In der Hitze der Nacht

Wechseljahre sind Leidensjahre für manche Frauen. Hormonpräparate können das lindern, sind aber in Verruf geraten. Wie spricht für, was gegen sie?

Ein kühler Tag. Silke Behrends (Name geändert) ist trotzdem heiß. "Heute Nacht hat es mich mal wieder aus dem Tiefschlaf geholt. So ist das in den Wechseljahren." Sie ist 48, seit drei Jahren tritt die Monatsblutung in immer unregelmäßigeren, längeren Abständen auf. Wie bei vielen Frauen kommen Hitzewallungen dazu, die Schlafstörungen verursachen. "Wallungen trifft es gut. Das geht wirklich durch den ganzen Körper", erzählt Behrends. "Wie als würde man aus einem schlechten Traum aufwachen." Zeitweise seien die Wallungen ständig bis zu zehn Minuten lang aufgetreten. Doch das ist nicht das Einzige, was Silke Behrends stört: "Mein Körper hat seinen monatlichen Rhythmus verloren. Ich habe nichts mehr, woran ich mich halten kann."

Wie Wechseljahresbeschwerden entstehen, erklärt Regina Lutterbeck, Frauenärztin aus Schöneberg: "Irgendwann kann das Eierstockgewebe keine Hormone mehr produzieren. Die Hypophyse, die die Hormonausschüttung vom Gehirn aus steuert, aber ist dumm und weiß das nicht. Sie schreit die Eierstöcke sozusagen an: Ihr müsst jetzt sofort Hormone produzieren." Natürlich schreit sie nicht wirklich, sondern produziert das sogenannte "Follikel stimulierende Hormon" (FSH). Eigentlich soll es dafür sorgen, dass ein Ei im Eierstock reift. Das FSH verursacht die Symptome. Gibt man ein Hormonpräparat, hört die Hypophyse auf zu "schreien".

Mehr noch als die Hitzewallungen war für Silke Behrends der Verlust des Monatsrhythmus der Grund, ihre Frauenärztin um Hilfe zu bitten. Ein Hormonpräparat wollte sie aber nicht nehmen. Stattdessen ließ sie sich ein pflanzliches Mittel verschreiben: einen Extrakt aus der Traubensilberkerze, der eine ähnliche Wirkung wie das Hormon Östrogen hervorrufen kann. Nach kurzer Zeit setzte sie es ab: "Es hat mich total zusammengehauen. Ich hatte plötzlich schlimme Blutungen, fühlte mich furchtbar." 

Gynäkologin Regina Lutterbeck - übrigens nicht die behandelnde Ärztin von Silke Behrends - ist diese Einstellung wichtig: Die Frau definiert das Leiden, nicht der Arzt. "Dass der Schlaf massiv gestört ist, ist für viele Frauen der Grund, sich Hilfe zu holen. Es passiert oft, dass man dann Fehlleistungen produziert. In so einem Fall nehme ich das als behandelnde Ärztin sehr ernst." 30 Prozent aller Frauen litten unter Wechseljahresbeschwerden, sagt sie. Außer Schlafstörungen kann es auch zu Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit, Reizbarkeit, Unruhe, sogar Depression kommen. Konzentration und Sexualität können gestört sein, die Scheide dadurch austrocknen. "Bei einigen Frauen ist die Lebensqualität signifikant eingeschränkt. Man muss zweifellos nicht alle behandeln. Aber obwohl die Wechseljahre etwas Normales sind, können sie auch eine behandlungsbedürftige Erkrankung sein", sagt Lutterbeck. Möchte es die Patientin, verschreibt die Gynäkologin ein Hormonpräparat.

Das passiert aber nicht mehr oft. Denn 2002 wurde eine Langzeitstudie mit 16 000 Frauen in den USA schlagzeilenträchtig abgebrochen. Von den Frauen, die ein Hormonpräparat genommen hatten, waren mehr an Brustkrebs erkrankt als in der Vergleichsgruppe, die ein Scheinpräparat bekommen hatte. Und anders als erwartet, hatte die Hormoneinnahme die Teilnehmerinnen nicht vor Herzinfarkten oder Arteriosklerose geschützt. Sie bekamen zwar seltener Darmkrebs, aber häufiger gefährliche Blutgerinnsel und Schlaganfälle. "Bis 2002 war Hormontherapie absolut Standard, Frauen wurden damit bombardiert. Danach meinten alle zu wissen, dass Hormone etwas ganz Schädliches sind. Aber die pauschale Verurteilung der Hormontherapie war nie so richtig sachlich zu begründen", so Lutterbeck. Die absoluten Zahlen sind nämlich gering: Von 1000 Frauen, die keine Hormone nehmen, erkranken sechs im Lauf eines Jahres an Brustkrebs. Von 1000 Frauen, die Hormone nehmen, neun. "Östrogene können das Wachstum mancher Tumore anregen, aber sie verursachen keinen Krebs", sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte.

Aus einer anderen, dänischen Langzeitstudie weiß man: Hormontherapie sollte so früh wie möglich beginnen. "Dann entstehen Komplikationen nicht häufiger als bei Frauen, die keine Hormone nehmen", sagt Regina Lutterbeck. Die verschiedenen Hormonpräparate unterscheiden sich durch unterschiedliche Konzentration der Hormone. Sie enthalten anders als die Pille natürliches Östrogen. Meist werden sie als Pflaster oder Gel verabreicht. "Anders als bei einer Tablette muss das Hormon so nicht über die Leber verstoffwechselt werden. Das hat Vorteile", sagtRegina Lutterbeck.

Wie lange die Wechseljahre dauern und wie lange man die Hormone nehmen muss - wenn man es denn tut -, kann man nicht konkret sagen. "Die Symptome flauen mit der Zeit ab", sagt Regina Lutterbeck. "Ich empfehle, wenn man Hormone nimmt, das mehrere Jahre zu tun. Und sich dann langsam auszuschleichen."

Dieser Text ist der aktuellen Ausgabe von "Tagesspiegel Gesund" entnommen. Das Magazin (6,50 Euro) ist im Zeitschriftenhandel erhältlich sowie im

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