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Harnblasenkrebs: Rettung der Männlichkeit

Potenz und Kontinenz sind gefährdet, wenn die Harnblase entfernt werden muss. Grafik: Focus/SPL . Bartel/Tsp

Potenz und Kontinenz sind gefährdet, wenn die Harnblase entfernt werden muss. Grafik: Focus/SPL . Bartel/Tsp

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Jan Bergrath hat ein tragikomisches Buch über ein Tabuthema geschrieben: Blasenkrebs bei Männern. Denn dabei geht es auch um Impotenz. Die Zeugungsfähigkeit kann man trotz Entfernung des Organs erhalten – aber nicht alle Mediziner sehen das als wichtig an. Bergrath fand den richtigen Arzt

Der Bauarbeiter erzählt lachend, ihm werde bald sein Penis wegoperiert. Sein jüngerer Bettnachbar findet, man könne leichter auf die Blase verzichten als auf die Hoden. Und ein dritter Mann im Krankenzimmer der Charité , in dem die Szene spielt, sagt: „Mit dem Sex klappt es schon noch. Nach einem Jahr auch wieder ohne blaue Pille. Aber es kommt nichts mehr raus. Aus die Maus. Kinder kannst du vergessen. Da musst du dir also vorher schon was einfrieren lassen.“ Vorher heißt in diesem Fall: Vor der Operation, bei der Männern ihre von Krebszellen befallene Blase herausgenommen wird.

Die Szene stammt aus dem Buch „Fiktion“ des Krimiautors Jan Bergrath (LZ-Verlag, 15,90 Euro). Darin verarbeitet er seine eigene Erfahrung als Blasenkrebspatient in der Urologie der Charité. „"Endlich gehörte auch ich zum inneren Zirkel der Auserwählten auf Station 128. Ich hatte einen Beutel“", lässt Bergrath sein Alter Ego Andreas Hubert im Roman sagen. Hubert ist ebenfalls Krimiautor. Und es geht um einen Urinbeutel, der mit einem Katheter direkt in der kranken Blase befestigt ist.

Jan Bergrath hat ein tragikomisches Buch über ein Tabuthema geschrieben. Das ist Blasenkrebs noch immer, vor allem bei Männern – weil das Problem Impotenz immer dazugehört. „Männer reden vielleicht darüber, wenn sie was mit dem Meniskus haben. Das ist cool. “Aber vor allem Ältere tun sich sehr schwer, über ihre Sexualität zu reden“”, sagt Bergrath. „"Es geht ja auch um das Verhältnis zum weiblichen Geschlecht, wenn man nicht mehr so kann, wie man will. Deswegen habe ich mir gedacht, ich gehe mal einen Schritt nach vorn und thematisiere das. Ich wollte aber keine Leidensgeschichte erzählen.“"

Nachdem das Buch fertig war, gab Bergrath es Kurt Miller, dem Leiter der Urologie an der Charité in Mitte und Steglitz zum Korrekturlesen. Miller hatte Bergrath operiert. „"Der Humor, mit der er die Kliniksituation beschreibt, hat eine gewisse Trockenheit, die finde ich gut“", sagt Miller. Ihm gefalle vor allem die Szene, in der sich die „Kumpel“ mit Blasenkrebs im Klinikzimmer über Hoden, Penisse und Viagra-Pillen unterhalten: „Das ist nett beschrieben. Zuerst hatte Jan Bergrath die Tumorstadien ein bisschen durcheinandergebracht, aber jetzt stimmt das Medizinische im Buch.“

Wie Bergrath in die Charité gelangte, ist eine Geschichte für sich. Anders als der Protagonist im Roman lebt er nämlich zurzeit nicht in Berlin, sondern in Köln. Dort ging er auch zunächst ins Krankenhaus, als der Verdacht aufkam, er könne Blasenkrebs haben. Die Kölner Ärzte machten, wie es üblich ist, eine Biopsie. Dabei wird der Tumor aus der Blase geschabt und dann ins Labor geschickt, um zu sehen, wie gefährlich er ist. 2009, an „einem Freitag zur Kaffeezeit“, bekam Bergrath die Diagnose: Blasenkrebs. “„Eine übermüdete Assistenzärztin sagte es mir sehr nüchtern und stellte gleich fest, die Blase müsse raus und ich könne mich darauf einstellen, impotent zu werden.“” Ein „Carcinoma in Situ T1G3“ diagnostizierte sie, das schon in die Blasenwand eingedrungen war. „"Diese Bezeichnung werde ich nie vergessen“", sagt er heute.

