Psychosen: Der Feind im Kopf

Das Therapiezentrum Fritz hilft jungen Menschen, die an Psychosen und Wahnvorstellungen leiden.

Plötzlich sind sie wieder da, diese seltsamen Stimmen. Sie flüstern Laura S. Befehle zu, kichern leise, kommentieren jeden ihrer Sätze: Was erzählst du da? Was weißt du schon? Sie tauchen auf, wenn die 29-Jährige allein sein möchte. Sie reden dazwischen, wenn sich die junge Frau unterhält. Auch wenn niemand außer ihr sie hören kann.

Vier Jahre ist es her, dass Laura S. (29) zum ersten Mal dachte, etwas stimme nicht mit ihr. Sie arbeitete in der Gastronomie, feierte viel und exzessiv. Inmitten der vielen Menschen in den Clubs bekam sie immer öfter das Gefühl: Die Frauen da hinten reden schlecht über mich. Kurz darauf hörte Laura S. zu Hause die Stimme ihres Ex-Freundes, obwohl er längst nicht mehr da war. Sie dachte, es klingele an der Tür, aber niemand stand davor. Ihre Wohnung suchte sie nach versteckten Kameras ab. Doch es gab keine. "Ich bekam eine totale Panikattacke", erzählt die junge Frau. "Ich wusste gar nicht, was da in meinem Kopf vor sich ging."

Seit Ende letzten Jahres wird ihr im Therapiezentrum Fritz in Berlin geholfen. Die Einrichtung im Vivantes Klinikum Am Urban ist damals neu eröffnet worden und richtet sich an junge Erwachsene mit psychischen Erkrankungen. Im Mittelpunkt stehen Psychosen, bei denen die Betroffenen unter Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Angstzuständen oder Manien leiden und zeitweilig den Bezug zur Realität verlieren. Sie treten meist im Alter zwischen 15 und 30 Jahren zum ersten Mal auf. Dann, wenn sich die Jugendlichen von ihren Eltern lösen, wenn erste Beziehungen und Trennungen die Gefühle durcheinander wirbeln. "Gerade diese Lebensphase birgt viele Herausforderungen", erklärt Andreas Bechdolf, der das Fritz leitet. Bei Laura S. lief zu vieles durcheinander. Da war der Vater, der sie als Kind geschlagen hatte, die Mutter, die trank, und der Stiefvater, der sie später misshandelte. Und dann waren da plötzlich die bunten Pillen und Tütchen mit weißem Pulver.

Cannabis-Wirkstoff THC hat genau auf die Hirnregionen einen Effekt, in denen Psychosen unter anderem entstehen

Viele Patienten des Fritz haben Erfahrung mit Drogen, meistens mit Cannabis. Bei einem regelmäßigen Joint ist das Risiko zwei- bis dreimal höher, Halluzinationen zu bekommen. Vor dem 15. Lebensjahr kann das Risiko laut Bechdolf bis zu sechs Mal so hoch sein. Zwar führt Kiffen nicht automatisch zur Psychose, aber es kann neben genetischen Faktoren, traumatischen Erlebnissen und Stress ein Auslöser sein. Laura S. zog mit zwölf Jahren zum ersten Mal an einem Joint. Ein Alter, in dem sich das Gehirn noch stark entwickelt und der Cannabis-Wirkstoff THC gefährlich sein kann. Er hat auf genau die Hirnregionen einen Effekt, in denen Psychosen unter anderem entstehen. 


Oft werden Psychopharmaka eingesetzt, um das chemische Ungleichgewicht im Gehirn zu behandeln. Nur haben einige Patienten wie Laura S. Angst vor Nebenwirkungen und Abhängigkeit. "Das war total paradox: Ich hab Amphetamine, Ecstasy und MDMA geschluckt, aber Medikamente wollte ich nicht nehmen", sagt sie. In Therapiesitzungen hat sie geübt, die Stimmen im Kopf rational zu reflektieren: Stimmt es, was ich da höre? Warum werde ich mit genau diesen Gedanken konfrontiert? Oft stehen die Stimmen in Zusammenhang mit inneren Glaubenssätzen, die sich im Laufe des Lebens verfestigt haben. Wie zum Beispiel "Ich bin nichts wert". Die Patienten probieren, wie sie sich mit Musik oder Sport ablenken können, sie reduzieren Stress.

Jeder Hundertste erlebt mindestens ein Mal im Leben eine psychotische Phase. Die Heilungschancen liegen bei einer Ersterkrankung laut Bechdolf bei 80 Prozent. Allerdings sei schnelle Hilfe wichtig. Einsamkeit, Depressionen, Suizidgedanken können auf die Krankheit folgen. Das hat auch Laura S. erlebt. "Jahrelang habe ich geglaubt, ich komme mit meinem Leben irgendwie klar", erzählt sie. Bis die Stimmen auftauchten - und sie nur noch wollte, dass sie wieder verstummen.



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