Flüchtlingskinder mit Behinderungen: Doppeltes Leid

Flüchtlingskinder mit Behinderungen warten oft jahrelang auf Rollstühle, Physiotherapie oder Blasenkatheter, die sie dringend zum täglichen Leben brauchen. Manche Behandlung wird gar nicht bewilligt. Die zuständigen Ämter sind überlastet. Das Sozialpädiatrische Zentrum der Charité versucht zu helfen

Erst nach zwei Jahren Wartezeit und einem Gerichtsurteil war der lang ersehnte Spezialkinderwagen da: Seit ein paar Wochen hat der siebenjährige Tschetschene A. jetzt seinen "Reha-Buggy". Der Junge, der mit seiner Familie nach Berlin geflohen ist, kann wegen angeborener Schädigungen motorischer Zentren im Gehirn weder laufen, noch ohne Hilfe stabil sitzen.

Inzwischen ist das Gefährt allerdings für den siebenjährigen A. fast zu klein. Der eigentlich beantragte Rollstuhl hätte auf jeden Fall länger seinen Dienst getan. Der jedoch wurde nicht bewilligt.

Auf dem Papier klingt es gut, was in Absatz 1 von Artikel 24 der UN-Kinderrechtskonvention zu lesen ist. Deutschland hat sie im Jahr 1992 ratifiziert: "Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit an sowie auf Inanspruchnahme von Einrichtungen zur Behandlung von Krankheiten und zur Wiederherstellung der Gesundheit. Die Vertragsstaaten bemühen sich sicherzustellen, dass keinem Kind das Recht auf Zugang zu derartigen Gesundheitsdiensten vorenthalten wird." Doch in Deutschland leben heute Kinder, denen der genannte "Zugang zu derartigen Gesundheitsdiensten" sehr schwer gemacht wird. Kinder wie A., dessen Eltern Asylbewerber sind. Mitarbeiterinnen des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) der Charité haben darum gekämpft, dass A. seinen Buggy bekam. Letztlich hat ein Anwalt auf dem Weg über eine sozialgerichtliche Verfügung Erfolg gehabt, wie die Diplom-Pädagogin Dorthe Namuth dem Tagesspiegel berichtet. "Doch viele Eltern haben Sorge, es könnte ihr Verfahren ungünstig beeinflussen, wenn sie einen Anwalt nehmen, vielen fehlt auch das Wissen über therapeutische und juristische Möglichkeiten, dazu kommen oft fehlende Sprachkenntnisse", ergänzt ihre Kollegin Petra Horvath.

Das SPZ der Charité ist ein hochspezialisierter, auch wissenschaftlich ausgewiesener Ort, an dem seit Jahrzehnten Kinder und Jugendliche mit den unterschiedlichsten chronischen Krankheiten und Behinderungen behandelt werden. Auch Flüchtlingskinder. 'Doch wenn ein behindertes Kind mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus einen Rollstuhl, einen Reha-Buggy oder eine bestimmte Physiotherapie braucht, dann knobeln und kauen unsere Sozialarbeiter lange daran', berichtet Theodor Michael, der Ärztliche Leiter des Zentrums. Die zwei bis drei Jahre, die dabei nach seiner Auskunft manchmal ins Land gehen, sind für die Entwicklung des Kindes entscheidend: Es wächst, ohne Behandlung bleiben die Muskeln noch weiter zurück, verkrampfen sich, versagen ihren Dienst. Verzögerungen von mehreren Jahren führen manchmal auch dazu, dass Kinder nicht eingeschult werden können. 'Und solange die Eltern von den Behörden keinen rechtsmittelfähigen Bescheid haben, können wir sie nicht dabei unterstützen, juristisch dagegen anzugehen', ergänzt Michael.

