Die Dosis macht das Gift

Was genau ist Stress? Die Forscher sind sich nicht einig. Klar scheint nur: Er ist überlebenswichtig, wenn er nicht lange anhält. Wird er chronisch, macht er krank. Und das vor allem die Armen.

Es brach der 65-Jährigen buchstäblich das Herz, als sie vom Tod ihres Sohnes erfuhr. Sie sank zu Boden, um Luft ringend, mit schmerzender Brust. Verdacht Herzinfarkt. Notaufnahme. Kardiologen spritzen mit einem Herzkatheter, ein drahtförmiges Instrument, das über die Schlagader bis zum Herzen geschoben wird, Kontrastmittel in die Herzgefäße. So wird das Adergeflecht auf dem Bildschirm sichtbar. Doch der Befund überrascht: Die Herzkranzgefäße sind ohne Engstellen. Erst im Ultraschall zeigt sich die wahre Ursache. Die linke Herzkammer ist stark verformt, am oberen Ende verengt, am unteren weit ausgebuchtet. Mediziner nennen das Stresskardiomyopathie. Forscher vermuten, dass, ausgelöst durch extreme psychische und körperliche Belastung, der Herzmuskel mit Stresshormonen überflutet wird und Gefäße funktionsunfähig werden. Die oft verkannte Krankheit, auch Broken-Heart-Syndrom genannt, ist ein krasses Beispiel für die Wechselwirkung von Psyche und Körper. Der Volksmund nennt es "sich etwas zu Herzen nehmen".

Was ist Stress eigentlich? Bis heute konnten sich Forscher nicht einigen. Cora Weber vom Stressphysiologischen Labor der Charité, sagt: "Stress entsteht, wenn wir die Kontrolle über den Stressor, also die Anforderung verlieren." Sicher ist: Stress kann gesund, ja lebensrettend sein. Droht Gefahr, etwa bei einem nahenden Verkehrsunfall, signalisiert das Nervensystem, Adrenalin und Noradrenalin auszuschütten. Die Hormone schießen ins Blut, machen uns klarer, wacher, leistungsfähiger. Der Körper ist in Alarmbereitschaft. Das Herz schlägt schneller, die Atemfrequenz steigt. Überlebenswichtige Organe wie Hirn, Herz, Niere und Muskeln werden stärker durchblutet. Mit "fight or flight", kämpfen oder flüchten, beschreibt 1915 der amerikanische Physiologe und Pionier der Stressforschung Walter Bradford Cannon die beiden Reaktionen, die uns in akuten Gefahrensituationen zur Verfügung stehen. Entweder wir kämpfen, beseitigen also die Bedrohung, oder wir gehen ihr aus dem Weg und flüchten. Klingt archaisch, doch auch beim Streit mit dem Kollegen im Büro gilt: Wir können diskutieren, uns anbrüllen oder so tun, als wär’ nichts gewesen.

Doch wann wird Stress zur Gefahr? Die Antwort verdankt die Stressforschung einem zweiten Pionier, dem Endokrinologen Hans Selye. Er identifizierte 1938 erstmals die psychischen und körperlichen Folgen von chronischem Stress. "Zehn bis zwanzig Minuten nach dem Stressreiz schüttet die Nebennierenrinde Cortisol, das Dauerstresshormon, aus", erklärt die Wissenschaftlerin Cora Weber. Zunächst schütze das Hormon vor den körperlichen Belastungen, die der akute Stress mit sich bringt. Cortisol hemmt Entzündungen, reguliert Blutzucker und Blutfette und hält den Organismus längere Zeit wach. Wird der Stress jedoch chronisch, folgt dem Leistungshoch ein Leistungstief. Der Körper ist schlicht erschöpft und ausgelaugt. Betroffene leiden unter Konzentrationsschwäche, Antriebslosigkeit, Depressionen und einem geschwächten Immunsystem. Seit Selye unterscheiden Mediziner deshalb zwischen dem gesunden kurzfristigen Eustress, der uns leistungs- und anpassungsfähig macht, und dem ungesunden chronischen Disstress, der krank macht. Die Dosis macht das Gift.

Stress steigert das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden

Wie gefährlich chronischer Stress sein kann, weiß Weber aus ihrer Arbeit als Chefärztin der Psychosomatik an der privaten Park-Klinik Sophie Charlotte in Charlottenburg. Da ist der klassische Fall des Managers Helmut Fehr (Name geändert). Sein Vater starb an einem Herzinfarkt, nun scheint ihm das gleiche Schicksal zu drohen. Immer wieder "stolpert sein Herz". Das Druckgefühl auf der Brust löst Panikattacken aus. Doch das Herz ist eigentlich gesund, schuld ist beruflicher Dauerstress. "Das Nervensystem, das den Takt zwischen Aktivität und Erholung vorgibt, gerät aus der Balance", sagt Chefärztin Weber. Mediziner nennen das autonome Imbalance. Bei gesunden Menschen steigt der Blutspiegel des Stresshormons Cortisol morgens stark an und senkt sich allmählich ab, um nachts den Tiefpunkt zu erreichen, Blutdruck und Herzfrequenz sinken. Nicht so bei dauergestressten Menschen. "Ihre Stresssysteme sind ständig aktiviert", sagt Weber. Der Körper kommt auch nachts nicht zur Ruhe. Helmut Fehr leidet unter Bluthochdruck und Arteriosklerose, die Verkalkung seiner Blutgefäße, beschleunigt sich. Sein Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, hat sich signifikant erhöht.

