Psychische Belastung bei Heimkindern: Die Ruhe bewahren

Jugendliche in Heimen sind häufig psychisch auffällig. Sie brauchen beides: Erzieher und Ärzte. Doch die kooperieren oft nicht. Das Brandenburger Modellprojekt “You’ll never walk alone” will das ändern. Auch viele Kinder aus Berlin profitieren davon.

Es ist Mitternacht, längst Schlafenszeit für Grundschulkinder. Doch mutterseelenallein sitzt ein Junge an der Pforte einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er hat eine Wasserflasche in der einen, eine Tüte mit Gummibärchen in der anderen Hand, dazu eine blaue Mülltüte mit ein paar Kleidungsstücken. Der Notarzt, der wegen eines Infarktpatienten schnell weiter musste, hat ihn dort vor einer Dreiviertelstunde abgesetzt. Der Kinder- und Jugendpsychiater, der in dieser Nacht in der Klinik Dienst hat, muss sich noch um einen jungen Patienten kümmern, der angedroht hat, sich das Leben zu nehmen.

Der Elfjährige ist bei Nacht und Nebel im Notarztwagen in die Klinik gekommen, aus dem Heim, in dem er erst seit drei Tagen lebte. Die Situation im Heim hatte sich an diesem Abend dramatisch zugespitzt: Der Junge, der seit der zweiten Klasse nicht mehr bei seiner Mutter, sondern in wechselnden Wohngruppen und Heimen gelebt hatte, war an diesem Abend durchgedreht, als er seinen Schlafanzug anziehen sollte. Er hatte die Gruppen-Erzieherin, die sich allein um eine Gruppe von Kindern kümmern musste, mit einem Messer attackiert. Dem Kinderpsychiater berichtete er später, er habe Angst gehabt, wieder einen Albtraum zu bekommen.

Nun, beim Warten an der Pforte der Klinik, fallen ihm vor Müdigkeit immer wieder die Augen zu. Er ist, zumindest in diesem Augenblick, allein. Und er ist hier, weil seine Erzieherin sich allein gelassen fühlte und die Unterstützung von Ärzten suchte. Es gibt wenig Zweifel daran, dass dieser Junge beides braucht: Erziehung und Behandlung. Doch vielfach beäugen sich Heime und Kliniken heute noch skeptisch. Fühlen sich Erzieher der stationären Kinder- und Jugendhilfe von den Ärzten und Therapeuten bisweilen im Stich gelassen, so verdächtigen diese umgekehrt die Einrichtungen der Jugendhilfe, die Kinder zu oft zu ihnen abzuschieben.

Das Kooperationsprojekt "You'll never walk alone" hat sich zum Ziel gesetzt, beide Hilfsbereiche besser miteinander zu vernetzen. Es wurde 2009 in einer Modellregion im Einzugsgebiet der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters der Martin-Gropius-Krankenhaus GmbH in Eberswalde gestartet und 2010 auf weitere Einzugsgebiete ausgedehnt. Insgesamt waren neun Heime beteiligt. Finanzielle Unterstützung kam aus dem Mauerfonds und vom Land Brandenburg.

Kinder und Jugendliche aus Heimen haben Vorrang bei Terminen für Sprechstunden in der Klinik

Inzwischen, nach Abschluss der Evaluation, läuft die Zusammenarbeit im etwas kleineren Rahmen weiter, mit nur drei beteiligten Heimen. Eines davon ist die Bergvilla Adolf Reichwein in Joachimsthal, ein Ort für Heranwachsende mit sozial- und heilpädagogischem Hilfebedarf, darunter auch Kinder aus Berlin. Dort findet nun regelmäßig eine Sprechstunde statt: Fachärzte und Psychotherapeuten kommen aus der Klinik in Eberswalde angefahren. Wenn nötig, bekommen die Kinder und Jugendlichen außerdem schnell einen Termin für ein Gespräch in der Klinik, denn dort werden bestimmte Sprechzeiten für die Heime "geblockt". Das "rote Telefon" sorgt außerdem für einen direkten Draht zwischen Erzieher und Ärzten.

Das macht manche Einweisung ins Krankenhaus überflüssig. "Die Kinder sollen auf keinen Fall hin- und herspringen müssen", sagt Anja Quilitz, Pädagogische Leiterin der Einrichtung. Die Kontakte zwischen Heimen und Klinik wurden anfangs durch den Berliner Projektträger "Ruhe in Bewegung" organisiert und moderiert. Das Vertrauen beider Seiten und die Hochachtung vor der Arbeit des jeweils anderen seien seitdem enorm gewachsen, berichtet Kinder- und Jugendpsychiater Hubertus Adam, Chefarzt am Martin-Gropius-Krankenhaus in Eberswalde und Initiator des Kooperationsprojekts. Zum Vertrauen gehört Vertrautheit, deshalb ist es wichtig, dass beide Professionen sich in gemeinsamen Fort- und Weiterbildungen und im Rahmen der Supervision besser kennenlernen.

41 Prozent der Kinder, die im Heim aufwachsen, erfuhren bereits in den ersten Lebensjahren Vernachlässigung

Kinder, die im Heim leben, sind aufgrund ihrer Vorgeschichte vielfältig belastet. "Der Anteil psychisch auffälliger Jugendlicher ist in den Einrichtungen dramatisch höher als in der Allgemeinbevölkerung", so Adam. Laut Basis-Screening zum Brandenburger Modellprojekt zeigt fast ein Viertel der Heranwachsenden aggressives Verhalten, 16 Prozent leiden unter Aufmerksamkeitsproblemen, 16 Prozent sind ängstlich und depressiv. Fast ein Drittel hat starke Tendenzen zum sozialen Rückzug, 12 Prozent zeigen Merkmale einer posttraumatischen Belastungsstörung. 41 Prozent der Kinder hatten schon in den ersten Lebensjahren Vernachlässigung erfahren. Es sind, fachsprachlich ausgedrückt, "Kinder und Jugendliche mit komplexem, fachbereichsübergreifendem Hilfebedarf".

Ähnliche Ergebnisse hatte schon die Ulmer Heimkinderstudie gebracht: Kinder, die in Heimen der Jugendhilfe leben, sind psychisch hochgradig auffällig und zugleich oft dramatisch unterversorgt. In Ulm wurde aufgrund dieser erschreckenden Befunde ein ambulantes Behandlungsprogramm entwickelt, in dessen Rahmen Psychologen und Fachärzte in die Einrichtungen kamen. Einer der Erfolge: Die Kinder mussten seltener stationär aufgenommen werden. Wie die Evaluation des Brandenburger Modellprojekts ergab, haben auch hier die Klinikeinweisungen von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren erheblich abgenommen. "Dafür ist es wichtig, die Kinder rechtzeitig zu erreichen und krisenhafte Zuspitzungen zu verhindern", sagt Adam. Neben den Sprechstunden in den Heimen selbst tragen Therapien in den psychiatrischen Institutsambulanzen und Tageskliniken für Kinder und Jugendliche dazu bei.

Wenn alles gut läuft, schaffen es Pädagogen, Ärzte und Psychologen gemeinsam, einem kleinen Jungen mit bewegter Geschichte Sicherheit zu geben: Ihm seine Angst vor dem Einschlafen zu nehmen und ihm zu zeigen, wie man mit wiederkehrender Wut fertig wird.



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