Doch ohne die Genehmigung durch die zuständige Behörde geht in Sachen Heil- und Hilfsmittel nichts: Paragraf 4 des Asylbewerberleistungsgesetzes legt fest, dass Menschen ohne dauerhaft sicheren Aufenthaltsstatus ärztliche Hilfe nur 'bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen' zusteht. Alles, was darüber hinausgeht, muss gesondert beantragt werden. Die Anträge kosten nicht nur viel Zeit und Energie, das Ergebnis ist auch oft frustrierend, wie Michael berichtet: 'Hilfsmittel, die für deutsche Kinder mit derselben Behinderung üblich sind, werden häufig nicht bezahlt.' So habe ein Junge, der seine Blase wegen einer angeborenen Lähmung nicht selbst entleeren kann, nach vielen Telefonaten eine vorläufige Kostenübernahme für Blasenkatheter bekommen - leider für ein preisgünstiges, aber zu großes Erwachsenenmodell, das seine Harnröhre verletzen könnte. Nur mit viel Aufwand gelang es, das passende Modell durchzusetzen. 'Wir wollen und können aber nicht die einen Kinder so, die anderen so behandeln', sagt Kinderarzt Michael. Er wünscht sich, dass die Expertise des SPZ auch in den Zwischenphasen bis zur Klärung des Aufenthaltsstatus der Kinder stärker genutzt wird. 'Wir sind es schließlich gewohnt, zielorientiert und wirtschaftlich Kinder zu behandeln.' Auch den Einsatz gebrauchter Hilfsmittel findet er durchaus sinnvoll.

Dass die Ämter überlastet sind, leuchtet angesichts steigender Zahlen ein: Im Januar dieses Jahres sind 73 Prozent mehr Asylbewerber nach Deutschland gekommen als im Vormonat, die meisten aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Syrien. Heranwachsende mit chronischen körperlichen Krankheiten und Behinderungen, aber ohne gesicherten Aufenthaltsstatus und damit ohne Krankenversicherung bilden trotzdem eine kleine Minderheit. Längst nicht alle finden zudem den Weg in ein SPZ, wo ihnen Behandlungswege aufgezeigt werden.

In Berlin ist für die Anträge auf Hilfsmittel und Behandlungen das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) zuständig. Nach Auskunft des Amtes wurden im Jahr 2014 in dessen Zentraler Medizinischer Gutachtenstelle insgesamt 338 Gutachten zu Kostenübernahmen für Minderjährige erstellt, davon 49 Gutachten zu Kostenübernahmen für orthopädische Hilfsmittel, 37 für sonstige Hilfsmittel, wie zum Beispiel Brillen, 65 zu speziellen Behandlungen wie etwa Sprachtherapien, 45 zu Zahnbehandlungen. Im Mittel habe die Bearbeitung 41 Tage gedauert. Durch den anhaltend hohen Zugang von Flüchtlingen sei man jedoch notgedrungen im Rückstand mit der Bearbeitung aller postalischen Anfragen - auch derjenigen, die Erwachsene betreffen. 'Die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter sind mit dem hohen Publikumsaufkommen komplett ausgelastet und kommen derzeit nicht im erforderlichen Maße zur schriftlichen Aktenbearbeitung', so bedauert das Amt in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber dem Tagesspiegel. Man sei sich der Härten bewusst, die dadurch entstehen können. 'Gerade diese Tatsache macht einen Teil der psychischen Belastungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus. Das Bewusstsein, nicht in angemessenem Maß und vor allem schneller für die Menschen sorgen zu können, ist für alle Betroffenen eine große Belastung.' Mithilfe des neu eingestellten Personals hoffe man jetzt aber die Postrückstände abzubauen und die Anträge wieder zügiger bearbeiten zu können, 'wenn nicht eine weitere und überraschende Erhöhung der Flüchtlingszugänge eintritt.'

Ein Drittel aller Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen oder nur den Status der Duldung haben, sind einer Unicef-Studie aus dem Jahr 2013 zufolge unter 18 Jahren. Fast die Hälfte von ihnen ist sogar noch nicht fünf Jahre alt. Viele Familien sind der Kinder wegen aus der Heimat geflohen, um ihnen bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen, aber auch, um schlicht ihr Leben zu retten, um sie vor Genitalverstümmelung oder vor einer Rekrutierung als Kindersoldaten zu schützen. Viele Heranwachsende fühlen sich dann im Gastland für ihre Eltern verantwortlich, weil sie oft schneller die neue Sprache lernen. Ihr eigenes seelisches Leid gehe dabei leicht unter, geben die Autoren der Studie zu bedenken.

Heranwachsende mit chronischen körperlichen Leiden und Behinderungen und ihre Familien haben ein weiteres Päckchen zu tragen. Immerhin gibt es in einem reichen Land mit guter medizinischer Versorgung wie Deutschland optimale Hilfsangebote für sie. Jedenfalls theoretisch.



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