Frühgeborenen-Versorgung: Känguruhen wie in Mamas Beutel

Beim “Känguruhen” liegen Frühchen auf dem Bauch der Eltern. Dadurch entwickeln sie sich besser und sind gesünder Ärzte sind sich aber uneins, wie viele Stunden am Tag die Babys außerhalb des Inkubators verbringen sollten.

Auf dem Gesicht der jungen Frau spiegeln sich ihre Gefühle: Glück und Zufriedenheit sind dort eindeutig zu sehen. Sie lächelt selig - man es kaum anders beschreiben, auch wenn es kitschig klingt. Auf dem nackten Oberkörper liegt ein Baby, Haut auf Haut. Das Kleine ist kaum zu sehen unter den warmen Tüchern, mit denen es zugedeckt ist. Gerade zwei Tage ist es alt, zu früh und viel zu leicht auf die Welt gekommen. Ein Paravent schützt Mutter und Kind vor Blicken aus dem Rest des großen Raums in der Neonatologie des Virchow-Klinikums der Charité. Die Schwestern überwachen die Vitalparameter des Babys aus der Ferne: Sauerstoffsättigung des Blutes, Herzschlag, Temperatur und Atemmuster. Sie haben den Monitor über dem Brutkasten im Blick, der neben dem speziellen Liegestuhl steht, in dem es sich Mutter und Kind gemütlich gemacht haben. Meistens liegt das Frühchen in diesem sogenannten Inkubator. Aber jetzt ist Mama da. Eine Hand hat sie ganz vorsichtig und zärtlich auf die Tücher gelegt, da, wo sie den Rücken des Babys vermutet. Die andere Hand hält einen Spiegel, in dem sie das Gesicht des Kindes anschauen kann. "Es fühlt sich so gut an", sagt sie und meint das Känguruhen. So nennt man es, wenn Frühchen zwei bis drei Stunden am Tag auf dem Bauch der Mutter oder des Vaters liegen.

"Wenn das Kind drei Monate zu früh kommt, fehlen der Mutter drei Monate an Vorbereitung", sagt Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie der Charité. "Auch die Mutter ist sozusagen frühgeboren." Gerade deshalb sei es so wichtig, dass sie mit dem Baby "känguruht". Der Name entstand, weil im Tierreich Kängurubabys Frühchen sind, die außerhalb des Mutterleibs - nämlich im Beutel vor dem Bauch des Muttertiers - nach der Geburt reifen. Um 1990 kam das Känguruhen nicht etwa aus Australien, dem Land der Kängurus, sondern aus Südamerika nach Europa. Dort war man darauf gekommen, weil es in entlegenen Regionen keine Inkubatoren für Frühgeborene gab. Zunächst beäugten europäische Ärzte die Methode misstrauisch. "Eine Klinik in Wien war der Vorreiter. Die Mitarbeiter dort wurden ziemlich angefeindet, weil Kollegen dachten, sie würden die lebensrettenden Inkubatoren abschaffen", sagt Bührer. Doch als sich herausstellte, dass es jeweils nur um ein paar Stunden am Tag ging, fingen auch die meisten anderen Krankenhäuser damit an. Zunächst hielten sich viele Ärzte dabei jedoch an strenge Regeln, wie schwer oder wie alt ein Frühchen sein sollte, um gefahrlos känguruhen zu dürfen. "Das war bei meinem Vorgänger noch so", sagt Bührer. Die Ärzte hätten wohl Angst vor Kontrollverlust gehabt. "Sie fühlten sich sicher, wenn das Kind überwacht im Inkubator lag." Das Pflegepersonal sei für die neue Methode viel aufgeschlossener gewesen. "Es gab dann aber einen Generationenwechsel unter den Ärzten. Das Känguruhen wurde überall immer selbstverständlicher", sagt Bührer. Heute gehe man stets individuell vor. Es gebe zwar beatmete Frühchen, deren Zustand es nicht erlaube, sie aus dem Inkubator zu holen, weil sie einen Lagewechsel nicht verkrafteten. "Einige Kinder werden beim Känguruhen stabiler - andere instabiler." Sie versuchten aber immer, so früh wie möglich mit dem Känguruhen zu beginnen, wenn es möglich ist, sogar schon im Kreißsaal.

Bührer geht es aber noch immer hauptsächlich darum, hervorzuheben, dass Känguruhen genauso sicher wie Inkubatorpflege ist - und nicht unsicherer. Er spricht vor allem über die positiven Effekte auf die Mutter, die sich langfristig auch auf das Kind auswirkten. "Bevor das Känguruhen eingeführt wurde, haben 20 Prozent der Mütter nicht gestillt", sagt Bührer. Sie haben die unangenehme und kräftezehrende Prozedur des ständigen Milchabpumpens nicht durchgehalten. Denn allein können Frühgeborene meist nicht an der Brust trinken. Heute - in Zeiten des Känguruhens - gebe es kaum eine Frühchenmutter, die nicht stille. "Das ist ein großer Wandel", sagt Bührer.

