Eine Krankheit der Armen

Vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen sind von Diabetes Typ 2 betroffen. Sie essen ungesünder, es fehlt an Bildung. Ärzte sehen die Politik in der Pflicht.

Gesundheit stand diesmal ganz oben auf der Agenda des G7-Treffens: In Elmau wurde Manöverkritik in Sachen Ebola betrieben und diskutiert, wie die internationale Gemeinschaft in Zukunft bei Ausbrüchen gefährlicher Infektionskrankheiten effektiver helfen kann. Es ging auch um das Problem der Antibiotika-Resistenzen, die herkömmliche Wirkstoffe gegen immer mehr Krankheitserreger unwirksam werden lassen. Gut so: Industrienationen müssen Verantwortung für globale Gesundheit übernehmen. "Die großen Gesundheitsprobleme können wir nur gemeinsam und mit höchster politischer Unterstützung lösen", so Detlev Ganten, Charité - Forscher und Präsident des jährlich im Herbst in Berlin stattfindenden Weltgesundheitsgipfels.

Dort wurde in den letzten Jahren immer wieder auch ein wachsendes Gesundheitsproblem diskutiert, das beim Treffen der G7 auf der Agenda fehlte: Die Volkskrankheit Typ-2-Diabetes. Der sogenannte "Alterszucker" war einst eine Wohlstandkrankheit, trifft heute zunehmend aber auch Menschen aus den ärmeren Ländern dieser Erde. Elf Prozent der weltweiten Ausgaben für Gesundheit gehen derzeit auf das Konto von Diabetes vom Typ 2 und seinen Folgekrankheiten. Die Krankheit, bei der das Bauchspeicheldrüsen-Hormon Insulin nach und nach seinen Einfluss auf den aus der Nahrung stammenden Zucker im Blut einbüßt, ist weltweit zum Volksleiden geworden.

Prinzipiell kann der Diabetes Typ 2, einmal erkannt, gut behandelt werden. Anders als beim Typ-1-Diabetes, der meist schon in jungen Jahren auftritt, reicht es hier in vielen Fällen, einige Kilo abzunehmen, sich mehr zu bewegen und umsichtiger zu ernähren, um den Stoffwechsel positiv zu beeinflussen und den Blutzuckerspiegel zu senken. Wenn Medikamente gebraucht werden, muss es meist trotzdem nicht gleich Insulin sein. Und wenn es Insulin sein muss, ist die Therapie inzwischen angenehmer und flexibler. Bei angemessener Therapie bleiben die gefürchteten Folgeschäden aus. Doch diese minutiöse Therapie erfordert eine Infrastruktur, die es in Entwicklungs- und Schwellenländern oft nicht gibt. Und sie hat ihren Preis, den sich eher die reichen Länder leisten können. So entstehen 68 Prozent der Kosten, die weltweit für die Behandlung des "Alters-Diabetes" anfallen, in den finanzstarken G7-Staaten mit ihren teuren Gesundheitssystemen - die den ärmeren Ländern bei der "Zuckerkrankheit" mit schlechtem Beispiel vorangehen.

Die besondere Ironie der Geschichte: In den reichen Nationen dieser Erde ist Diabetes vom Typ 2 eine Krankheit, die Ärmere und sozial Benachteiligte weit häufiger trifft als Wohlhabende. Rund sechs Millionen Menschen haben die chronische Krankheit in Deutschland, in jedem Jahr kommen rund 300 000 neue Diagnosen hinzu. In Regionen, in denen das Durchschnittseinkommen niedrig und die Arbeitslosigkeit hoch ist, sind deutlich mehr Menschen stark übergewichtig, das Risiko für Typ-2-Diabetes ist dort entsprechend höher, die Lebenserwartung niedriger. "Im brandenburgischen Bad Belzig sind 13,5 Prozent der Erwachsenen Typ-2-Diabetiker, in Hamburg-Blankenese nur 4,3 Prozent", sagt Thomas Danne, Chefarzt am Kinderkrankenhaus Auf der Bult in Hannover und Vorstandsvorsitzender von DiabetesDE - Deutsche Diabeteshilfe, kürzlich auf einer Pressekonferenz in Berlin. Danne bezieht sich dabei auf eine Erhebung der Barmer GEK. In benachteiligten Regionen mit schlechteren Bildungs- und Beschäftigungschancen, unattraktiveren Umwelt- und Freizeitbedingungen und "hoher Verfügbarkeit von Fast Food" werde es den Menschen besonders schwergemacht, gesund zu leben, selbst bei gutem Willen.

Diabetes Typ 2 verhindern, früh erkennen, früh behandeln - das ist eines der wichtigsten Ziele des geplanten Präventionsgesetzes. Modellprojekte wie die vom Bundesgesundheitsministerium geförderte "Diabetesberatung auf Rädern", die in Nordrhein-Westfalen durchs Land rollt und auch wissenschaftlich evaluiert wird, kommen inzwischen der Bevölkerung mit Beratung (auch auf Türkisch) und dem Angebot zur Früherkennung entgegen. Wirkungsvoller als Ratschläge zum individuellen Verhalten sind nach Dannes Ansicht jedoch politische Maßnahmen. DiabetesDE fordert, in den Schulen mindestens eine Stunde Bewegung pro Tag auf den Stundenplan zu setzen, Schulessen auf bestimmte Qualitätskriterien zu verpflichten, Lebensmittelwerbung zu verbieten, die sich gezielt an Kinder richtet, und auf Zucker und Fett Steuern zu erheben. Vor allem der letzte Punkt ist ausgesprochen strittig - ist doch kein Lebensmittel an sich "gut" oder "böse". Weit konsensfähiger dürfte Dannes Forderung sein, man müsse alles tun, damit die soziale Schere nicht weiter auseinandergeht.

"Es geht nicht primär um Geld, wenn man in den reichen Ländern heute von Armut spricht", präzisiert Ellis Huber, Vorsitzender des Berufsverbandes der Präventologen und ehemaliger Präsident der Ärztekammer Berlin. Was seiner Ansicht nach oft weit mehr fehlt, sind "soziales Vermögen und individuelle Lebenskompetenz". Krankheiten wie Typ-2- Diabetes "messen die Gesundheit des sozialen Bindegewebes". Huber fordert einen Ausbau des "sozialen Immunsystems" durch Investitionen in gute Bildung, gesunde Kindergärten und Schulen für alle Heranwachsenden. "Die Arzneien der Zukunft heißen Bildung, Beteiligung und Gemeinschaft." Rezepte dafür kann der Arzt nicht ausstellen. Die Politik schon eher. Das nächste Treffen der G7 kommt bestimmt.



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