Herzinfarkt bei Frauen: Unterschätztes Risiko

Die meisten Frauen sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch Infarkte gelten noch als Männersache. Eine Studie mit 3000 Berlinerinnen soll nun Daten zur Gesundheit weiblicher Herzen und Gefäße liefern

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Eingriff. Nach so manchem Herzinfarkt folgt eine Operation, etwa wenn dem Patienten per Herzkatheter ein Stent eingesetzt werden muss. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das typische Opfer eines Herzinfarkts? Ganz klar: Ein “Mann in den besten Jahren”, beruflich stark angespannt, Raucher womöglich, wohlgenährt, einem guten Gläschen nicht abgeneigt und sportlich wenig aktiv. Kurz vor der wohlverdienten Pensionierung oder Rente empfindet er eines Tages plötzlich eine beklemmende Enge im Brustraum. Ehe Rettung geholt werden kann, stirbt er zu Hause an dem dramatischen Ereignis.

Doch das galt vielleicht für die sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts – inzwischen ist es nur noch ein Klischee. In den letzten Jahrzehnten hat sich in Sachen Herzinfarkt vieles zum Guten gewendet. Risiken für ein solches Ereignis und seine Vorboten können weit wirkungsvoller mit Medikamenten behandelt werden. Die Infarkte selbst verlaufen seltener tödlich, weil die Gefäße viel öfter schnell und erfolgreich mittels Herzkatheter oder Arzneimitteln von den lebensgefährlichen Engpässen befreit werden. Die Lebenserwartung ist nicht nur insgesamt beträchtlich gestiegen – auch wer an einem Herzinfarkt stirbt, ist heute im Schnitt deutlich älter.

Und es ist häufig eine Frau. “Auch bei Frauen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Haupttodesursache, doch dieses Risiko wird häufig unterschätzt” , sagt die Internistin Sabine Oertelt-Prigione, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Charité-Institut für Geschlechterforschung in der Medizin. Vor Krebs, vor allem vor dem häufigen Brustkrebs, haben Frauen immer noch die meiste Angst. Allerdings beginnt sich, ganz allmählich, das Bild zu wandeln. Zumindest einer Studie zufolge, die gerade in der letzten Woche in der amerikanischen Fachzeitschrift “Circulation” erschienen ist und für die 1200 Frauen ab 25 Jahren befragt wurden: Mehr als die Hälfte der Frauen wusste, dass Herz-Kreislauf-Leiden heute in ihrem Land die häufigste Todesursache darstellen, die Älteren waren deutlich besser darüber informiert als die Jungen. Zum Vergleich: Bei einer ähnlichen Untersuchung hatten im Jahr 1997 nur 30 Prozent der befragten Frauen über die häufigste Todesursache Bescheid gewusst. In der aktuellen Studie sagten 61 Prozent der Frauen, sie würden auf einen herzgesunden Lebensstil achten, weil sie sich damit besser fühlten, 45 Prozent gaben an, sie erhofften sich davon ein längeres Leben.

Die Frauen, die an einer kürzlich angelaufenen Berliner Studie teilnehmen, können sich in beiden Punkten Hilfe für sich selbst erhoffen. Und zugleich der Wissenschaft einen Dienst erweisen. 3000 Berlinerinnen zwischen 25 und 75 Jahren wurden oder werden dafür vom Institut für Geschlechterforschung in der Medizin angeschrieben, je nach Bezirk früher oder später.

Die Studie, an der die Auserwählten teilnehmen können, heißt BEFRI: Berliner-Frauen-Risiko-Evaluationsstudie. Mit ihr sollen Daten zur Gesundheit vor allem von Herz und Gefäßen, zu wichtigen Risikofaktoren, aber auch zum Wissen und zur Selbsteinschätzung der Berlinerinnen gewonnen werden. Die Frauen wurden dabei in Zusammenarbeit mit dem Einwohnermeldeamt sorgfältig so ausgewählt, dass alle Altersgruppen zwischen 25 und 75 repräsentativ vertreten sind. Das ist auch der Grund dafür, dass keine Frau sich auf eigene Faust für die Teilnahme an der Untersuchung bewerben kann.