Mütter, die viel känguruhen, schütteten mehr Hormone aus, die das Stillen in Gang brächten, erklärt Michael Abou- Dakn, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe des St. Joseph Krankenhauses. Und Muttermilch helfe gegen eine besonders häufige Komplikation bei Frühgeborenen: eine mangelnde Durchblutung des Darms. Abou-Dakn führt noch weitere Argumente für mehr Hautkontakt mit den Eltern außerhalb des Inkubators an: Frühgeborene Kinder könnten nachweislich ihre Temperatur besser stabilisieren, wenn sie viel känguruhten, sagt er. Und sie schütteten weniger Stresshormone als andere Frühchen aus.

Frühgeborene, die viel mit ihren Eltern känguruhen, werden positiv in ihrer Entwicklung beeinflusst. Sie werden im Durchschnitt früher aus der Klinik entlassen und entwickeln sich körperlich und geistig schneller als andere Frühgeborene, die keinen so intensiven Kontakt zu ihren Eltern hatten. So fassten es der Heidelberger Neonatologe Otwin Linderkamp schon vor einigen Jahren zusammen. Thomas Kühn, Oberarzt im Perinatalzentum des Vivantes Klinikums Neukölln und Mitglied im Bundesverband "Das frühgeborene Kind", sieht das ähnlich. Er kritisiert, dass der Wandel, den Bührer beschwört, noch nicht weit genug fortgeschritten ist: "In den meisten zivilisierten Ländern wird Känguruhen immer noch als Bonbon gesehen, als nettes Zusatzangebot." Zwei bis drei Stunden Känguruhen pro Tag sei längst nicht ausreichend, um den Kindern die besten Möglichkeiten zu einer ungestörten Entwicklung zu bieten. Nur etwa zehn Prozent des Tages verbrächten die Frühchen in Berliner Kliniken außerhalb des Inkubators. Das müsse mehr werden. "Wir Ärzte müssen lernen, dass es genauso zur Therapie gehört wie Beatmung und künstliche Ernährung - als integraler Bestandteil." Als Vorbild nennt er Kliniken in Stockholm, in denen Frühgeborene fast 70 Prozent des Tages auf dem nackten Bauch der Eltern verbrächten. Doch dafür müsste sich so einiges im Krankenhausalltag ändern.

Technisch sei es nicht schwierig, ein beatmetes Frühchen aus dem Inkubator zu holen und es auf den Bauch von Mutter oder Vater zu legen, erklärt Bührer. "Aber aufwendig. Man braucht geschultes Personal: erfahrene Kinderkrankenschwestern mit einer Zusatzqualifikation in pädiatrischer Intensivpflege oder zumindest fünf Jahren Erfahrung." Während die Babys aus dem Inkubator geholt werden, sind zwei Schwestern dabei. Manchmal auch noch ein Arzt. Seit dem ersten Januar existieren neue Richtlinien, nach denen für jedes beatmete Frühchen eine eigene Schwester pro Schicht zuständig sein soll. Bislang sei es eine Schwester auf zwei Frühchen gewesen. So soll "entwicklungsfördernde Pflege" besser gewährleistet werden. Damit sei Känguruhen gemeint, sagt Bührer. Deshalb will er jetzt auch das Personal aufstocken. Bislang komme es - wenn auch nur sehr selten - vor, dass mal nicht genug Personal da ist, um den Eltern das Känguruhen zu ermöglichen. Grundsätzlich gilt auf Bührers Station aber: "Eltern sind hier keine Besucher. Sie gehören ins Team."

Einer aus diesem "Team", ein Vater von Mehrlingen, kommt gerade von seinen Kindern. Seit mehreren Wochen ist er täglich im Virchow-Klinikum zum Känguruhen: "Sie liegen da auf meinem Bauch wie kleine Frösche", sagt er. "Dabei entsteht eine große Nähe. Man kriegt ein starkes Gefühl dafür, dass es doch richtige kleine Erdenbürger sind. Und viel stabiler, als man im ersten Moment befürchtet hat." Am Anfang wirkten die Frühchen aus der Ferne so zerbrechlich, dass er sich kaum traute, sie anzufassen. Das ist jetzt ganz anders: "Man gewinnt dadurch Sicherheit um Umgang mit den Babys. Meistens schlafen sie dabei, aber man spürt jede ihrer Regungen." Dabei beobachtet er ihren Gesichtsausdruck im Handspiegel. "Es ist schön, sich hinzulegen und sich wirklich voll auf die ganz neue Situation zu konzentrieren, in der wir da durch die Frühgeburt so plötzlich gelandet sind." Seine Kinder entwickeln sich sehr gut - und er hat das Gefühl, dass das auch am Känguruhen liegt.



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