Fit für die Zukunft

Die Berliner Krankenhausszene ist in Bewegung. Häuser müssen schließen, andere profitieren davon. Das Vivantes-Klinikum im Friedrichshain gehört zu den Gewinnern. Es wird gerade aufwendig erweitert.

Die Pulsklinik in Charlottenburg ist Geschichte, ebenso das Krankenhaus Moabit und bald auch das Klinikum Prenzlauer Berg in der Fröbelstraße. Krankenhäuser werden geschlossen, Betten abgebaut, Behandlungsabläufe optimiert. Dieser Prozess ist Teil der Ökonomisierung im Gesundheitswesen, oft beklagt, aber unter den geltenden Rahmenbedingungen ohne Alternative.

Das jüngste Opfer des Systems, das Krankenhaus Prenzlauer Berg, existiert wahrscheinlich noch zwei bis drei Jahre, ist aber offiziell schon ein Nebenstandort des größeren Vivantes-Klinikums im Friedrichshain. Die 140 Betten an der Fröbelstraße sollen schrittweise an die Landsberger Allee verlagert werden. Dort entstehen gerade zwei neue Bettenhäuser, die an den bestehenden Klinikaltbau angeschlossen werden. Derzeit wird die Tiefgarage betoniert, im Juni ist Grundsteinlegung. Vivantes lässt sich diese Baumaßnahme 105 Millionen Euro kosten, dafür nimmt der landeseigene Klinikkonzern Kredite auf. Dem Gesetz nach müsste eigentlich das Land dieses Geld aufbringen, doch Berlin kämpft an allen Fronten gegen den Sanierungsstau - Stichworte wären Schulen, Bäder, Brücken - und hat an den stadtweit rund 50 Kliniken schon reichlich zu tun.

In Friedrichshain entstehen unter anderem eine neue Kinderklinik mit 44 Betten und Eltern-Kind-Zimmern, ein ambulantes Zentrum und eine "Komfortklinik" für Privatpatienten und Selbstzahler, also auch Patienten aus dem Ausland, die eine gute Versorgung in einer hotelähnlichen Atmosphäre wünschen. Die Komfortklinik mit 30 Betten zieht ins oberste Stockwerk des künftigen Hauses 15.1. Im Herbst 2017 sollen die neuen Gebäude mit insgesamt 400 Betten fertig sein. Im Unterschied zur alten Struktur mit rund 20 Betten in Mehrbettzimmern werden die neuen Stationen viel größer sein, mit durchschnittlich 48 Betten.

Außerdem baut Vivantes zusammen mit der Charité am Standort Friedrichshain einen Neubau für die Strahlentherapie mit zwei Linearbeschleunigern zur Tumorbekämpfung. Das kostet noch mal zehn Millionen Euro. Dieses Bauprojekt soll schon im Juli 2015 abgeschlossen sein.

Das 1874 auf Anregung von Rudolf Virchow gegründete Klinikum, 1953 nach Kriegsschäden neu errichtet und ausgebaut, ist also ein Standort mit Zukunftsperspektive für die nächsten 50 Jahre. Im 19. Jahrhundert war es das erste große Krankenhaus in Berlin neben der Charité. Historisch betrachtet ist der Bau auch wegen des Aufstands vom 17. Juni 1953 von Signifikanz. Zwei Tage zuvor begann genau dort, auf der Klinikbaustelle, der Streik gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen, der dann in den Protestzug zum Haus der Ministerien an der Leipziger Straße mündete.

Das Klinikum wurde in den 90er Jahren auf den Standard des Westens ertüchtigt, erhielt neue OP-Säle und eine Rettungsstelle, doch die Gebäude blieben weitgehend im alten Zustand erhalten. Mit den neuen Bettenhäusern wird auch das bestehende Gebäude 15 saniert und umgebaut, der restliche Altbaubestand muss weiter auf seine Grundsanierung warten.

Der Finanzbedarf von Vivantes wird für die nächsten zehn Jahre auf eine Milliarde Euro beziffert. Diese Schätzung aus Senatskreisen wird vom Unternehmen offiziell nicht bestätigt. Derzeit liegen Investitionsanträge über 270 Millionen Euro bei der Senatsverwaltung. Alle Vivantes-Häuser haben Sanierungsbedarf, akut ist derzeit die Lage im Klinikum Neukölln. Dach und Heizungsanlage des 1985 eröffneten Baus sind verschlissen.

Vivantes unterhält in seiner Unternehmenszentrale in Reinickendorf eine eigene Bauabteilung. "Wir managen unsere Bauprojekte selber", sagt der Bauingenieur und Leiter des "Facility Managements" Jan Kubald. Das Selbermanagen helfe sehr dabei, die üblichen Kostensteigerungen bei Bauvorhaben einzugrenzen. Schon vorab habe er die Wunschliste der Friedrichshainer Chefärzte und des Architekten Jürgen Franke aus Cottbus kritisch durchgesehen. Und gekürzt.

Landemöglichkeit statt Landeplatz für Hubschrauber

Dem Rotstift ist auch der Hubschrauberlandeplatz auf dem westlichen Neubau zum Opfer gefallen. Das Krankenhaus muss sich vorerst mit einer Hubschrauberlandemöglichkeit zufrieden geben. Dazu wurde eine Grünanlage im nördlichen Bereich hergerichtet, auch ein paar Bäume mussten gefällt werden. Geleistet hat sich Vivantes aber eine neue Tiefgarage mit 260 Stellplätzen und eine Klimaanlage für Flure, Schwesternzimmer und Aufenthaltsräume. "Bei einer Förderung vom Land müssten wir auf die Klimaanlage verzichten."

Künftig soll das "Krankenhaus der Maximalversorgung" im Friedrichshain 940 Betten haben und alle klassischen medizinischen Disziplinen beherbergen. Zwei Besonderheiten gibt es: Das "Aeromedical Center" testet Pilotenanwärter auf medizinische Tauglichkeit und das "Zentrum für Sauerstofftherapie und Tauchmedizin" behandelt Taucher nach Unfällen. In der Druckkammer können auch Brandopfer mit Rauchgasvergiftung und Patienten mit schlecht heilenden Wunden therapiert werden. Das Klinikum hat also medizinische Expertise zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Nur für die Weltraummedizin gibt es noch keine Abteilung.

Auch in Hellersdorf baut Vivantes derzeit ein neues Klinikgebäude mit 164 Betten. Die Baukosten von 30 Millionen Euro teilen sich der Konzern, das Land und der Bund. Der Neubau auf dem Gelände des Klinikums Hellersdorf soll Ende 2015 fertig sein und die Klinik für Psychiatrie sowie eine geriatrische Station aufnehmen. Die alte Psychiatrie am Außenstandort Brebacher Weg wird geschlossen. Auch hier verspricht sich Vivantes durch die Zusammenlegung eine effektivere Patientenversorgung und "erhebliche wirtschaftliche Vorteile."



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