Der Stoff aus dem die Kerle sind

Männer, die zu wenig Testosteron haben, können krank werden. Ein ungefährliches Anti-Aging-Mittel aber ist das Hormon nicht.

In der Männermedizin ist die Hormonfrage inzwischen fast ebenso Routine wie in der Frauenheilkunde. »In den urologischen und andrologischen Praxen sind Männer, die unter einem Mangel an Testosteron leiden oder zu leiden glauben, ein häufiger Befund, quasi Routine«, sagt Sven Diederich. Diederich ist unter anderem Androloge und Endokrinologe in Berlin- Mitte, also auf die Behandlung von Hormonstörungen spezialisiert.

Was ist Testosteron?

Testosteron ist das für die männliche Sexualentwicklung verantwortliche Hormon und das Gegenstück zum Östrogen bei der Frau. Das Hormon lässt den Bart und die Körperbehaarung sprießen, regelt die Spermienproduktion, führt zum Stimmbruch, lässt Muskeln wachsen und Fett schmelzen, festigt die Knochen, begünstigt die Erektion, beeinflusst die männliche Psyche und weckt die Lust auf Sex. Oder kurz: Testosteron macht aus Jungen Männer und ist verantwortlich dafür, dass sie Männer bleiben. So lange jedenfalls, wie die Hormonproduktion reibungslos funktioniert.

Wie wird Testosteron hergestellt?

Die Ausschüttung des männlichen Sexualhormons ins Blut unterliegt einem komplizierten Regelmechanismus. Denn wie viel davon im Körper zirkuliert, hängt weniger von den männlichen Keimdrüsen, also den Hoden, ab, obwohl diese mehr als 95 Prozent des Testosterons produzieren. Das sind täglich etwa fünf bis sieben Milligramm. Aber die Hoden sind nur die Produktionsstätten. Denn über das Ob und Wie der Produktion entscheidet das Gehirn, genauer der Hypothalamus (Zwischenhirn) und die Hypophyse (Hirnanhangdrüse). Zunächst sendet der Hypothalamus an die benachbarte Hypophyse ein besonderes Hormon. Dieses führt vereinfacht gesagt dazu, dass die Hypophyse alle 90 bis 120 Minuten einen Botenstoff freisetzt, der die Hoden zur Produktion von Testosteron aus dem Grundstoff Cholesterin stimuliert. »Die Konzentration von Testosteron ist morgens am höchsten und sackt bis zum Abend auf drei Viertel des morgendlichen Wertes ab«, sagt Sven Diederich. Die Menge des im Blutkreislauf vorhandenen Testosterons wirkt auf den Regelkreis zurück. Ist zu wenig des Hormons vorhanden, wird die Produktion angekurbelt, ist es zu viel, dann wird die Herstellung gedrosselt.

Welcher Testosteronwert ist normal?

So wie für viele andere Funktionen der menschlichen Körperchemie hält die Labormedizin auch für den Gehalt an freiem Testosteron im Blut (den sogenannten Serumspiegel) einen Normbereich parat. Der liegt für einen gesunden Mann zwischen acht und 35 Nanomol pro Liter Blut (nmol/l). Nanomol ist eine international gültige Einheit, die die Menge eines Stoffes beschreibt. Unterhalb eines Wertes von 8 nmol/l ist die Wahrscheinlichkeit für einen behandlungsbedürftigen Testosteronmangel recht hoch. Aber auch im Bereich zwischen 8 und 12 nmol/l können bereits Symptome einer mangelhaften Hormonversorgung beobachtet werden. Allerdings ist ein niedriger Testosteronwert bei Weitem nicht immer mit Krankheitssymptomen verbunden. Da der Testosteronspiegel am Morgen am höchsten ist, sollte der Wert auch am Vormittag zwischen 8 und 11 Uhr bestimmt werden – und das zudem auch mehrfach.

Warum sinkt der Testosteronspiegel?

Bis etwa zum 40. Lebensjahr sollte die Testosteronproduktion des gesunden Mannes eigentlich auf Normaltouren laufen. Allerdings können sowohl bestimmte Erkrankungen wie auch einige Medikamente dazu führen, dass der Hormongehalt im Blut unter normal liegt. Wenn ein Testosteronmangel Krankheitssymptome auslöst, dann sprechen Ärzte vom Hypogonadismus. »Wir unterscheiden dabei zwischen einem primären und einem sekundären Hypogonadismus«, sagt der Endokrinologe Diederich. Bei ersterem sind direkt die hormonproduzierenden Zellen im Hoden gestört, bei letzterem funktioniert der Regelkreis zwischen Hirn und Hoden nicht korrekt, sodass die Hormonproduktion nicht ausreichend stimuliert wird. Die Ursachen für einen primären Hypogonadismus sind zum Beispiel Verletzungen des Hodens, ein Hodenhochstand oder auch genetische Erkrankungen, die spätestens dann auffallen, wenn die Pubertät ausbleibt oder verzögert eintritt. Die sekundäre Variante der Erkrankung kann zum Beispiel an einer Schädigung des Hypothalamus oder einem Tumor an der Hypophyse liegen  Auch chronische Leiden wie ein Diabetes, entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn sowie Asthma Nieren und der Leber, möglicherweise auch Infektionen wie HIV und Tuberkulose, können die Testosteronproduktion stören. Ebenso bestimmte Medikamente, wie einige Antipilzmittel oder Kortikosteroide, die zum Beispiel gegen Asthma eingesetzt werden. Die gleiche Wirkung können übrigens auch Genussgifte wie Alkohol oder Drogen haben. Und schließlich lässt auch das Alter die Hormonproduktion abnehmen – ab dem 40. Lebensjahr im Schnitt um ein bis zwei Prozent pro Jahr.

