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Selbsthilfe und die Pharmaindustrie: Werben im virtuellen Wartezimmer

Gesundheit ist im Netz beliebter als Erotik. Patienten suchen Infos und Selbsthilfe. Doch manchmal finden sie nur Pharma-Marketing

Sie sprechen ganz ohne Hemmungen über ihr Problem: zum Beispiel über sexuellen Missbrauch, über Alkoholabhängigkeit, psychische Erkrankungen oder tabuisierte gesundheitliche Einschränkungen wie einen künstlichen Darmausgang. Dabei haben sich die meisten von ihnen noch nie gesehen: Mitglieder von Selbsthilfegruppen, die sich ausschließlich im Internet treffen. 95 Prozent der 360 bundesweiten Selbsthilfeorganisationen haben inzwischen eine eigene Internetseite mit ständig wachsendem Publikum.

Im Netz stößt das Thema Gesundheit auf mehr Interesse als Erotik. Nicht nur um Selbsthilfegruppen geht es den Patienten im Netz: Viele suchen vor einem Arztbesuch im Internet nach Informationen, noch mehr recherchieren danach im Netz. Doch Medizinportale werden häufig von Anbietern betrieben, die auf diesem Weg ihre Präparate verkaufen oder an der Werbung verdienen wollen. Und auch einige Seiten von Selbsthilfegruppen würden von der Arzneimittelindustrie gesponsert oder gar gegründet, sagt der Berliner Onkologe Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ). Diese Seiten grenzten sich nicht ausreichend von kommerziellen Interessen ab. Und immer wieder komme es vor, dass selbst ernannte Experten Reklame für Medikamente machten.

Ludwig sieht das Internet als neues Einfallstor für unkontrolliertes Marketing der Pharmaindustrie. Es werde mit subtilen Methoden gearbeitet. Im Zusammenhang mit sachlichen Informationen zu einem Krankheitsbild werde gleichzeitig auf neue, manchmal noch nicht ausreichend untersuchte Medikamente hingewiesen. Außerdem hat er nach kritischen Gesundheitssendungen im Fernsehen beobachtet, wie in Internetforen angeblich Betroffene Aussagen dieser Sendungen diskreditiert hätten. Ludwig vermutet dahinter Pharma-Mitarbeiter. Misstrauisch wird er besonders dann, wenn er auf Webseiten von Selbsthilfegruppen liest: „Es gibt ein neues Medikament, fragen Sie Ihren Arzt.“ So werde auf Ärzte häufig „Verschreibungsdruck“ für neue und teuere Arzneimittel ausgeübt, sagt Ludwig. Seiner Meinung nach gibt es Hinweise darauf, dass die Pharmaindustrie so das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente unterwandert. Um nicht in den Verdacht zu geraten, „gekauft“ zu sein, sollten Selbsthilfegruppen zu Krankheit und Symptomen besser allgemeine Informationen geben statt Ferndiagnosen zu stellen, lieber Inhalts- und Wirkstoffe nennen statt Namen von Medikamenten. „Eine Vielzahl von rechtlichen Fragen muss geklärt werden“, sagt Andreas Renner von der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe. „Sollen wir eine Zensur haben oder alle Beiträge stehen lassen? Wie gehen wir mit dem Urheberrecht um? Wie steht es mit der Barrierefreiheit?“

Die Internetauftritte der Selbsthilfegruppen werden größtenteils von Betroffenen für Betroffene gestaltet, also oft von Laien. „Es gibt große Unterschiede in der Funktionalität der Websites“, hat Miriam Walther festgestellt, die bei der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (NAKOS) für das Projekt „Selbsthilfe und Neue Medien“ zuständig ist. Fast die Hälfte der Seiten bietet die Möglichkeit des virtuellen Austausches über Foren und Chats.

Selbsthilfe im Internet hat besonders für Menschen mit seltenen Krankheiten, eingeschränkter Mobilität oder wenig Zeit Vorteile. Wer sich wegen seiner Gesundheitsprobleme schämt oder sein Problem noch gar nicht erkannt hat, findet leichter Zugang. Im Internet ist die Hemmschwelle dank Anonymität niedriger. Der Diplompädagoge Holger Preiß hat zum Thema virtuelle Selbsthilfe promoviert und die Antworten von rund 1000 Nutzern ausgewertet. Das Vorurteil, die Online-Selbsthilfe sei nur ein schwacher Ersatz für den persönlichen Kontakt, sah er nicht bestätigt. 61 Prozent der Nutzer haben über das Internet auch private Kontakte geschlossen. Der typische Nutzer von Online-Selbsthilfeportalen ist prozentual häufiger weiblich, jünger als der Bevölkerungsschnitt und oft Großstädter.

Von den gesetzlichen Krankenkassen, die die gesundheitsbezogene Selbsthilfe jährlich mit rund 40 Millionen Euro unterstützen, wird die virtuelle Variante wegen fehlender Qualifizierungsmerkmale bislang als nicht förderungswürdig angesehen. Preiß kritisiert das: Bei einer herkömmlichen Selbsthilfegruppe sei die Qualität sogar schlechter überprüfbar als im Internet. Ein Gemeinschaftsgefühl unter den Mitgliedern virtueller Gruppen entsteht etwa durch Fotos, Blogs, Geburtstagslisten oder gemeinsame Kalender. Da kann es allerdings Probleme mit dem Daten- und Persönlichkeitsschutz geben. Deshalb können geschützte Forenbereiche sinnvoll sein.

Broschüre „Internetbasierte Selbsthilfe“ unter www.nakos.de, Tel: 030/31018960

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Von Daniela Noack

Artikel zuletzt aktualisiert am: 01.03.2012

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