Der damals 52-Jährige wollte sich aber nicht mit diesem Urteil abfinden. Und so ließ er sich einen Termin an der Poliklinik der Charité geben –- in Berlin, jener Stadt, in der er schon öfter gelebt und gearbeitet hatte und in der auch sein letzter Krimi vor „Fiktion“ spielte. „"In der Poliklinik hatte ich Glück"“, sagt Bergrath. Anders als die müde Assistenzärztin in Köln war ihm der „junge engagierte“ Oberarzt, der ihn dort untersuchte, sofort sympathisch. „Die Chemie stimmte. “Er sagte, man müsse nicht immer sofort gleich die ganze Blase entfernen, weil ,wir in Berlin’ das etwas anders sehen.“ Sie würden versuchen, die Blase so lange wie möglich zu erhalten.” Bergrath war erleichtert. Er probierte zwei spezielle, 2009 noch neue Methoden aus: zunächst eine Immuntherapie mit BCG-Tuberkulosebakterien (Bazillus-Calmette Guérin). „"Die Tuberkulosebakterien verursachen eine künstliche Entzündung in der Blase und regen so eine Immunantwort an"“, erklärt Urologe Miller. Das sei inzwischen eine erprobte Methode, die in einigen Fällen gut wirke. Bei Bergrath jedoch nicht. Auch eine spezielle Chemotherapie, bei der die Blase mit einem Mikrowellensender auf 42 Grad erhitzt wird, brachte keinen Erfolg. An der Charité würden sie dieses Verfahren inzwischen nicht mehr verwenden. „"Es hat uns nicht überzeugt"“, sagt Miller.

„"Ab wann man die Blase entfernen muss", wird unter Urologen nicht einheitlich gesehen“, sagt Miller. Bei Tumoren gibt es mehrere Stadien, die in Formeln ausgedrückt werden: Das Stadium T1G3 wie bei Bergrath sei genau jenes, bei dem sich Ärzte uneins seien. „Es geht darum, wie weit der Tumor in die Blase hineinwächst. Und wie aggressiv das Tumorbild ist. “An der Charité versuchen wir immer, die Blase zu erhalten“”, sagt Miller. Etwa 60 Prozent der Urologen in Deutschland würden das ebenfalls so handhaben, schätzt er. Bei Bergrath blieb schließlich keine andere Möglichkeit mehr, als die Blase zu entfernen und aus einem 70 Zentimeter langen Stück Dünndarm eine „Neoblase“ zu formen. Bergrath beschreibt die Operation sehr drastisch in seinem Buch: „Wenn Harnleiter, Prostata und Blase frei sind, schneidet man die Harnleiter ab, lässt sie hängen, der Urin läuft dann raus.“ Miller sagt: „"Es ist eine große Operation mit Komplikationsmöglichkeiten".“ Die Potenz zu retten, ist nicht das Einzige – auch wenn es den meisten Männern in diesem Moment wohl das Wichtigste ist. Man müsse auch den Schließmuskel erhalten, damit der Patient nicht inkontinent werde und den Darm wieder „in Betrieb“ nehmen.

Auf etwa drei bis vier männliche Blasenkrebspatienten komme eine Frau, sagt Miller: „Auch da kann man funktionell einiges erhalten oder kaputtmachen.“ Bei Bergrath ging „funktionell“ kaum etwas zu Bruch –- er behielt seine Potenz. “„In seiner Altersgruppe können wir bei 70 bis 80 Prozent die Potenz erhalten“”, sagt Miller. Nur seien die meisten Patienten älter, nämlich über 60. Dort liege die Quote eher bei 50 Prozent. Aber nicht für alle Krankenhäuser spielten solche „Feinheiten“ wie der Erhalt der Potenz eine Rolle: „Noch immer geistert die unsinnige Vorstellung herum, Patienten würden nach einer Blasenentfernung automatisch zu impotenten Beutelträgern“, kritisiert Miller. Fast alle Krankenhäuser in Berlin würden die Operation durchführen, aber eben nicht alle gleich häufig: „"Es ist wichtig, sich eine Klinik zu suchen, wo man sich damit auskennt.“"

Aber auch dort ist eine Operation, wie Bergrath sie hinter sich hat, anstrengend und entwürdigend. „Langsam wurde ich wieder zu einem menschlichen Wesen“, lässt der Autor seinen Protagonisten einige Tage nach der Operation sagen.

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Von Daniela Martens

Artikel zuletzt aktualisiert am: 07.01.2013

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