Junge Migranten: Perspektive als Pflegekräfte

Deutschland fehlen Pflegekräfte. Junge Migranten wollen in diesem Bereich helfen, dürfen aber oft nicht. Vivantes in Berlin bietet ihnen nun an, sich zu qualifizieren. Wir haben zwei Anwärter begleitet

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Eine Ausbildung als Pflegekraft bietet jungen Flüchtlingen eine Chance. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ob die Sonne heute doch noch mal durchkommt? Ein Bewohner der islamischen Pflege-Wohngemeinschaft in der Neuköllner Flughafenstraße hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Er wartet im Innenhof darauf, dass die dicken Wolken am Himmel weiterziehen. Drüben in der Wohnung unterhalten sich zwei andere Bewohner auf Arabisch miteinander. Hiba Chehade ruft ihnen etwas zu und geht dann hinüber in ein hellblau gestrichenes Zimmer. “Ich bin ehrlich”, sagt die 19-Jährige und setzt sich in einen breiten Sessel, in dem sie noch ein bisschen schmaler wirkt: “Ich bin sehr oft schlecht gelaunt, aber wenn ich hierherkomme, habe ich immer ein Grinsen im Gesicht.”

Hiba hat sich einen großen Wunsch erfüllt: Sie arbeitet seit drei Monaten als Vollzeitkraft in der Neuköllner WG, einer Art Mini-Pflegeheim, in der sechs Männer und fünf Frauen miteinander leben. Betreut werden sie in jeder Schicht von mindestens zwei Mitarbeitern, von denen einer Türkisch, der andere – so wie Hiba – Arabisch beherrscht. Ihr gefällt, dass sie den Menschen helfen kann und auch im Arbeitsalltag Zeit für Gespräche mit den Bewohnern bleibt.

Schon seit mehr als 15 Jahren wohnt Hiba in Deutschland – und hat immer noch keine unbefristeten Aufenthaltstitel

Für die 19-Jährige war schon früh klar, dass sie in der Pflege arbeiten möchte. Damit wäre sie eigentlich eine von so vielen, die nötig sind, um den Fachkräftemangel in dieser Branche zumindest zu verringern. Doch so einfach ist es in ihrem Fall nicht. Hiba kam zwar schon als Vierjährige aus dem Libanon nach Deutschland. Sie ist hier zehn Jahre lang zur Schule gegangen und hat ihren Mittleren Schulabschluss gemacht.

Dass sie danach eine Ausbildung machen konnte, war trotzdem nicht selbstverständlich. Denn Hibas Aufenthaltserlaubnis ist befristet. Alle zwei Jahre fährt sie zur Ausländerbehörde, um ihren Aufenthalt verlängern zu lassen – vorausgesetzt, mit ihren Unterlagen ist alles in Ordnung und sie muss nicht schon im Jahr darauf wieder alle Papiere zusammensuchen. Wer unter diesen Bedingungen in Deutschland lebt, hat es schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden. Wer stellt schon einen Azubi ein, der vielleicht bald das Land verlassen muss?

An diesem Punkt setzt das Zentrum für Flüchtlingshilfen und Migrationsdienste (ZFM) in Moabit an, das seit 2006 auch mit Vivantes zusammenarbeitet. In den vergangenen Jahren hat sich die Kooperation immer weiter vertieft, die Projekte haben mehrere Preise bekommen. Für Hiba wie für Hunderte andere war der erste Schritt auf dem Weg in den Job ein kostenloser sechsmonatiger Pflegebasiskurs. Sie merkte schnell: Kranken Menschen zu helfen war tatsächlich genau das, was sie machen wollte.

Noch vor dem Kursende wechselte sie hinüber in einen neuen Ausbildungsgang. Heute gehört sie zu den ersten Absolventen, die nun staatlich geprüfte Sozialassistenten mit dem Schwerpunkt Pflege sind. In ihrer Klasse waren junge Menschen aus dem Kosovo, Afghanistan, Brasilien oder der Türkei.

Die Sozialassistenz ist ein neuer Baustein im Angebot des ZFM. An der dort angesiedelten Vivantes-Berufsfachschule Paulo Freire, die unter der Trägerschaft des Klinikkonzerns steht, lernen die Schüler die Grundlagen der Pflege. Sozialassistenten kümmern sich in Heimen oder Krankenhäusern vor allem um jene Dinge, für die die Schwestern und Pfleger oft nur wenig Zeit haben: Sie unterstützen die Kollegen zum Beispiel bei der Grundpflege, der hauswirtschaftlichen Versorgung oder machen Freizeitangebote.

