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Geburtskurse für Väter: An der Krippe

Beschützer. Das St. Joseph-Krankenhaus Tempelhof bietet Väterkurse an.  Foto: picture alliance / dpa Themendienst

Beschützer. Das St. Joseph-Krankenhaus Tempelhof bietet Väterkurse an. Foto: picture alliance / dpa Themendienst

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Im Stall von Bethlehem stand Josef an der Seite Marias. Wie kommen Väter heute mit der Geburt zurecht? Studien zeigen: Diejenigen, die vorher explizit über ihre Rolle aufgeklärt werden, sind gefestigter.

„Und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn; den hüllte sie in Windeln und legte ihn in eine Krippe – denn in der Herberge hatten sie keinen Platz gefunden.“ Kern der Weihnachtsgeschichte, wie sie Lukas aufgezeichnet hat, ist die Entbindung einer unerfahrenen jungen Frau von ihrem ersten Kind, unter einfachsten Umständen, ohne professionelle Hilfe. Es sind kaum größere Gegensätze denkbar als der zwischen der mitternächtlich-dunklen Krippe im Stall von Bethlehem, erleuchtet nur von einem großen Stern, und einem dezent beleuchteten, möglichst anheimelnd möblierten Kreißsaal, in dem sich Hebammen und medizinische Geburtshelfer um Mutter und Kind bemühen – und dabei abgesichert sind durch technische Hilfsmittel, die die Lebensfunktionen des Ungeborenen überwachen, durch Medikamente, die die Wehen steuern und die Schmerzen lindern, nicht zuletzt durch einen modernen Operationssaal mit diensthabenden Kinderärzten. Doch mindestens in einem Punkt mutet die Erzählung sehr heutig an: Der Partner war bei der Geburt dabei! Dabei lebte der Zimmermann Josef in einer Zeit und Kultur, in der alles zwischen Wehen und Wochenbett normalerweise reine Frauensache war. Und noch dazu musste der Verlobte Marias der Überlieferung zufolge berechtigte Zweifel an seiner biologischen Vaterschaft haben.

„Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh, Maria und Josef betrachten es froh.“ Lieder und Gemälde präsentieren uns die heilige Familie trotzdem als Inbegriff inniger partnerschaftlicher Gemeinsamkeit. Heute haben die meisten Väter dieses „Wir“-Gefühl, bis hin zu den eher sozial als biologisch korrekten Aussagen „"Wir sind schwanger"“ und “„Wir bekommen ein Kind”“. Für neun von zehn westeuropäischen Männern ist es Ehrensache, ihre Partnerin in den Kreißsaal zu begleiten. Die Frage ist allerdings, wie sie sich dort fühlen, welche Rolle ihnen als Laien im professionellen Gefüge zugedacht ist und was ihnen dabei hilft, sie gut auszufüllen. Fragen, die sich dem biblischen Josef angesichts der akuten Notlage nicht stellten.

Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St. Joseph-Krankenhaus Tempelhof , hat mit seinem Ulmer Kollegen Achim Wöckel und dem Berliner Politologen und Väter-Forscher Eberhard Schäfer vor einigen Jahren 144 Paare vor und nach der Geburt befragt. Während einer Sitzung eines zwölfteiligen Geburtsvorbereitungskurses wurde die Hälfte der Paare nach dem Zufallsprinzip getrennt, so dass die werdenden Väter aus der Versuchsgruppe Gelegenheit hatten, einen Abend „unter Männern“ zu verbringen, mit einem Gynäkologen als Experten. Die Paare der Kontrollgruppe blieben dagegen auch an diesem Abend zusammen.

Die überwiegende Mehrheit der Studienteilnehmer hatte zuvor Befürchtungen hinsichtlich der Entbindung geäußert: Alle hatten sie Angst davor, die Partnerin leiden zu sehen, ohne ihr helfen zu können, viele fürchteten aber auch, Ablehnung von ihr zu erfahren, die Kontrolle zu verlieren und Schwäche zu zeigen, sich körperlich abgestoßen zu fühlen oder gar bleibende negative Eindrücke mitzunehmen. Nachher sagten immer noch 15 Prozent der Männer, bei deren Partnerin die Entbindung aus der Sicht der Ärzte unkompliziert verlaufen war, dass sich ihre Befürchtungen bestätigt hätten. Interessanterweise war aber keiner der getrennt geschulten Väter darunter. Offenbar sind diejenigen Männer, die explizit auf ihre Rolle vorbereitet werden, später gefestigter.

„Ich steh’’ an deiner Krippe hier“: Andere Studien zeigen, dass Väter in denjenigen Situationen im Kreißsaal am meisten unter Stress stehen, in denen ihnen ihre Rolle unklar ist. In denen sie, die sich doch für das Wohlergehen ihrer Partnerinnen mitverantwortlich fühlen, den Eindruck haben, völlig machtlos zu sein. Nach Erfahrungen von Geburtsmedizinern sind es häufig Väter, die die Ärzte auffordern, mehr gegen den Schmerz zu unternehmen. „Es bringt etwas, Männer einerseits über natürliche Abläufe und mögliche Komplikationen zu informieren und ihnen andererseits zu zeigen, wie sie ihre Partnerin unterstützen können“, so die Schlussfolgerung von Abou-Dakn.

Die Väterkurse sind in der Klinik, die nach dem sozialen Vater des kleinen Jesus benannt ist, inzwischen eine feste Einrichtung. Daten darüber, wie sie sich langfristig auf die Beziehungen innerhalb der Paare und Familien auswirken, existieren allerdings noch nicht. Kein werdender Vater sollte sich verpflichtet fühlen, an einem solchen Kurs teilzunehmen, keiner sollte – ausgesprochen oder unausgesprochen – unter Druck gesetzt werden, im Kreißsaal dabei zu sein. Auch Freundinnen oder weibliche Verwandte können dort gute Unterstützerinnen sein.

„Josef, lieber Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein“: Was es bringt, das Kind vom ersten Moment seines Lebens an zu begleiten, zeichnet sich dagegen heute deutlich ab. “Studien haben gezeigt, dass der Hautkontakt in den ersten Stunden für die spätere Bindung ans Kind von zentraler Bedeutung ist. „Das ist durch neurobiologische und hormonelle Veränderungen gut zu erklären und gilt für Mütter wie Väter“”, sagt Geburtsmediziner Abou-Dakn. Männer, die von Beginn an diese Chance nutzen, haben später, wenn ihr Kind im Vorschulalter ist, eine höhere Feinfühligkeit beim Spielen mit ihm. Das haben die Bindungsforscher Karin und Klaus Grossmann belegen können. Krankenhäuser können für die ganze Familie viel tun, etwa durch die Einrichtung von Familienzimmern, wo Vater, Mutter und Kind sich in den ersten Tagen aufhalten können. Im St. Joseph-Krankenhaus gibt es 13 dieser begehrten Zimmer.

Laut Überlieferung kamen auch der neugeborene Jesus und seine Eltern in den Genuss dieser bindungsförderlichen Dreisamkeit, die nur ab und an von Hirten und weit gereisten Königen „gestört“ wurde. Im heutigen Berlin hätten sie sich allerdings unter weit komfortableren Bedingungen aneinander gewöhnen können als damals im Stall von Bethlehem.

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Von Adelheid Müller-Lissner

Artikel zuletzt aktualisiert am: 10.01.2013

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