Haben Männer auch Wechseljahre? 

Viele Bücher und auch manche Hersteller von Testosteronpräparaten behaupten dies. Es ist ja auch so ein schönes Schlagwort, weil jeder – auch Männer – schon mal von den Wechseljahren der Frau und vor allem den daraus folgenden Beschwernissen gehört haben. Und tatsächlich unterliegt der Testosteronspiegel des Mannes nicht nur einem täglichen Zyklus, sondern auch einem vom Lebensalter abhängigen. Etwa ab dem 40. Lebensjahr sinkt die Testosteronproduktion kontinuierlich ab, wenn auch nicht bei jedem Mann gleich stark. Aber ist dieser Fakt an sich schon ausreichend, um dem Mann Wechseljahre nachzusagen? »Sicher nicht«, sagt Diederich. Im Gegensatz zum rapiden Abfallen der Östrogenproduktion bei der Frau sinkt der Testosteronspiegel des Mannes sehr viel langsamer und nie ganz, denn die Hormonproduktion bleibt im Prinzip bis zum Lebensende erhalten. Außerdem sind sehr viel weniger Männer von Symptomen eines Hormonmangels betroffen als Frauen, die quasi flächendeckend mit den Umstellungsproblemen der um das Ende des 5. Lebensjahrzehnts endenden Fruchtbarkeit konfrontiert sind. Und schließlich merken viele Männer gar nicht, dass ihr Hormonspiegel sinkt, denn dies bleibt oft ohne Symptome.

Ist Testosteronmangel eine Krankheit? 

Ein niedriger Testosteronwert ist zunächst einmal einfach nur ein Zahlenwert, der noch nichts über körperliche Beschwerden aussagt. Patienten mit einem höheren Wert können trotzdem Symptome eines Mangels haben, Männer mit einem relativ niedrigen Serumwert beschwerdefrei leben. Ärzte sagen deshalb, dass ein unterhalb der Norm liegender Testosteronwert noch keine Krankheit ist. »Erst wenn ein Patient wegen der typischen Symptome für einen Hypogonadismus den Arzt aufsucht, sollte dieser den Testosteronspiegel messen, um zu klären, ob die Symptome daher stammen«, sagt Diederich. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen eine Testosteronbestimmung und auch eine nachfolgende Testosteronsubstitution bei einem beschwerdefreien Mann nicht.

Welche Symptome hat ein krankhafter Testosteronmangel? 

Wenn der Mangel an männlichem Hormon bei erwachsenen Männern Krankheitsgefühle auslöst – und das ist bei Weitem nicht immer der Fall –, geht es bereits unterhalb eines Blutwertes von 15 nml/l los. Dann kann bereits die Lust auf Sex spürbar gedämpft oder ganz verloren sein. Möglicherweise leidet der Mann dann auch unter einer allgemeinen Antriebsschwäche, ist oft müde und weniger aktiv. Bei Männern, die einen Hormonspiegel von weniger als 12 nml/l haben, beobachten Mediziner eine höhere Quote von Depressionen, Schlafstörungen oder auch einer Konzentrationsschwäche als bei gesunden Männern. Sinkt der Spiegel unter 8 nml/l, wird sich unter Umständen die Dauer und Intensität einer Depression weiter erhöhen, Hitzewallungen können den Mann quälen und bleibende Erektionsstörungen hinzukommen. Die Muskelkraft lässt nach, der Körperumfang legt durch gesteigerte Fettanlagerungen zu. Ein Mangel an Testosteron kann also die Lebensqualität massiv beeinträchtigen. »Der betroffene Mann ist krank, der Hormonmangel muss behandelt werden«, sagt Diederich. Auch die Krankenkassen werden sich in solchen Fällen nicht sträuben, die Behandlungskosten zu übernehmen.

Wie lässt sich der Testosteronspiegel wieder heben?

