat nicht nur Heimat, Arbeit und Zukunft verloren. Auch seine Grundfesten wurden erschüttert: Die Zuversicht, dass das Leben Sinn macht, der Glaube an die Mitmenschen und dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Psychologen sprechen von einer Mehrfachtraumatisierung oder einer sogenannten sequenziellen Traumatisierung, denn viele Geflüchtete erleben einen anhaltenden traumatischen Prozess.

Das wirkt sich auch auf die Arbeit der Psychiatrischen Institutsambulanz aus - eine klassische Psychotherapie ist oft nicht möglich. "Häufig müssen wir erst einmal die Grundlagen schaffen, die eine Therapie ermöglichen", sagt Oberärztin Schouler-Ocak. Bei suizidgefährdeten oder traumatisierten Patienten sind das Krisengespräche und die sogenannte Psychoedukation, die den Betroffenen über die Ursachen seiner Beschwerden aufklärt. Die Ärzte können auch Medikamente wie Antidepressiva verschreiben. "Neben der Psychotherapie müssen wir die Patienten auch in ihrem Alltag stärken", sagt die Psychiaterin. In ihrem Team sind die Sprachen Arabisch, Russisch oder Türkisch vertreten, Sozialarbeiter helfen den neu angekommenen Patienten, sich in der ungewohnten Kultur zu orientieren, dazu kann auch mal ein Zoobesuch gehören. Sie übersetzen Papiere, vermitteln Beratungsangebote, um den Aufenthaltsstatus zu klären. 

Wie gut ein Mensch mit solchen traumatischen Erfahrung umgehen kann, hängt auch von den Ressourcen ab, die ihm zur Bewältigung zu Verfügung stehen. Nicht jede Extrembelastung zieht eine dauerhafte posttraumatische Belastungsstörung nach sich. "In einem sicheren und sozial stützenden Umfeld können die meisten Menschen Traumata besser verarbeiten, ohne dass Psychiater oder Psychotherapeuten eingreifen müssen", sagt Schouler-Ocak. Doch wenn eine psychische Intervention nötig ist, dann sei eine Traumatherapie erst möglich, wenn die Bedrohung vorbei ist, sagt die Medizinerin. Die Angst vor einer Abschiebung, also vor erneuter Gewalt und Lebensgefahr, lasse die Geflüchteten nicht zur Ruhe kommen.

Es mangelt an psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung

Laut einer Studie aus dem Jahr 2008 leiden 40 Prozent der Asylbewerber unter einer posttraumtischen Belastungsstörung. Doch Hilfe ist rar. "Traumatisierte Flüchtlinge und Asylbewerber werden in Deutschland nicht ausreichend psychiatrisch und psychotherapeutisch versorgt", sagt Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie. Die wenigsten Geflüchteten finden eine Therapie bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten. Kulturelle und sprachliche Barrieren erschweren die Therapie zusätzlich. Auch mangelt es an Dolmetschern. Die Lücke füllen ambulante Angebote wie die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) im St. Hedwig-Krankenhaus oder das Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo). Doch mit der aktuellen Entwicklung der Flüchtlingszahlen sind sie heillos überfordert.

Das Asylbewerberleistungsgesetz gewährt bisher nur einen Therapieanspruch bei "akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen". Jede weitere ärztliche Behandlung muss vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) bewilligt werden - und das kostet Zeit. "Die genehmigungspflichtige Psychotherapie und die fehlende Erstattung von Dolmetscherkosten sind große Hürden, um einen adäquaten Zugang zum Hilfesystem zu ermöglichen", sagt Schouler-Ocak. Syrische Flüchtlinge sollen schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden, lautet eine häufige politische Forderung. Das würde der Wirtschaft nützen - und den Geflüchteten helfen, Traumata zu überwinden. Dazu brauchen sie aber oft neben Sprachkursen auch eine Psychotherapie.

Aram Saman muss noch vieles verarbeiten, aber er ist froh, endlich angekommen zu sein: "Ich bin der deutschen Bevölkerung für ihre Hilfsbereitschaft sehr dankbar." Für seine Kinder hofft er auf eine Zukunft in Deutschland. Er selbst kann sich nicht vorstellen, für immer zu bleiben. "Ich fühle mich hier wie entwurzelt. Ich hoffe, dass ich irgendwann nach Syrien zurückkehre." (*Name geändert)

Informationen zum Thema psychische Erkrankungen gibt es in der aktuellen Ausgabe von Tagesspiegel "Gesund". Das Heft ist für 6,50 Euro erhältlich unter Tel. (030) 29021 - 520 und im Zeitschriftenhandel.



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