Krebsüberlebende nach Chemotherapie: Kraftloser Körper, brüchige Seele

Junge Menschen, die an Krebs erkranken, können oft geheilt werden. Doch eine Chemotherapie hinterlässt tiefe Spuren. Eine Stiftung hilft, damit fertig zu werden.

Lea Krause hatte gerade mit dem Studium angefangen. Dann kam der Lymphdrüsenkrebs. Morbus Hodgkin, heute in 95 Prozent der Fälle heilbar. Doch die Therapie ist heftig. Die Kölnerin war mit den Gedanken trotzdem schnell wieder bei der Uni. Noch während der Chemo meldete sie sich dort wieder. "Ich habe mir zwar noch ein bisschen Rücksicht gewünscht, wollte aber doch schnell weitermachen." Ihre Professoren rieten ihr, sich lieber noch zu schonen. Sie hatten so etwas noch nicht erlebt.

Kein Wunder: Krebs bei jungen Erwachsenen ist schließlich selten. "Nur" 15 000 neue Diagnosen treffen in jedem Jahr Menschen zwischen 15 und 39 Jahren. Das kann bei Frauen Brustkrebs sein, der in jungen Jahren oft besonders aggressiv ist, bei jungen Männern Hodenkrebs, bei beiden Geschlechtern bösartiger Hautkrebs, Lymphome oder Leukämien. Da glücklicherweise heute vier von fünf Erkrankten geheilt werden oder zumindest längere Zeit ohne Rückfall überleben, ist mindestens eine Viertelmillion Menschen jüngeren oder mittleren Alters unter uns, die in den letzten 20 Jahren Krebs hatten. Eigentlich ist das eine tolle Nachricht. Doch wer Krebs überlebt, muss mit der existenziellen Angst und mit den körperlichen Folgen einer harten Behandlungsphase fertig werden. Beides zu überwinden, dauert meist länger als die Behandlung selbst.

Die Chemotherapien, die den Krebs besiegen, schwächen die Körper der jungen Menschen 

Neben Schädigungen am Herzen sind langanhaltende Müdigkeit (Fatigue) und Konzentrationsstörungen gefürchtete Folgen vieler Behandlungen mit zellgiftigen Substanzen und mit Strahlen. Die Chemo- und Strahlentherapien haben dann zwar geholfen, den Krebs zu besiegen, aber sie haben dabei auch die betroffenen jungen Menschen zeitweise "geschafft". "Irgendetwas zerbricht eben doch im Körper", so beschreibt es der Krebsmediziner Mathias Freund von der Uni Rostock, Geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO).

Freund engagiert sich seit Sommer dieses Jahres in der neu gegründeten Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. Deren Ziel ist es, nicht allein die Heilungschancen und Therapien weiter zu verbessern, sondern jungen Frauen wie Lea Krause auch danach vielfältige Unterstützung zu geben. Auf dem Weg zurück ins ganz normale Leben. "Während der Behandlung müssen sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen an einen strikten Zeitplan halten und sich sehr einschränkenden Regeln unterordnen, danach werden sie oft allein gelassen", moniert Karolin Behringer von der Uni Köln. Schon seit einigen Jahren engagiert sich die junge Krebsärztin und Spezialistin für den Morbus Hodgkin deshalb in der Arbeitsgruppe "Survivorship" der Deutschen Hodgkin Studiengruppe.

Zunächst dreht sich alles ums Überleben, wenn ein Mensch mit einer bösartigen Krankheit konfrontiert ist. Bei einem jungen Menschen in der Blüte seiner Jahre vielleicht ganz besonders. "Krebs ist dann eine existenzielle Diagnose, die Behandlung krempelt unter Umständen das ganze Selbstbild um", sagt der erfahrene Spezialist Volker Diehl von der Uni Köln, Gründer der Deutschen Hodgkin Studiengruppe.

Wenn Kerstin Hein heute die Debatte um das "Social Freezing" verfolgt, bei dem sich Frauen aus privaten und beruflichen Gründen Eizellen für später einfrieren lassen, und wenn sie dabei auch immer wieder hört, für Krebspatientinnen sei das sogenannte Kryokonservieren von Eizellen heute schon Standard, dann kann sich Kerstin Hein nur wundern. Die Berlinerin erkrankte vor acht Jahren ebenfalls an Lymphdrüsenkrebs. Sie berichtet, dass keiner mit ihr über Möglichkeiten gesprochen hat, mit denen sie sich trotz Krebs eine Option auf Kinder hätte offenhalten können. "Ich selbst habe damals keinen einzigen Gedanken darauf verschwendet, so sehr war ich mit der Angst vor den Nebenwirkungen der Krebstherapie beschäftigt", sagt Hein heute.

Nur 59 Prozent der Frauen, die Brustkrebs glücklich überstanden haben, kehren später ins Erwerbsleben zurück

"Das Thema Familienplanung müssen wir unbedingt vor der Behandlung ansprechen", fordert Onkologin Behringer. Auch wenn sich die Patientinnen und Patienten mit Anfang 20 vielleicht selbst noch keine Gedanken darüber machen. Es ist eine Frage, die beide Geschlechter angeht: Chemo- und Strahlentherapie können die Fähigkeit zur Bildung von Samenzellen beeinträchtigen. Männer können aber vor der Behandlung Samenzellen einfrieren lassen. Eine Chemotherapie hat Auswirkungen auf das Heranreifen der Eizellen und kann unter Umständen sogar zu einer verfrühten Menopause führen. Frauen können sich heute nach einer hormonellen Stimulation Eizellen entnehmen und sie konservieren lassen, oder auch Gewebe aus den Eierstöcken. Für alle Fälle.

Auch für andere Fragen will die Stiftung nun Ansprechpartnerin sein, will Informationsmaterialien, Online-Sprechstunden und Chats anbieten. Zum Beispiel zum schwierigen Thema Berufstätigkeit. Nur 59 Prozent der Frauen, die Brustkrebs glücklich überstanden haben, kehren später ins Erwerbsleben zurück. Bei den Jüngeren sind es zwar mehr, aber ein großes Problem bleibt oft die andauernde Müdigkeit, zudem klagen Ex-Patienten über ihr "Chemo-Brain".

Kerstin Hein hat ihr Studium trotz aller Widrigkeiten durchgezogen. "Zukunftsplanung ist eine Säule der gesundheitlichen Widerstandskraft", sagt die junge Frau, die an der FU Deutsch und Mathe auf Lehramt studiert hat. Dass der Krebs wiederkam, dass sie zwei Stammzellbehandlungen brauchte und zeitweise extrem infektgefährdet war, all das hat sie nicht davon abhalten können, ihren Weg weiterzugehen. "Notfalls bin ich mit Taxi und Mundschutz in die Mathe-Vorlesung gefahren."

Mehr Infos zur Stiftung und zu Spendenmöglichkeitenbei der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs, www.junge-erwachsene-mit-krebs.de. Tipps zu Methoden und Kosten von Maßnahmen, die die Fruchtbarkeit erhalten unter www.fertiprotekt.de.



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