Schutzzonen für die Seele

Welche Bedeutung haben Räume für die psychische Gesundheit? Das will eine Tagung an der Charité klären –mit Sasha Waltz und Philosoph Peter Sloterdijk.

Links von Bernhard Haslinger steht sein Schreibtisch, mit Computer, Büchern, Notizzetteln, Unterlagen, Telefon. Symbole eines grauen Alltags. Hinter ihm: die Idylle. Ein Blick durchs geöffnete Fenster genügt. Knorrige alte Bäume wurzeln auf einer sattgrünen Wiese, Parkbänke stehen wie hingetupft, Vogelgezwitscher. Haslinger dreht sich um, sein Blick wird für einen Moment verträumt. Dann sagt er: "Das alte Gebäude mit seinen Gärten ist für unsere Patienten optimal."

Für Besucher sind die Bänke, Bäume und Vögel erst mal nur Teil des Gartens der Alten Nervenklinik der Charité. Für den Psychiater und Psychotherapeuten Haslinger sind sie wesentliche Bestandteile einer Therapie. Hier können sich Patienten sicher fühlen vor inneren und äußeren Bedrohungen, eine Schutzzone für geschundene Seelen. "Raum und Psyche", das ist Haslingers Thema. Für ihn kreist alles um die Frage: Welche Räume hält die Gesellschaft bereit, um seelisch gesund zu bleiben oder wieder gesund zu werden? Welche Bedeutung hat der Raum für seelische Gesundheit?

Eine enorme, davon ist der Leiter des Früherkennungs- und Therapiezentrums für beginnende Psychosen an der Psychiatrischen Institutsambulanz der Charité überzeugt. Aber wie sieht diese Bedeutung im Detail aus? Wie kann das therapeutische Milieu verbessert werden? Wo stößt dieser Versuch an Grenzen? Und wie kann man sie überwinden? Das sind Fragen, die bei einem Symposium am 18. Juli in der Charité (Informationen: raumundpsyche@charite.de) behandelt und im besten Fall auch beantwortet werden sollen. Ein Gesundheitsökonom, eine Architektin, ein Historiker, aber auch der Philosoph Peter Sloterdijk gehören zu den Experten. Die Idee zum Symposium stammt von Bernhard Haslinger, er hat das Konzept erarbeitet und leitet die Organisation. Ein Mann mit weicher Stimme und wachen Augen. Er erklärt erst mal grundsätzlich die Bedeutung des Raums für seine seelische Therapie. Es geht ihm auch um die Frage, ob die Gesellschaft diese Bedeutung erkennt. "Kümmert sich die Gemeinschaft darum, dass für Menschen in seelischen Krisen bedürfnisgerecht gestalteter Raum zur Verfügung steht?" Oder werden sie einfach weggesperrt? Noch viel bedeutsamer ist eine andere Frage, die direkt ins Gefühlszentrum der Patienten führt: Wie ist das Milieu der Klinik gestaltet? Vermittelt es Wärme? Oder herrscht die kalte Atmosphäre eines nüchternen Verwahrraums, seelenlos, Produkt einer kostengünstigen Zweckarchitektur?

Haslinger hat schon in einigen Häusern gearbeitet, er kennt die Probleme. "Viele Kliniken haben sehr beengte Verhältnisse", sagt er. Das heißt, dass die gefühlte persönliche Schutzzone, die so wichtig ist, immer wieder überschritten wird. "Wenn man viele Leute, die unter Hochspannung stehen, zusammenbringt, eskaliert es", sagt Haslinger. Eigentlich brauchen die Patienten große, weitläufige, vielfältig gestaltete Räume, die unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden. Ein total überreizter Patient wird ruhiger, wenn seine Umgebung nicht permanent optisch Signale aussendet. Wenn er auf ruhige Farben stößt, auf wenig Gegenstände. Ein Patient, der dagegen erfüllt ist von innerer Leere, der Impulse von außen benötigt, "für den", sagt Haslinger, "können Anregungen von außen und neue Wahrnehmungen hilfreich sein".

Auf seinem Rechner erscheint der Beweis, dass dieses Konzept realisierbar ist. Haslinger hat Fotos der Cafeteria der Psychiatrischen Klinik der Charité im St.-Hedwig-Krankenhaus aufgerufen. "Die Kollegen haben es geschafft, mit enthusiastischer Architektur und einem risikobereiten Geschäftsführer etwas Neues zu vollziehen." Das Alte waren düstere Räume neogotischer Krankenhausarchitektur, wuchtig, einschüchternd. Jetzt ist alles hell, die Atmosphäre ist warm und entspannend. "So muss die psychiatrische Klinik der Gegenwart ein."

Auch wichtig: Können die Patienten raus? Ins Freie, in den Garten, die Natur, auch wenn eine Entlassung aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung noch nicht möglich ist? Können Sie Düfte aufnehmen? Vogelgezwitscher hören? Genießen Sie eine Idylle wie hinter Haslingers Fenster? Fast hätten die stationären Patienten der alten Nervenklinik dies nicht mehr gehabt. Bei der Sanierung der Charité gab es den Plan, die Psychiatrische Klinik in ein Mehretagenhaus zu verlegen, ohne Zugang zum Garten. Aus den Räumen der alten Nervenklinik sollte ein Verwaltungsgebäude werden. Nach massiven Protesten blieb aber alles beim Alten. Auch deshalb findet das Symposium hier statt. In vielen anderen Häusern können Patienten nicht in den Garten, es fehlt Personal. "Wenn ein schwer kranker Mensch nur in Begleitung nach draußen kann, aber gerade kein Pfleger frei ist, bleibt er notgedrungen drin", sagt Haslinger. Wie oft hat er den Vorwurf von Pflegern und Patienten gehört: "Wir brauchen mehr Platz." Und natürlich mehr Personal.

Nur, Haslingers Überzeugungen kollidieren mit den Problemen des grauen Alltags. Genau deshalb wird das Thema vielfältig beleuchtet. Thomas Bock vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Vertreter einer anthropologischen Psychiatrie, schildert seelische Innenräume von Menschen in seelischen Krisen. Peter Sloterdijk, Rektor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, redet über die existenzielle Bedeutung des Raums für Menschen. Tänzer der Compagnie Sasha Waltz & Guests zeigen die Performance "Rausmausloten", eigens fürs Symposium choreografiert. Die Architektin Christine Nickl-Weller von der TU Berlin wird fragen: "Wie kann Architektur heilen?".

Wie im St.-Hedwig-Krankenhaus. Dort wurde eine Art Gesamtkunstwerk zustande gebracht. Der Architekt hat dafür am 3. Juli den Jurypreis des Bundes Deutscher Architekten erhalten. "Er hat es sogar geschafft", sagt Haslinger stolz, "unter den üblichen Kosten zu bleiben."



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