Spezielles Fahrzeug rettet Schlaganfallpatienten

Beim Schlaganfall zählt jede Minute. Das neuartige, in Berlin entwickelte Stroke-Einsatz-Mobil (STEMO) ist seit zwei Jahren in Berlin im Testeinsatz. Jetzt hat eine Studie herausgefunden: Die Patienten profitieren wirklich von dem Gefährt.

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Das Schlaganfall-Einsatzfehrzeug, Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Akute Schlaganfälle sind zu Recht gefürchtet, und das ist kein Wunder: In jeder Minute, in der Hilfe ausbleibt, gehen fast zwei Millionen Nervenzellen unrettbar verloren. Akute Schlaganfälle hinterlassen oft bleibende Schäden im Gehirn oder zumindest Handicaps, die eine gewisse Zeit andauern und oftmals nur durch hartnäckiges Training überwunden werden können. Halbseitige Lähmungen, Einschränkungen der Beweglichkeit und der Verlust der Sprache können die Folge sein. In den meisten Fällen kommt es dazu, weil ein Blutgefäß im Gehirn durch ein Gerinnsel verstopft wird: Der Blutfluss und damit die Versorgung mit lebenswichtigem Sauerstoff und mit Glukose werden dadurch behindert.


Dann ist es entscheidend, den Pfropf möglichst schnell durch eine medikamentöse Behandlung aufzulösen.

Die gefährliche Frage nach der richtigen Behandlung “Thrombolyse”, so heißt das medizinische Zauberwort. Die Behandlung ist nur innerhalb eines bestimmen Zeitfensters möglich, mehr als viereinhalb Stunden sollten ab Beginn der Symptome nicht vergehen. Je früher der Stoff namens tPA (das steht für: tissue-Plasminogen Activator) in die Vene gespritzt wird, desto wirksamer ist die Therapie und desto mehr Hirngewebe kann vor dem unwiderruflichen Untergang bewahrt werden.

Ein Schlaganfall kann allerdings auch andere Ursachen haben, etwa eine Blutung im Gehirn. In einem solchen Fall würde die durchblutungsfördernde Lyse-Therapie eine zusätzliche Gefährdung des Betroffenen darstellen. Es kommt für die behandelnden Mediziner also darauf an, möglichst schnell Bescheid zu wissen – um dann die richtige Entscheidung treffen zu können.


Seit zwei Jahren ist das STEMO im Einsatz

Das ermöglicht seit zwei Jahren ein spezielles Einsatzfahrzeug, das sich kurz und bündig STEMO (Stroke-Einsatz-Mobil) nennt. Das Rettungsfahrzeug hat nämlich Geräte an Bord, die für eine wegweisende Diagnostik unentbehrlich sind: einen Computertomografen (CT) für Röntgenaufnahmen und ein Labor im Kleinformat. Als ein “Stück deutscher Ingenieurskunst” bezeichnet der Charité-Neurologe Heinrich Audebert das Gefährt, das aus Mitteln des Zukunftsfonds des Landes Berlin, des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung und durch die Investitionsbank des Landes Brandenburg gefördert wurde. Ein Konsortium aus Charité, Berliner Feuerwehr und den in Brandenburg ansässigen Firmen Meytec GmbH und Brahms GmbH hat es entwickelt. Das geschulte Rettungspersonal, zu dem ein Neurologe mit Zusatzausbildung zum Notarzt und ein medizintechnischer Radiologieassistent gehören, kann mit diesen Geräten schnell andere Ursachen ausschließen und gegebenenfalls grünes Licht für die Lyse-Therapie geben. Telemedizinischer Kontakt mit der neuroradiologischen Einheit des Centrums für Schlaganfallforschung der Charité hilft dabei. Anschließend kann die Behandlung dann eventuell auch noch im STEMO-Gefährt selbst stattfinden.


