Michael Ballhaus: Aus einem anderen Blickwinckel

Kamera-Legende Michael Ballhaus leidet seit Jahren an einem Grünen Star. Im Gespräch erzählt er über eine fortschreitende Augenerkrankung – und über seine neuen Prioritäten im Leben

Michael Ballhaus muss ein gutes Auge haben. Er gilt als einer der besten Kameramänner der Welt: Der 79-Jährige wurde bereits dreimal für den Oscar nominiert und hat eng mit internationalen Filmschaffenden wie Martin Scorsese, Robert Redford und Wolfgang Petersen zusammengearbeitet. Er hat die Kamerafahrt um 360 Grad etabliert, weshalb dieses Filmverfahren nach ihm als »Ballhaus- Kreisel« benannt worden ist. Erst 2014 setzte sich der gebürtige Berliner, der heute in Berlin- Zehlendorf wohnt, zur Ruhe – und das trotz eines Glaukoms. Die auch Grüner Star genannte Augenkrankheit begleitet Ballhaus schon seit 25 Jahren. Im Interview erzählt er über sein Leben mit einer fortschreitenden Beeinträchtigung seines wichtigsten Sinnesorgans. Er war bereit, mit uns auch deshalb über diese sehr persönlichen Erfahrungen zu sprechen, weil er mithelfen möchte, über die, wie er sagt, »heimtückische Krankheit« Glaukom aufzuklären.

Herr Ballhaus, Sie leben schon seit Jahren mit einem Glaukom. Der grüne Star ist eine besonders tückische Augenerkrankung, da sich Symptome meist erst dann wahrnehmen lassen,  wenn die Schädigung des Sehnervs bereits weit vorangeschritten ist. Wie wurde die Diagnose bei Ihnen gestellt?

Das war damals per Zufall. Ich hatte meine Brille verloren und wollte mir bei einem Optiker in Amerika eine neue anfertigen lassen. Dort wurde unter anderem mein Augeninnendruck mit einem Luftdruckgerät gemessen. Der Druck war mit 35 mmHg aber zu hoch (siehe Randspalte). Der Optiker warnte mich, dass, wenn ich nicht schnell zum Augenarzt ginge, ich in zwei Jahren blind sein würde. Der Arzt fand dann heraus, dass die Sehkraft des linken Auges schon zur Hälfte gemindert war. Deshalb rate ich immer auch dazu, dass alle Leute möglichst bald zum Arzt gehen sollten, um ihren Augendruck überprüfen zu lassen.

Nur noch für kurze Zeit sehen zu können, klingt für jeden Menschen albtraumhaft. Wie hatten Sie und die Kollegen in Hollywood damals auf die Diagnose reagiert?

Ich war zunächst ziemlich verunsichert. Denn ich hatte ehrlich gesagt nie das Gefühl, dass mit meinen Augen etwas nicht in Ordnung sein könnte, geschweige denn überhaupt jemals an ein Glaukom gedacht. Ich habe es auch nie richtig gespürt, hatte zum Beispiel nie ein Druckgefühl oder Schmerzen auf den Augen. Dennoch war mir völlig klar, dass von dem Tag der Diagnose an etwas gegen das Voranschreiten des Grünen Stars unternommen werden muss. Und im Nachhinein verstand ich, warum ich im Studio manchmal gestolpert oder wogegengelaufen bin. Den Kollegen habe ich zunächst nichts darüber erzählt, denn ich habe mich ja selbst gar nicht krank gefühlt. Im Gegenteil, ich habe normal weitergearbeitet. Sie dürfen nicht vergessen, das ist eine schleichende Krankheit, ich habe ja noch viele Jahre viele Filme gemacht.

Mittlerweile kann man den Grünen Star verhältnismäßig gut behandeln. Dadurch ist es glücklicherweise bei Ihnen auch bis heute nicht zur vollständigen Erblindung gekommen. Was ist für Betroffene bei der Therapie mit Augentropfen wichtig zu beachten?

Man muss kontinuierlich und zu den richtigen Zeiten tropfen. Außerdem lasse ich den Augendruck vom Augenarzt regelmäßig überprüfen. Wichtig ist das Bewusstsein für die Krankheit, denn man muss die Augentropfen nehmen, auch wenn man selbst keine Beschwerden bemerkt. Mit der Zeit gehören sie aber ganz selbstverständlich zum Alltag. Sie sind in meinen Tagesplan  Tagesplan fest eingebaut, ich muss gar nicht mehr darüber nachdenken, wann es wieder Zeit dafür ist. Manchmal brennen die Tropfen etwas, das geht dann aber schnell wieder vorbei. Nachdem ich jedoch die Augentropfen bereits über zehn Jahre lang nahm, sagte mir ein deutscher Augenarzt, dass sie nicht mehr auf Dauer ausreichen würden.

Welcher nächste Behandlungsschritt stand dann an?

