Rheuma-Therapiebäder: Im Wasser geht’s besser

Wer sich viel bewegt und schwimmt, lindert dadurch Schmerzen an Gelenken und Knochen. Doch immer mehr Therapiebecken in Berlin werden geschlossen. Die Berliner Rheuma-Liga plant jetzt ihr eigenes „Generationenbad“ in Mariendorf – ausgerichtet speziell auf die Bedürfnisse der Patienten

Noch ist nicht viel zu sehen: Ein von Spontanvegetation überzogenes Grundstück, im Hintergrund einige Garagen, die offenbar noch aus den 50er Jahren stammen, am Horizont die Dorfkirche von Mariendorf. Doch wenn alles klappt, wird hier bald Berlins erstes Generationenbad entstehen: Ein Ort, der speziell auf die Bedürfnisse rheumakranker Menschen ausgerichtet ist und „Generationenbad“ heißt, weil – entgegen der Volksmeinung – nicht nur ältere Menschen von Rheuma betroffen sind, sondern alle, auch viele Kinder. „Wir reden von 2000 rheumakranken Kindern und Jugendlichen und 60 000 Erwachsenen allein in Berlin“, sagt Helmut Sörensen, Präsident der Berliner Sektion der Deutschen Rheuma-Liga, die Träger des Generationenbades ist. Ihre Zentrale liegt gleich neben dem Grundstück in Mariendorf.

Rheuma: Sammelbegriff für eine Vielzahl von Leiden, die alle mit den Knochen und Gelenken zu tun haben. Am häufigsten ist die Arthrose, ein – zumeist, aber nicht nur – altersbedingter Gelenkverschleiß. Daneben gibt es das Weichteilrheuma, das, wie der Name schon sagt, nicht die Gelenke betrifft, sondern sich als diffuser Schmerz vor allem in den Muskeln äußert. Umstritten ist, ob er physisch oder psychisch bedingt ist. Vergleichsweise selten ist die rheumatoide Arthritis, eine Autoimmunkrankheit, bei der sich das körpereigene Immunsystem gegen sich selbst richtet und Entzündungen in den Gelenken hervorruft. „Allen Leiden gemein ist“, erklärt Helmut Sörensen, „dass der Knorpel, der die beiden Gelenkknochen überzieht, geschädigt ist“ – bei der Arthrose wird er brüchig, bei der Arthritis entzündet er sich.

Das Zauberwort heißt Bewegung. Denn die tut den Gelenken gut. Die Gelenkkapseln sondern eine Flüssigkeit ab – „Synovia“ genannt –, die alles enthält, was der Knorpel zur Ernährung braucht und zugleich als Stoßdämpfer dient. Die ständige Bewegung, die der Mensch normalerweise vollzieht, massiert die Flüssigkeit in den Knorpel ein. Bleibt die Bewegung aus, etwa aufgrund von Schmerzen, wird der Knorpel zerstört. Und deshalb sind Schwimmbäder so gut für Rheumakranke geeignet: Der Auftrieb des Wassers vermindert die Körperschwere und macht alle Bewegungen leichter. 800 Kurse für rund 6000 Teilnehmer bietet die Rheuma-Liga nach eigenen Angaben in Berlin an. Die meisten davon finden im Wasser statt, ein Teil auch auf dem Trockenen. Die Liga, die rechtlich als eingetragener Verein organisiert ist, versteht sich zudem als Plattform für Selbsthilfegruppen und als Interessenvertretung. „Wir setzen uns zum Beispiel für die Rheumafrüherkennung bei Kindern ein, denn gerade im frühen Alter werden die Anzeichen oft übersehen“, sagt Geschäftsführer Gerd Rosinsky. Das würde dann etwa bedeuten, dass ein Kinderarzt bei Verdacht den kleinen Patienten gleich zum Rheumatologen überweist.

Nicht jedes öffentliche Bad ist für die Kurse der Rheuma-Liga geeignet. Das Wasser muss über 30 Grad warm, das Becken darf nicht zu tief sein. Mit dem Bau eines eigenen Schwimmbades zieht die Liga die Konsequenz aus den jüngsten Entwicklungen. Denn offenbar werden geeignete Becken in Berlin immer seltener. „Zurzeit können wir 48 Therapiebäder nutzen, vor zehn Jahren waren es noch über 70. Allein in den letzten Jahren wurden elf Einrichtungen geschlossen“, so Gerd Rosinsky. Vor allem die Schließung des – in den 80er Jahren mit öffentlichen Geldern sanierten – Therapiebades im Vivantes-Klinikum Neukölln sei schmerzhaft. Grund für den Therapiebäderschwund ist eine Gesetzesänderung, nach der die Betreiber nicht mehr Pflegesätze abrechnen können, sondern nur noch Fallpauschalen. Und auch die Wasser- und Energiepreise spielen eine Rolle. Für ihre Kurse kann die Rheuma-Liga unter anderem noch das Bundeswehrkrankenhaus, die Vivantes-Kliniken Spandau und Im Friedrichshain, das DRK Klinikum Köpenick und, vor allem, die Immanuel-Krankenhäuser in Wannsee und Buch nutzen. Aber auch in diesen Bädern würden, so Rosinsky, die Rheumakranken zunehmend in Randzeiten verdrängt. Ein Grund dafür könnte das Babyschwimmen sein, das immer mehr in Mode kommt.

Vor fünf Jahren begannen die Planungen für das Generationenbad. Zeitweise war das stillgelegte Stadtbad Steglitz als Standort im Gespräch, was sich aber leider als nicht durchführbar erwies. Grundsteinlegung könnte im Herbst, Baubeginn im Frühjahr 2013 sein. Im März hat Gesundheitssenator Mario Czaja eine symbolische Fließe gespendet, eine Ausstellung informiert über den Fortschritt des Projekts. Von den geschätzten 2,3 Millionen Euro Baukosten soll ein Großteil durch ein Darlehen der Deutschen Klassenlotterie finanziert werden. Die Liga selbst übernimmt eine halbe Million, der Rest muss durch Spenden zusammenkommen. Läuft alles nach Plan, kann das Bad 2014 eröffnen – wobei die Kurse in den bisherigen Bädern beibehalten werden. Das Becken soll 15 Meter lang und zwischen einem und 1,30 Meter tief sein, die Wassertemperatur 32 Grad betragen. Geplant sind geräumige Umkleidebereiche für diejenigen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, außerdem Ruheräume, Sauna und Kältekabinen, in denen sich die Kursteilnehmer einer Temperatur von minus 100 Grad aussetzen. Das ist deshalb erträglich, weil es eine trockene Kälte ist. Im Becken selbst können die Teilnehmer Aquabike fahren oder Funktionsgymnastik machen – eine besondere Form der Gymnastik, bei der die Teilnehmer sich einer Bewegung aussetzen, die sie eigentlich vermeiden wollen. Denn, auch wenn es paradox klingt: Vor allem solche schmerzhaften Belastungen lindern letztlich den Schmerz.

Informationen: www.rheuma-liga-berlin.de .



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