Darmspiegelung mit einer Kamerakapsel: Reise ins Ich

Darmspiegelungen mit Endoskop sind unerlässlich für die Krebsfrüherkennung, bergen aber Risiken. Alternativ kann der Patient eine Kapsel mit Videokamera schlucken. Unser Autor hat das getan

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Wie ein Miniraumschiff: Nur drei Zentimeter lang ist die Hightech-Kaspel zum Schlucken. Foto: Mike Wolff

Was sich da gleich auf den Weg durch mich hindurchmachen wird, ähnelt sehr einem Raumschiff, wenn auch einem in Miniaturformat. Die drei Zentimeter lange Kapsel, die sich bequem zwischen Daumen und Zeigefinger halten lässt, ist vollgepackt mit Technik: eine Kamera vorn und hinten, die von je vier lichtstarken, heftig blinkenden LEDs umgeben ist, ein Akku, ein Minisender … Dieses Ding, das Mediziner eine Kolonkapsel nennen, wird auf seinem Weg durch meinen Körper hunderttausende Fotos von Magen, Dünn- und Dickdarm schießen und nach außen senden.

Es ist sieben Uhr. Ich muss noch etwas warten, bis ich in der Gastroenterologiepraxis am Schlachtensee von Jan Peter Grüber und Klaus Peter Kolbe die Kapsel schlucken darf, die auf natürlichem Wege eine Darmspiegelung funken soll. Anders als beim üblicherweise eingesetzten Endoskop, das ein Arzt in umgekehrter Richtung in den Verdauungsgang schiebt. Beide Untersuchungen dienen der Früherkennung von Darmkrebs und seinen Vorstufen. Da im frühen Stadium der Tumor besonders gut heilbar ist – am besten noch in seinen gutartigen Vorformen, also Wucherungen in der Darmwand, die man Polypen nennt -, gilt die Darmspiegelung als Goldstandard in der Krebsvorsorge.

Doch trotz der klaren Erfolge, die diese medizinisch Vorsorgekoloskopie genannte Untersuchung hat, wird sie von zu wenigen Menschen in der Hauptzielgruppe in Anspruch genommen. Im Alter von 55 bis 74 Jahren sind es innerhalb eines Fünf-Jahreszeitraums nur 15 Prozent der Männer und nur 17 Prozent der Frauen. Viele haben Angst vor dem Endoskop, jenem 1,50 Meter langen biegsamen Schlauch, mit dem der Arzt durch das Verdauungsorgan manövriert. Andere haben einen so verschlungenen Darm, dass man ein Endoskop nicht komplett hindurchbekäme. Für diese Patienten wurde die Kolonkapsel erfunden.

Da sind beispielsweise die Risiken und Nebenwirkungen. Bei der herkömmlichen Endoskopie können diese durchaus erheblich sein, auch wenn sie selten sind. Dazu zählen etwa Verletzungen der Darmwand, Blutungen oder auch unerwünschte Nebenwirkungen der Medikamente, mit denen man für die Untersuchung ruhiggestellt wird. Laut der Berliner Koloskopiestudie (Becop) kommt es bei einer von 200 endoskopischen Darmspiegelungen zu Komplikationen. Dies ist bei der Kapsel anders: Für ihren Einsatz ist keine medikamentöse Sedierung nötig. Verletzungen sind nahezu ausgeschlossen. Die möglichen Komplikationen bestehen eher darin, dass die Kapsel länger als ein paar Stunden für die Passage benötigt. In einzelnen Fällen könnten schon mal einige Tage vergehen, sagt der Arzt Klaus Peter Kolbe, der die Kapselspiegelung beaufsichtigt und später die Aufzeichnungen auswerten wird, im Aufklärungsgespräch.

Die Genauigkeit der Aufzeichnung ist umstritten

Der Einsatz der Kapsel zur Darmkrebsvorsorge ist jedoch in der Fachwelt umstritten. So hat sich der Berliner Gastroenterologe Andreas Schröder bewusst gegen den Einsatz der Kapsel für Dickdarmuntersuchungen entschieden. “Die Genauigkeit beim Erkennen von Polypen ist derzeit noch geringer als beim Endoskopeinsatz”, sagt Schröder, der auch Vorsitzender des Vereins gastroenterologisch tätiger Internisten in Berlin ist. Das zeigten Studien. Die Anatomie des Dickdarms ermögliche es nicht, dass die Kapsel gleichmäßig das gesamte Organ abtaste, sagt Schröder, der selbst nur das Endoskop zur Vorsorgekoloskopie im Dickdarm nutzt. “Die Kapsel bewegt sich mal schneller, mal langsamer durch den Darm, fällt im absteigenden Ast des Dickdarms schnell hinunter.” Unter einem Zentimeter Größe seien Polypen so nur schwer zu finden – das gilt allerdings auch für die Darmspiegelungen mit Endoskop oder dem Computertomographen. Ein Endoskop aber können man hin und herschieben, um genau hinzuschauen. Außerdem könne man mit einem Endoskop auch mal nach spülen, wenn eine Darmbereich nicht ausreichend gereinigt ist, um sicher Veränderungen erkennen zu können.

Und schließlich: Findet die Kapsel etwas, das entfernt werden muss, ist der Endoskop-Einsatz unvermeidlich. Doch das relativiere die Vorteile der Kapsel nicht, meint Kolbe. “Schließlich werden die meisten Vorsorgekoloskopien an gesunden Menschen durchgeführt, denen die Kapsel die Risiken des Endoskopeinsatzes erspart.”

Die Vorbereitung auf die Kapseluntersuchung ist jedoch nicht angenehmer als bei einer herkömmlichen Darmspiegelung. Denn damit der Arzt etwas sehen kann, muss der Darm sauber sein. Dazu ist es nötig, größere Mengen Abführmittel und Wasser in sich hineinzuschütten. Was für die Kapsellinsen unsichtbar ist, ist es auch für den Mediziner. Für den Patienten bedeutet das, einen Tag vor der Untersuchung fasten zu müssen. Insgesamt zwei Liter gelöstes Abführmittel und dazu zwei Liter Wasser musste ich zu mir nehmen. Das Abführmittel schmeckt trotz des hinzugefügten Zitronenaromas scheußlich – man stelle sich den Geschmack eines in Salz gewälzten Zitronenbonbons vor! Aber es geht nicht anders. Denn die in der Flüssigkeit gelösten Salze wirken nicht nur abführend, sie verhindern auch, dass die Darmwand das tut, was sie normalerweise tut: die Flüssigkeit aufnehmen. So kann der Verdauungsschlauch richtig durchgespült werden – und die Kapsel hat etwas, worin sie schwimmen kann.

“Zwei Stunden ist bei uns der Rekord”

Doch bevor die Reise ins Ich beginnen kann, legen mir die Praxishelferinnen von Klaus Peter Kolbe einen Gürtel an, an dem der Recorder für die Bilder angebracht ist. Während ihres Weges durch den Körper funkt die Kapsel die Bilder direkt an das Aufzeichnungsgerät. Das alles hat seinen Preis: Um die 1150 Euro kostet die Kapselendoskopie insgesamt – allein 700 Euro bringt die Kapsel auf die Rechnung, der Rest geht an den Arzt. In der Regel zahlen das die Patienten selbst. Es gebe aber viele Beispiele, in denen private Krankenkassen auf Anfrage die Kosten übernommen haben, sagt Kolbe. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen diese Untersuchung bisher nur in Einzelfällen.

Knapp 45 Minuten später: Das erste Piepen des Recorders, der nicht nur die Bilder empfängt, sondern auch den Weg der Kapsel verfolgt, zeigt an, dass diese nun im Dünndarm ist. Jetzt heißt es warten, bis die Natur ihren Gang geht. Dabei kann man alles tun, wobei das Technikgeschirr nicht stört. Also auch seinem Bürojob nachgehen. Normal ist alles zwischen zwei und sechs Stunden, bis die Kapsel den Körper wieder verlässt. “Zwei Stunden ist bei uns der Rekord”, sagt Kolbe. Den Rekord breche auch ich nicht. Aber mit knapp dreieinhalb Stunden ist es recht schnell vorbei, für mich. Für den Arzt beginnt jetzt die eigentliche Arbeit. Er muss nun die Bilder bewerten. Zwar gibt es automatische Werkzeuge, die den Mediziner bei der Auswertung der rund 400.000 Einzelbilder unterstützen, die die Kapsel auf ihrem Weg gefunkt hat. Und der erfahrene Gastroenterologe weiß auch, in welchen Abschnitten des Verdauungsorgans er genauer hinschauen muss und wo ein etwas oberflächlicherer Blick genügt. Doch trotzdem sitzt Kolbe bis zu einer Stunde an der Auswertung des Videomaterials einer einzigen Kapsel, um den Befund schreiben zu können. Und wenn der Darm dann doch nicht optimal gereinigt sein sollte – was sich daran zeigt, dass die Flüssigkeit, in der die Kapsel durch den Darm treibt, trübe ist – muss er mühsam Bild für Bild genauer betrachten, um auch kleinere Polypen nicht zu übersehen.

Ich sitze neben dem Monitor, auf dem Klaus Peter Kolbe meinen Film auswertet. So sehe ich also innen aus. Die feucht schimmernden, pergamentfarbenen Wände sind marmoriert durch ungezählte feine rote Blutgefäße. In regelmäßigen Abständen durchziehen Muskelringe das Gewebe, es erinnert ein wenig an den Blick in ein Treppenhaus. Diese Ringe sorgen für die Peristaltik des Darms: die unwillkürlichen Bewegungen, mit denen der Speisebrei durch das Verdauungsorgan transportiert wird. ‘Ohne Befund’, sagt Kolbe. Ich bin erleichtert. Die Kapsel hat ihren Job erledigt. Ihr Akku ist alle, sie blinkt nicht mehr – und sieht jetzt einfach nur aus wie ein nutzloses Stück Plastik.


Eine ausführlichere Version des Textes inklusive weiterer Informationen finden Sie im Präventionsportal auf gesundheitsberater-berlin.de



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