Eierstockkrebs: Dem stillen Killer auf der Spur

Eierstockkrebs schleicht sich unauffällig ins Leben einer Frau. Wird er entdeckt, kann es zu spät sein. Jetzt kommt Bewegung in die Forschung. Alle zwei bis drei Jahre entsteht eine neue Therapie.

"Anfang dieses Aprils bin ich ohne Übergang in den Herbst gekommen." So beschreibt eine Frau den Tag, an dem sie ihre Diagnose erfuhr: Eierstockkrebs. Rund 8000 Frauen bekommen diese Nachricht jedes Jahr in Deutschland. Schockierend ist sie auch deshalb, weil der Krebs zu diesem Zeitpunkt in zwei von drei Fällen schon fortgeschritten ist. Nach der Operation ist dann eine Chemotherapie nötig. Oft kommt der Krebs trotzdem wieder, muss nochmals behandelt werden. So auch bei der Unbekannten, die über ihre Krankheit in einem Internet-Forum berichtet.

Ihre Geschichte ist trotzdem ermutigend: Dass vor Ostern bei ihr plötzlich der Herbst ausbrach, ist schon zehn Jahre her. Sie konnte zwar nicht geheilt werden, aber sie lebt. "Es ist keine Seltenheit, dass wir Frauen über zehn bis 15 Jahre betreuen", sagt Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie der Charité und Gründer des Europäischen Zentrums für Eierstockkrebs. In den letzten Jahren hat sich bei der Behandlung dieser Krankheit viel getan. "Während es früher viele Jahrzehnte lang bei den Medikamenten keine wesentliche Neuerungen gab, wird inzwischen alle zwei bis drei Jahre eine neue Therapiemöglichkeit entdeckt." 

Gerade kam der Gynäkologe vom Kongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) in Chicago zurück, wo jedes Jahr neueste wissenschaftliche Ergebnisse vorgestellt werden. Zum Beispiel eine Studie, in die Frauen mit fortgeschrittenem Eierstockkrebs und der erblichen Veränderung der "Brustkrebsgene" BRCA 1 oder 2 nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt wurden.

Forschungen zu genetischen Merkmalen der Tumoren helfen, die Therapien besser auf Betroffene abzustimmen

Diejenigen, die eine Kombinationstherapie aus zwei neuen Substanzen bekommen hatten, lebten im Schnitt acht Monate länger als die Teilnehmerinnen aus der anderen Gruppe, die nur einen der Wirkstoffe, einen sogenannten PARP- Hemmer, bekommen hatte. PARP ist ein Enzym, das bei der Reparatur von Zellen hilft: Tumorzellen sterben ab, wenn es blockiert wird. Die andere Substanz, Cediranib, hindert Tumoren daran, neue Blutgefäße zu bilden. In Kombination wirken sie besser, wenn der Effekt auch bisher nur bescheiden ist. Dafür ist aber auch die Behandlung selbst weniger eingreifend als eine klassische Chemotherapie. "Es sind Tabletten ohne gravierende Nebenwirkungen, und unsere Hoffnung ist, dass sie den Tumor schlafen lassen, zumindest für eine gewisse Zeit", sagt Sehouli. Eine weitere Hoffnung richtet sich auf Tests, mit denen vorhergesagt werden kann, welche Therapie bei welcher Frau am besten anschlagen wird. Und welche man ihr besser ersparen sollte. Die Forschung zu genetischen Merkmalen der Tumoren läuft auf Hochtouren. Eine Studie, die in Chicago vorgestellt wurde, legt zum Beispiel nahe, dass Frauen, in deren Tumor einige Gene drastisch herunterreguliert sind, nicht von den Mitteln profitieren, mit denen der Tumor an der Bildung neuer Blutgefäße gehindert wird. "Das Ziel sollte sein, direkt bei der Operation bestimmte Muster in den Zellen des Tumorgewebes zu untersuchen, um später, wenn der Krebs wiederkommt, auf die Patientin abgestimmte Handlungsmöglichkeiten zu haben", sagt Sehouli.


Die wissenschaftlich geprüften Therapiestrategien im Kampf gegen Eierstockkrebs sind in einer Leitlinie zusammengestellt, die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) im letzten Jahr verabschiedet wurde. "Leider wird in Deutschland auch heute noch jede zweite Frau nicht leitliniengerecht behandelt", berichtet Sehouli, der auch die Arbeitsgruppe für Eierstockkrebs in Deutschland leitet. Ein wichtiges Kriterium für die Auswahl der Klinik sollte sein, ob sie am Qualitätssicherungsprogramm der Kommission Ovar der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) e.V. teilnimmt und sich vielleicht sogar an klinischen Studien beteiligt, in die die Patientinnen dann einbezogen werden können. In Berlin ist die Versorgungslage recht günstig, hier sind mehrere Krankenhäuser in Forschungs- und Klinik-Netzwerke eingebunden. Zudem gibt es Online-Tumorkonferenzen, in denen die Experten sich über Klinikgrenzen hinweg besprechen können.

Viele Frauen wünschen sich mehr Zeit für Gespräche mit den Ärzten

80 Prozent der Frauen, bei denen die Diagnose Eierstockkrebs gestellt wurde, wünschen sich auch für sich selbst vor Beginn der Behandlung eine solche zweite Meinung. Viele wissen aber nicht, wohin sie sich wenden können. Das hat die von der Charité initiierte Studie "Expression" ergeben, für die zunächst rund 500 Patientinnen in Deutschland online oder in Papier-Form befragt wurden. Die neuesten Ergebnisse, nun von 1830 Frauen aus acht europäischen Ländern, wurden auf dem amerikanischen Krebskongress vorgestellt. Es zeigte sich, dass die betroffenen Frauen oft andere Sorgen umtreiben als ihre Ärzte: Sie haben Angst, durch die Chemotherapie ihre Haare zu verlieren und von einer hartnäckigen Müdigkeit, der Fatigue, heimgesucht zu werden, sie wünschen sich mehr Zeit für Gespräche mit den Ärzten. Vor allem diejenigen Frauen, bei denen der Krebs zurückgekommen ist, wünschen sich Therapien, die schonender sind und zugleich effektiver. 

Am besten wäre es natürlich, einen Tumor in einem der beiden Eierstöcke so früh zu entdecken, dass eine kleine Operation ausreicht, um den Krebs für immer los zu sein. Doch die Beschwerden, die diese Krebskrankheit am Anfang hervorruft, sind meist so alltäglich und banal, dass sie die wenigsten Frauen beunruhigen: Völlegefühl, Blähungen, unklare Bauchschmerzen, Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung, das sind Widrigkeiten, die viele Ursachen haben können. Eierstockkrebs ist in Medizinerkreisen deshalb als der "stille Killer" bekannt, der sich heimtückisch in das Leben der Frauen einschleicht. Ein Screening aller Frauen ab einem bestimmten Alter ist, anders als beim Brustkrebs, nach Meinung der Experten aber nicht praktikabel und sinnvoll.

Die große Ausnahme sind Frauen, die eine Veränderung der Gene BRCA 1 und 2 geerbt haben. Sie tragen damit auch ein hohes Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken, sie brauchen deshalb früh ausführliche Beratung in einem spezialisierten Zentrum. Und sie bekommen heute den Rat, sich Eierstöcke und Eileiter mit 40 Jahren zur Sicherheit entfernen zu lassen. Eine schwere Entscheidung. Doch sie kann Leben retten.



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