Mein Augenarzt in New York empfahl mir eine Kollegin in Los Angeles, die eine zu der Zeit neuartige Operation für Glaukompatienten durchführte und damit sehr erfolgreich war. Dabei wird an der richtigen Stelle am Auge eine kleine Öffnung geschnitten, wodurch die Augenfl üssigkeit besser abfl ießen kann und somit das Auge druckentlastet wird. Ich kannte die Klinik bereits und die Ärztin war sehr nett, sie operierte zunächst das eine Auge und zwei Wochen später das andere. Ich hatte großes Vertrauen in sie und ihre Kollegen und dadurch keine Angst vor dem Eingriff. Die Operation selbst verlief problemlos und schmerzfrei. Danach war der Augendruck erst einmal für sechs bis sieben Jahre reguliert. Es war erleichternd zu wissen, dass ich zunächst keine Tropfen mehr nehmen musste. Ich bin währenddessen aber natürlich immer noch zur Druckkontrolle gegangen. Leider schloss sich die Öffnung allmählich wieder, nach ungefähr sechs Jahren, und dieselbe Operation war ein zweites Mal nicht möglich. Seitdem greife ich wieder zu den Tropfen, morgens zur Frühstückszeit, abends gegen sechs Uhr und noch ein drittes Mal zur Nacht.

Und wie ging es dann weiter?

 Es gab vor vier Jahren in Freiburg noch einmal eine andere Operation an den Augen unter lokaler Betäubung, nach der ich auf dem linken, das immer mein besseres Auge war, schlechter sehen konnte. Im Nachhinein erkannten zwei Professoren den Behandlungsfehler, da für diesen Eingriff eine Vollnarkose notwendig gewesen wäre. Da war ich natürlich furchtbar enttäuscht, denn anstatt dass ich wieder besser sehen konnte, wurden die Augen schlechter. Ich hatte überlegt, die Klinik zu verklagen, aber es hätte ja meinen Augen nicht geholfen. 

Sie blieben auch im höheren Alter vielseitig aktiv und haben sich beispielsweise für den Umweltschutz eingesetzt oder gaben Ihr Wissen im Umgang mit der Kamera als Dozent an junge Filmschaffende weiter. War die Augenkrankheit schließlich der Grund für Sie, aus dem aktiven Filmgeschäft auszusteigen?

Ja, ich habe mich aus dem Berufsleben in Amerika vor acht Jahren zurückgezogen. Und der Film »The Departed« von Martin Scorsese schien mir damals genau der richtige, um auszusteigen. Vor zwei Jahren allerdings habe ich mit meiner Frau Sherry Hormann dann doch noch einmal gedreht. Das war der Kinofi lm »3096 Tage« über Natascha Kampusch. Ich fand das Thema so wichtig und wusste, dass die Bildsprache eine Herausforderung werden würde, auch aus meiner bisherigen Erfahrung als Kameramann, denn die meiste Zeit spielt der Film in einem unterirdischen Raum von sieben Quadratmetern ohne Fenster. Außerdem arbeiteten wir an einem großen Monitor, mit dem ich die Bilder ganz gut erkennen konnte. Aber das Filmprojekt war für mich eine Ausnahme, weil es eine gut überschaubare Produktion war, die hauptsächlich im Studio stattfand.

Sie leben mittlerweile seit über zwei Jahrzehnten mit dem Grünen Star. Man könnte denken, dass gerade Sie als einer der weltbesten Kameramänner das Glaukom verfl uchen. Wie nehmen Sie den Verlauf der Krankheit wahr?

In der Tat habe ich den Verlauf zum Teil mit großer Trauer wahrgenommen, wurde das Sehen doch nicht besser, sondern eher schlimmer. Irgendwann aber hab ich diese Einstellung abgelegt. Ich sagte mir, das mit dem Sehen ist jetzt nicht mehr zu ändern, dann muss man sich eben auf andere Dinge konzentrieren. Und dabei habe ich die Welt, die man über das Gehör aufnimmt, für mich neu entdeckt. Nun höre ich viel Musik, Nachrichten im Radio und vor allem eins: Weltliteratur in Form von Hörbüchern. Früher habe ich sehr viele Drehbücher gelesen, aber verhältnismäßig wenig wunderbare Weltliteratur – dafür war im Arbeitsleben leider nie genug Zeit. Umso mehr war es für mich eine riesige Entdeckung, eine ganz große Freude, eine überraschende und schöne Erfahrung, in diese neue Welt richtig einzusteigen. Dadurch ist der Schmerz, dass ich nicht mehr so gut sehen kann, gelindert. Außerdem habe ich eine wunderbare Frau, die mir in allen Lebenslagen hilft. Solange es so bleibt, wie es ist, bin ich deshalb auch nicht unzufrieden.

 

Der Artikel erschien am: 22.02.2016



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