Dazu muss der Arzt zunächst die Huhn-Ei-Frage klären: Was war zuerst da? Hat der Testosteronmangel zu den Krankheitssymptomen geführt – oder haben bestimmte Erkrankungen das Symptom Testosteronmangel ausgelöst? Denn bei Letzterem muss die eigentliche Krankheit therapiert werden. Wenn aber der Hormonhaushalt in Ordnung gebracht werden muss, um die Symptome zu bekämpfen, dann stehen dem Doktor einige Möglichkeiten zur Verfügung. Und diese hängen wiederum davon ab, ob der Mann sich noch Kinder wünscht oder dieses Thema keine Rolle mehr spielt. Besteht ein Kinderwunsch, kann der Arzt nicht einfach künstlich Testosteron zuführen. Denn das würde die Spermienproduktion, die durch den Hormonmangel beeinträchtigt ist, auch nicht wieder beflügeln. Das geht nur, wenn die Medizin in den Regelkreislauf zwischen Hirn und Hoden eingreift und die Stoffe, mit denen normalerweise das Gehirn die Testosteronproduktion im Hoden stimuliert, verabreicht. Ist der Kinderwunsch kein Thema, wird der Arzt Testosteronpräparate verschreiben. Am häufigsten wird das Hormon entweder per Spritze in die Muskeln injiziert oder über die Haut verabreicht, zum Beispiel durch ein Gel, das aufgetragen wird.

Ist Testosteron ein Jungbrunnen?

Die Testosterongabe hat bei erkrankten Männern positive Effekte. Aber viele dieser Mangelsymptome – Antriebslosigkeit, Libidoverlust, Erektionsprobleme, Muskelabbau – sind auch typische Altersbeschwerden. Kein Wunder also, dass besonders ältere Männer vermuten, Testosteron sei ein perfektes Anti-Aging-Medikament. In den USA wird offenbar besonders heftig daran geglaubt. Nur so ist zu erklären, dass dort besonders vielen Männern über 40 Jahren ein Testosteronpräparat verschrieben wird – und das oft, ohne zuvor bestimmen zu lassen, ob überhaupt ein Hormonmangel vorliegt. Eine Studie ergab, dass knapp drei Prozent aller Männer über 40, die bei einer großen amerikanischen Krankenkasse versichert sind, eine Testosteronersatztherapie erhielten. Nur bei jedem zweiten von ihnen notierten die Ärzte als Grund einen Hypogonadismus mit den entsprechenden Symptomen. Und nur bei jedem dritten Patienten war zuvor überhaupt der Testosteronspiegel gemessen worden. Dahinter stehen – so vermuten es amerikanische Forscher – die Kampagnen von Pharmafirmen, die älteren Männern versprechen, mit einem höheren Testosteronspiegel eine geringere Fettmasse, mehr Muskeln und eine höhere Lebensqualität zu erreichen.

Welche Nebenwirkungen gibt es?

Doch Ärzte warnen deutlich davor, Testosteron als Anti-Aging-Mittel zu nutzen. Die unerwünschten Nebenwirkungen seien nämlich durchaus relevant: Dazu zählen zum Beispiel eine plötzliche Überproduktion von roten Blutkörpcherchen im Knochenmark, die Thrombosen begünstigt, Ödeme, Leberfunktionsstörungen, eine Verschlechterung von bestehenden Schlafstörungen, eine Vergrößerung der Prostata oder auch eine Erhöhung der PSA-Werte. Zwar verursacht Testosteron keinen Prostatakrebs, aber es kann einen ruhenden Tumor zum Wachstum anregen – und damit ein bis dato nicht vorhandenes Problem auslösen. »Inwiefern durch längerfristige Testosterontherapien bei älteren Männern das Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko günstig oder ungünstig beeinflusst wird, ist bisher aufgrund nur unzureichender Studien nicht klar«, sagt Diederich.. »Aus diesen Gründen sollte jeder Arzt, der in dieser Indikation Testosteron längerfristig verordnet, sowohl an eine gute entsprechende Aufklärung als auch an eine gute Überwachung unter der Therapie denken.«

Können Männer mit ihrem Lebensstil einem Mangel an Testosteron vorbeugen? 

Die Testosteronproduktion eines Mannes wird durch Lebensumstände (Genussgifte, Depression, Stress, Fettleibigkeit) negativ beeinflusst. »Oft hilft man dem Patienten mehr, wenn man ihn über die Risiken seines Lebensstils aufklärt, als mit einer medikamentösen Testosteronersatzherapie «, sagt Diederich. Denn wer Stress und Burnout oder Übergewicht ab einem BMI von 30 vermeidet, kann seinen Testosteronspiegel verbessern und damit auch viele vermeintliche Folgen eines Mangels verhindern.

Beratung vom Facharzt: Informationen zum Thema Hormonmangel beim Mann bietet auch das gemeinsame Internetportal der Urologenfachgesellschaft und des Berufsverbandes der Urologen urologenportal.de (unter dem Stichwort Patienten).

Ingo Bach

 



Artikelsuche ?

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet