Burnout: Achtung Brandgefahr

Wenn sich jemand jahrelang aufopfert und dann plötzlich zusammenbricht, spricht man von Burnout Über das Syndrom wird viel berichtet. Die Missverständnisse bleiben. Zum Beispiel, dass vor allem Manager betroffen sind

Mario Herrmann stand regungslos im Flur und wusste nicht weiter. Seine Frau war arbeiten, die Tochter in der Schule, und Mario Herrmann konnte sich nicht entscheiden: in die Küche oder ins Wohnzimmer? Oder doch zum Esstisch? Minutenlang stand er so, unfähig zu irgendeiner Bewegung, und in seinem Kopf zuckten Blitze. Neuronenfeuer, sagen die Ärzte dazu.

Davor hatte Herrmann schon: Kopfschmerzen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Nervosität, Schweißausbrüche, Verspannungen, Herzschmerzen. Reizbar war er sowieso, und dann ständig diese unfreiwillige Grübelei, die zu nichts führte. Dass es für alle Symptome eine einzige Ursache gab, darauf kam Mario Herrmann jahrelang nicht. Er ignorierte sie lieber. Bis nichts mehr ging.

Vor seinem Zusammenbruch war der 52-Jährige aus Tempelhof Vertriebsleiter in einem großen Elektronikunternehmen, trug Verantwortung für mehrere Dutzend Mitarbeiter. Seine Bürotür stand immer offen, sagt er, und weil sich Herrmann tagsüber mit den Problemen der Mitarbeiter beschäftigte, erledigte er die eigenen Aufgaben oft am Abend oder Wochenende. Kein Wunder, dass es so endete, sagt Mario Herrmann heute.

Es ist in den letzten Jahren viel geredet und geschrieben worden über das Syndrom „Burnout“. Prominente haben sich geoutet, die Betroffene Miriam Meckel schrieb einen Bestseller, in Talkshows diskutierten Experten. Trotzdem gibt es kaum eine Störung, über die so viele Missverständnisse existieren. Zum Beispiel die Legende, der tiefe Erschöpfungszustand drohe lediglich Topmanagern und anderen Entscheidern. Was Mario Herrmann zu einem typischen Burnout-Patienten macht, ist nicht die Tatsache, dass er eine leitende Stellung in einem Unternehmen innehatte – sondern dass er sich verantwortlich fühlte. „Die Etikettierung als Managerkrankheit ist grundfalsch“, sagt Wolfgang Seifert von Berlins erster „Burnout-Ambulanz“, die seit einem Jahr in Zehlendorf als Anlaufstelle für akut Betroffene dient. Unter Seiferts Patienten sind Software-Entwickler, Modedesigner, Architekten, Beamte, Discounter-Angestellte. Auch viele Lehrer und Callcenter-Mitarbeiter trifft es. Plus Menschen, die nicht auf der Arbeit, sondern zu Hause erkranken. „Stress und Überlastung sind nie die alleinigen Auslöser“, sagt Seifert, „fast immer kommt fehlende Anerkennung hinzu“. Wenn sich jemand für die Familie aufopfert, einen pflegebedürftigen Angehörigen betreut und niemals dafür Dank erhält, kann das zu „fundamentaler emotionaler Erschöpfung führen“, sagt Seifert. „Man läuft im Hamsterrad auf der Suche nach Erfüllung, und irgendwann bricht man ein“. Mario Herrmann bekam jahrelang kein positives Feedback von seinen Vorgesetzten. Wenn der Laden lief, gab es keinen Grund, darüber zu sprechen.

Genaue Zahlen, wie viele Menschen in Deutschland betroffen sind, gibt es nicht. Das liegt daran, dass Burnout bis heute keine anerkannte Diagnose ist und meist als depressive Episode in die Statistiken eingeht. Experten der Universität Düsseldorf schätzen, dass mehr als jeder Zehnte im Laufe seines Lebens einen Burnout erleiden wird.

Gestiegene Arbeitszeiten seien nicht die Ursache, sagt Wolfgang Seifert. Sondern erstens fragwürdige Führungsstrukturen und zweitens die fortgesetzte Beschleunigung im Erwerbsleben. Dass Angestellte an drei Projekten gleichzeitig arbeiten. Auf ihrem Bildschirm zehn Fenster parallel geöffnet haben. Die allermeisten sind Idealisten, sagt Helmut Albrecht, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Zehlendorfer Helios-Klinikum. In seinem Haus werden jedes Jahr 150 Patienten mit Burnout stationär therapeutisch behandelt. Zum Beispiel die Lehrer: „Sie fangen hoch motiviert an, wollen Gutes bewirken, opfern sich geradezu auf.“ Dann gerieten sie zwischen „die Mühlen von Behörden, Eltern und Schülern“ und würden regelrecht zerrieben.

Umstände und körperliche Symptome des Burnouts variieren stark. Gemein ist ihnen, dass sie sich über Jahre aufbauen und von Betroffenen ignoriert werden. Mario Herrmann fand immer neue Ausreden, warum es ihm jetzt gerade schlecht ging und bald sicher besser: „Das Geschäftsjahr geht zu Ende“. Oder: „Wir haben eine starke Angebotsphase“.

Bei Andrea Solmsen, 57, aus Marzahn wunderten sich die Freunde. Sie habe sich verändert, interessiere sich nicht mehr, früher sei sie doch eine gute Zuhörerin gewesen. Solmsen, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, verstand ihre Freunde nicht und zog sich zurück. Verabredete sich nicht mehr zum Bowlen, zum Brunchen, zum Radfahren. Irgendwann konnte sie nicht mal mehr telefonieren. Dann gab sie ihren Bürojob auf. Jetzt ist sie dabei, in Marzahn eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Vor zweieinhalb Jahren startete die erste Gruppe in Berlin, demnächst sind es sechs.

Ein weiteres Burnout-Missverständnis lautet: Menschen, die es trifft, sind gebrochen. Werden nie wieder richtig leistungsfähig sein. Das ist falsch. Vielmehr müsse man die Chancen sehen, sagt Helmut Albrecht vom Helios-Klinikum. Ein Burnout erlaube jedem, sein Leben komplett auf den Kopf zu stellen. Sich neu zu erfinden und gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Wie Phoenix aus der Asche.

Bei Mario Herrmann hätte es auch anders ausgehen können. Mehrfach stand er in den Monaten nach seinem Zusammenbruch auf der Brücke und überlegte: springen oder nicht? Das will er nie wieder erleben, sagt er. 70 Prozent aller Patienten mit Burnout kehren nach der Krankschreibung in ihren Job zurück. Mario Herrmann erkannte, dass er in seinem alten Unternehmen wohl früher oder später erneut einen Burnout erleiden würde. Stattdessen coacht er jetzt andere Betroffene und Gefährdete, zeigt ihnen, welche Entscheidungen sie in ihrem Leben treffen müssen. „Jeder muss an seinen eigenen Stellschrauben drehen“. Bei ihm war es, das Nein-Sagen zu lernen. Auch wenn die Familie ihn nur um eine Fahrt zu Ikea bittet. Sich nicht mehr stressen zu lassen. Keine Entscheidung ist so dringend, dass man sich keine Zeit nehmen dürfe, darüber nachzudenken. In seinen Coachings lehrt Herrmann, dass man sich selbst belohnen muss. Und genießen. Er lehrt auch Atemtechniken. Sechs Mal tief ins Zwerchfell einatmen, noch tiefer ausatmen. Schon das kann helfen in gestressten Momenten. Die Stellschrauben sind manchmal sehr kleine. Aber sie wirken.



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