Der Testeinsatz zeigt: Das STEMO funktioniert

Audebert und seine Kollegen haben jetzt in einer ersten wissenschaftlichen Untersuchung ermittelt, was das bringt: Für die Studie zur “prähospitalen akuten neurologischen Therapie und Optimierung der Versorgung von Schlaganfällen”, kurz: PHANTOM-S, die bisher größte ihrer Art zur Versorgung von Schlaganfall-Patienten vor Erreichen des Krankenhauses, wurden Daten von über 7000 Patienten zusammengetragen, die in einem Zeitraum von 21 Monaten wegen Verdachts auf Schlaganfall per Rettungsfahrzeug in eine von 28 beteiligten Kliniken gebracht wurden. Dabei wurde das STEMO bewusst nur in jeder zweiten Woche eingesetzt, in den Wochen dazwischen kam ein reguläres Rettungsfahrzeug zum Einsatz.


Die Ergebnisse der Studie sind positiv

Erstes Ergebnis: In den STEMO-Wochen konnte die Rate an lebensrettenden Lyse-Behandlungen um die Hälfte gesteigert werden, von 21 Prozent auf 33 Prozent. Üblicherweise dauert es eineinhalb Stunden, bis mit der Thrombolyse begonnen wird. Unter den günstigen Bedingungen der Studie wurden auch die Schlaganfallopfer, die in einem normalen Rettungsfahrzeug in die Klinik gebracht worden waren, etwas schneller behandelt als üblich, nämlich innerhalb von 77 Minuten. Konnte man jedoch auf die Ausstattung im STEMO zurückgreifen, verging vom Anruf bis zur Lyse nicht einmal eine Stunde. Und in den Fällen, in denen nicht allein die Diagnostik, sondern auch die Behandlung im Fahrzeug gemacht wurde, waren es noch einmal ein paar Minuten weniger. Das erklärte Ziel, den Ablauf zu beschleunigen und unnötige Übergaben zu vermeiden, wurde also erreicht. Das ist bemerkenswert, weil Berlin bei der raschen Versorgung von Notfallpatienten ohnehin schon sehr gut dasteht. Das STEMO deckt einen Wohnbereich mit über einer Million Einwohnern ab. “Wir rechnen damit, dass in Berlin in jedem Jahr 5000 bis 6000 Patienten davon profitieren”, so Audebert.


Der Einfluss auf die Überlebensraten ist fraglich

Noch sind einige Fragen offen. So wurde bisher nicht ermittelt, ob das größere Tempo, das dank des STEMO vorgelegt werden kann, sich auch in besseren Überlebensraten niederschlägt. Fraglich ist auch, wie sinnvoll es unter dem Strich ist, Fachärzte mit einer Zusatzausbildung für die Fahrten mit dem Einsatzgerät aus den Krankenhäusern abzuziehen. In einer einjährigen Verlängerungs-Studie wollen die Charité-Neurologen nun unter anderem herausfinden, welche gesundheitsökonomischen Auswirkungen der Einsatz des STEMO hat.

Berlins gute Rettungsstruktur begünstigt STEMO-Einsatz Schlaganfälle sind in Deutschland derzeit nach Herzinfarkten und Krebserkrankungen die dritthäufigste Todesursache. Sie sind aber auch die wichtigste Ursache von Behinderungen, die Menschen im Lauf ihres Lebens bekommen.

Audebert betonte bei der Vorstellung des Fahrzeugs und der Studie: “So ein Fahrzeug funktioniert nur, wenn es in eine funktionierende Rettungsstruktur eingebunden ist.” In Berlin habe zum Erfolg beigetragen, dass die Leitstellen der Feuerwehr in über der Hälfte der Fälle allein aufgrund der Informationen am Telefon den richtigen Verdacht hatten. Nur unter dieser Voraussetzung kann das kostbare STEMO seiner Bestimmung gemäß eingesetzt werden.

Als die Berliner PHANTOM-S-Studie im Mai bei der European Stroke Conference in London vorgestellt wurde, war auch das Einsatzfahrzeug in die britische Hauptstadt mitgereist. Es sei ständig eine Traube von Menschen darum versammelt gewesen, berichtet Audebert. Berlin hatte etwas Innovatives zu bieten.




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