“Es wäre schade, wenn diese Menschen der Gesundheitsbranche verloren gehen würden”

Die Ausbildung gibt jungen Menschen die Möglichkeit, schnell eigenes Geld zu verdienen. Zugangsvoraussetzung ist ein Hauptschulabschluss, an der Schule können die Teilnehmer aber auch ihren MSA nachholen. “Viele von ihnen haben Bildungsdefizite, bringen jedoch große soziale und emotionale Kompetenzen mit. Es wäre schade, wenn diese Menschen der Gesundheitsbranche verloren gehen würden”, sagt Ulrich Söding, der das Vivantes-eigene Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen (IbBG) leitet. Wissenslücken könne man schließlich füllen. Und natürlich profitiere Vivantes auch von den Qualifikationen der migrantischen Teilnehmer, zum Beispiel von ihrer Mehrsprachigkeit.

“Mit diesem Abschluss können die Absolventen direkt ins Berufsleben einsteigen”, sagt Marco Hahn, der die Berufsfachschule Paulo Freire leitet. Er beobachtet seit vielen Jahren, mit wie viel Engagement junge Menschen, die oft unter schwierigsten Bedingungen und großer Unsicherheit in Deutschland leben, ihre Chance auf eine pflegerische Ausbildung nutzen. Auch die Sozialassistenten können sich nach ihrem Abschluss bei Vivantes um eine Ausbildung in der Krankenpflege bewerben. Bei entsprechender Eignung wird ihre Ausbildungszeit von drei auf zwei Jahre verkürzt.

Die Ausbildung von Mohammed Jouni liegt inzwischen einige Jahre zurück. Wie Hiba kam auch er mit seiner Familie in den neunziger Jahren aus dem Libanon nach Deutschland. Die Jounis hangelten sich lange von Duldung zu Duldung. Die Eltern durften nicht arbeiten, die Familie lebte sozusagen mit angezogener Handbremse. Der Vater motivierte ihn und seine Geschwister trotzdem immer wieder dazu, sich in der Schule anzustrengen. Mohammed machte ein gutes Abitur, besuchte den Pflegebasiskurs und wurde danach bei Vivantes zum Krankenpfleger ausgebildet.

Er arbeitet in der interdisziplinären Komfortklinik des Vivantes-Klinikums in Reinickendorf. Dort lassen sich unter anderem Patienten aus Russland und Saudi- Arabien behandeln. Mohammed, der neben Deutsch und Arabisch auch fließend Englisch und Französisch spricht, hat sein Arbeitspensum mittlerweile heruntergefahren, von 100 auf 25 Prozent. Er studiert im zweiten Semester Medizin – und ist gerade auf der Suche nach einem Stipendium.

Das Leben von Duldung zu Duldung ist zum Glück lange vorbei. Was wäre gewesen, wenn er damals den Pflegebasiskurs nicht besucht hätte? “Dann wäre heute wahrscheinlich alles ganz anders”, sagt der 28-Jährige, der inzwischen verheiratet ist und eine kleine Tochter hat. Wenn er Zeit hat, arbeitet er auch immer wieder als Dozent am ZFM. Und er engagiert sich beim Verein Jugendliche ohne Grenzen, der die Rechte von jungen Flüchtlingen verbessern will und in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag feiert. “Es gibt für uns immer noch sehr viel zu tun, denn viele junge Leute, die in Deutschland leben, sind zum Nichtstun verurteilt”, sagt Mohammed.

In der WG an der Flughafenstraße gibt es bald Abendessen, Hiba muss weiterarbeiten. “Ich finde es schlimm, wenn jemand seinen Traumjob nicht machen kann, weil er nicht die richtigen Papiere hat”, sagt sie noch. Und sie hofft: dass ihren jüngsten Geschwistern, die heute in die achte und die vierte Klasse gehen, der Gang auf die Ausländerbehörde, die offenen Fragen und Unsicherheiten erspart bleiben. Und die beiden nach ihrem Schulabschluss ganz einfach “die Ausbildung machen können, für die ihr Herz schlägt”.



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