Stress ist nicht gleich Stress - jeder nimmt Herausforderungen unterschiedlich wahr. Was für den einen handhabbar ist, kann den anderen überfordern. Diese Erkenntnis setzte sich in der Stressforschung erst mit der sogenannten kognitiven Wende durch. In den 1980er Jahren erkannten die Forscher Richard Lazarus und Susan Folkman, dass für das subjektive Stressempfinden individuelle Ressourcen wie Bildung, soziale Unterstützung oder sicherer Arbeitsplatz eine entscheidende Rolle spielen. So individuell Stress ist, so individuell muss die Therapie sein. "Es gibt keinen Ansatz, der für alle passt", sagt Psychotherapeutin Weber. Ziel sei, das autonome Nervensystem wieder auszubalancieren, Belastung und Entspannung ins Lot zu bringen. Ohne eine Änderung des Lebens- und Arbeitsstils geht es nicht. Das heißt: Pausen auch als Pausen wahrnehmen, nicht am Arbeitsplatz essen, keine Arbeit nach 20 Uhr, das Firmentelefon bekommt abends Sendepause. Arbeit und Freizeit müssen entflochten werden. "Bei der kognitiven Stressbewältigung versuchen wir, den Stress umzuattribuieren", sagt Weber. Soll heißen: Prioritäten setzen. Dabei helfen Sport und Entspannungsmethoden. Helmut Fehr hat sich vorgenommen, regelmäßig zu joggen, um die Balance zwischen Aktivität und Erholung wieder herzustellen.

Aber Stress ist nicht das Problem einer kleinen Elite, die dem Arbeitswahn verfallen ist. Beim Stressreport 2012, einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, gab die Hälfte der 18 000 Befragten an, häufig unter "starkem Termin- und Leistungsdruck arbeiten zu müssen". 34 Prozent empfanden dies als belastend. "Der Herzinfarkt ist die Krankheit des kleinen Mannes", sagt Stressforscherin Weber. Aktuelle Studien widerlegen die seit den 1960er Jahren verbreitete Annahme, dass besonders Manager Herzinfarkte erleiden würden. Die Gestressten sind Schulabbrecher, Geringverdiener, Alleinerziehende oder berufstätige Frauen, die Angehörige pflegen. "Bildung, Einkommen, berufliche Anerkennung, eine sichere Wohnumgebung, all das sind Ressourcen, die uns helfen, den Stress auszuhalten", sagt Weber.

Jeder Einzelne kann etwas gegen Stress tun

Wie wichtig die Arbeitsbedingungen als Ressource für die individuelle Gesundheit sind, zeigt der Report anhand eines Vergleiches von Akademikern und Arbeitern. Ingenieure, Chemiker, Physiker und Mathematiker gehören zu den Spitzenreitern, was Termin-, Leistungsdruck und Mehrfachbelastungen angeht. Sie verfügen aber auch über einen großen Handlungsspielraum in der Arbeitsgestaltung und über soziale Unterstützung durch Kollegen. Nicht so die Arbeiter, die einfachen Tätigkeiten nachgehen. Auch diese Gruppe zählt zu den Spitzenreitern bei den Stressfaktoren, doch sie genießt weniger Freiheiten im Arbeitsablauf. Die Folge: Akademiker klagen am wenigsten über gesundheitliche Probleme, während Arbeiter häufig unter sogenannten psychovegetativen Beschwerden wie Kopf-, Rücken- oder Magenschmerzen leiden.

Stress ist gesund, wohldosiert. "Ohne Stresshormone würde das Herz gar nicht schlagen", sagt Chefärztin Weber. Doch wenn die Strapazen chronisch werden, wenn die Gestressten die Belastungen allein bewältigen müssen, wenn ihre Mühen nicht anerkannt und entlohnt werden, steigt das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, um das Dreifache. Jeder Einzelne kann etwas gegen den Stress tun, aber wie viele Möglichkeiten wir dafür haben, ist auch eine politische Frage. "Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer, die Arbeitsverhältnisse immer prekärer", sagt Weber. Unsere Gesellschaft wird stressiger - zumindest für die Mehrheit.



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