Wer mitmacht, muss zunächst zu Hause in Ruhe einen ausführlichen Fragebogen beantworten. “Das kann ungefähr eine Stunde in Anspruch nehmen”, sagt Ärztin Oertelt-Prigione. Außerdem macht jede Teilnehmerin telefonisch einen Termin für eine Untersuchung aus, die dann in einem Raum des Gesundheitsamts ihres Bezirks oder in der Charité auf dem Campus Mitte stattfindet.

Dabei wird natürlich der Blutdruck gemessen, schließlich ist erhöhter Blutdruck ein wichtiger Risikofaktor, außerdem wird Blut abgenommen, aus dem zum Beispiel die Blutfettwerte bestimmt werden. “Dieser Teil der Untersuchung deckt sich mit dem Check-up, der Versicherten ab 35 Jahren alle zwei Jahre zusteht”, erläutert Oertelt-Prigione. Sie bedauert auch deshalb, dass für viele jüngere Frauen die Frauenärztin die einzige routinemäßige medizinische “Anlaufstelle” ist. Was bei BEFRI zu den Routineuntersuchungen hinzukommt, ist zum Beispiel ein EKG und eine Messung zur Elastizität der Blutgefäße.

200 Frauen seien bisher schon untersucht worden, berichtet Oertelt-Prigione. “In einigen Fällen haben wir einen behandlungsbedürftigen Bluthochdruck diagnostiziert, von dem die Frau noch nichts wusste, oder auch Veränderungen des Herzrhythmus, die vielleicht harmlos sind, auf jeden Fall aber abgeklärt werden sollten. In einem Fall haben wir aber auch anhand von Veränderungen des EKGs festgestellt, dass die Teilnehmerin kurz zuvor einen Herzinfarkt durchgemacht hatte.” Sie hatte davon nichts gewusst, sich allerdings einige Tage zuvor auffällig schwach gefühlt.

Dass Infarkte bei Frauen häufig ohne die “typischen” Schmerzen und Enge-Gefühle im Brustraum ablaufen, ist seit Jahren eine wichtige Botschaft der Leiterin des Zentrums für Geschlechterforschung in der Medizin, der Herzspezialistin Vera Regitz-Zagrosek. Umso wichtiger ist es, die Gefahr schon im Vorfeld zu erkennen. Bei jeder zehnten Teilnehmerin, die im Rahmen der laufenden Berlinerinnen-Studie schon untersucht wurde, wurde irgendeine kleine oder größere Auffälligkeit gefunden, die das Risiko für einen Infarkt erhöht. Die ausführliche Beratung und Behandlung gehört in solchen Fällen nicht zur Studie, doch die Ärzte, an die die Teilnehmerinnen sich wenden, bekommen die Daten übermittelt.

Was bei der Studie herauskommen soll, ist ein genaueres Bild über die Risiken für Herzleiden, aber auch für Erkrankungen wie Diabetes, die in der Großstadt Berlin für Frauen verschiedener Altersgruppen tatsächlich bestehen – und über das Bewusstsein, dass der weibliche Teil der Bevölkerung darüber heute hat. Darüber hinaus wünschen sich die BEFRI-Forscherinnen aber, dass sich aus ihrer Studie Empfehlungen speziell für Frauen ableiten lassen. “Viele Risikofaktoren sind schließlich von unterschiedlicher Bedeutung für die Geschlechter”, so Oertelt-Prigione. Da wissenschaftliche Studien bisher vorwiegend mit männlichen Versuchspersonen und Patienten gemacht worden seien, fehle bisher noch einiges an handfestem Wissen zum weiblichen Herzen. Spätestens im Laufe des Jahres 2014 sollen die BEFRI-Ergebnisse den Wissensschatz der Kardiologen bereichern.

Die Charité-Medizinerin will aber nicht ausschließen, dass sich an die Frauen-Studie in absehbarer Zeit auch eine Männer-Studie anschließen könnte. Nur so ist Geschlechterforschung in der Medizin eine ganze Sache.



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