Bei Ärzten geht es heiß her

Medizinmeteorologen warnen davor, dass infolge der Klimaerwärmung mehr Menschen krank werden Freie Universität und Charité entwickeln ein Vorwarnsystem bei Hitzestress für Berlin und Brandenburg

Alle reden vom Wetter – und das hat seinen Grund. Sechzig Prozent der Deutschen sagen laut dem Institut für Demoskopie in Allensbach, dass das Wetter einen Einfluss auf ihre Gesundheit hat. In Zukunft werden Ärzte aufgrund der Klimaerwärmung wohl immer mehr Patienten wegen Beschwerden behandeln, die vom Wetter beeinflusst sind: Herz-Kreislauf-Probleme, Schlaflosigkeit, Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Koliken, Migräne. Hitzestress senkt zudem die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit. Extreme Hitze kann in einer überalterten Stadt wie Berlin sogar eine Sterbewelle auslösen.

Aus diesem Grund beschäftigt der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Potsdam Medizinmeteorologen. Gleichzeitig entwickelt in Berlin ein interdisziplinäres 80-köpfiges Forscherteam unter Federführung des Meteorologischen Instituts der Freien Universität mit CharitéMedizinern der Arbeitsgruppe „Weltraummedizin und extreme Umwelten“ ein ausgeklügeltes Wetterbericht-Vorwarnmodell für gesundheitlich gefährdete Bevölkerungsgruppen. Das Projekt heißt „Der Mensch im Ballungsraum unter Klima und Umwelteinflüssen“, auch die Stadtentwicklungsverwaltung ist daran beteiligt. „Wir stellen uns planerisch auf den Klimawandel ein“, sagt Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Laut ihren Klimaexperten kann es 2050 in Berlin übers Jahr betrachtet im Schnitt bereits 2,5 Grad heißer sein als jetzt – das bedeutet im Sommer über 40 Grad im Schatten.

Alexander Stahn, promovierter Leistungsphysiologe vom CharitéZentrum für Weltraummedizin Berlin in Dahlem, zeigt einen Kabelsatz mit gelben, runden Aufsätzen. Das winzige Messgerät ist einen fünfstelligen Betrag wert. Mit den Doppelsensoren kann man die Körperkerntemperatur kontinuierlich erfassen, ohne operativ eindringen zu müssen. Und zwar auch am Kopf, wo das Zentrum der Temperaturregulation sitzt. Entwickelt wurde das Gerät vom Zentrum für Weltraummedizin und den Lübecker Drägerwerken. Auf der ISS-Weltraumstation wird damit die Temperaturregulation unter Belastung in Schwerelosigkeit untersucht. Bei einem weiteren Kooperationsprojekt haben Chirurgen im Deutschen Herzzentrum Berlin das Messgerät an künstlich heruntergekühlten Patienten angewandt.

Die Kerntemperatur des Körpers liegt in der Regel bei 37 Grad. An den Minicomputer kann man andere Sensoren anschließen und so auch Luftdruck, -temperatur und -feuchtigkeit ermitteln sowie ein EKG aufzeichnen. Die Daten werden mit Werten etwa zur Luftverschmutzung abgeglichen, um Hitzestress genau zu untersuchen. Martin Wattenbach, Projektleiter des Milieu-Vorhabens an der FU, erläutert, dass sieben Probanden, alle FU-Studenten der Meteorologie, mit dem neuartigen Sensor auf von GPS festgelegten Routen von der Innenstadt Richtung Außenbezirke gelaufen sind. Ihre Daten wurden gesammelt.

„Ziel ist es, ein 3-D-Modell von Berlin und Brandenburg zu entwickeln, in dem wir die gesundheitsrelevanten Daten der Probanden einspeisen“, sagt Stahn, der zugleich wissenschaftlicher Leiter eines Teilprojekts mit dem Namen „Climate Change and Human Health“ ist. Im Jahr 2012 sollen dann in Computersimulationen folgende Fragen zu klären sein: Wie viel Grün brauche ich für die Friedrichstraße, weil doch Verdunstungskälte die Luft kühlt? Bräuchte man dann weniger Klimaanlagen – sie stoßen doch viele Treibhausgase aus? Wird eine Straße besser belüftet, wenn man ein Gebäude herausnimmt? Helfen Sonnensegel über einer Einkaufspassage? „Ein wichtiger Aspekt des Projektes ist es, genaue Vorwarnungen für psychisch belastende Wetterlagen und besonders bei Hitzestress für verschiedene Wohngebiete und Lebensräume herauszugeben“, sagt Stahn. Für Gesundheitsämter beispielsweise, für Pflegedienste, Arztpraxen, Altersheime und Schulen.

Seitdem die Medizinmeteorologen des DWD Alten
und Pflegeheime in Hessen mit generellen Warnungen zu Hitze und Wetter versorgen, „haben die Einlieferungen von Heimen in Kliniken drastisch abgenommen“, sagt Medizinmeteorologin Christina Koppe-Schaller aus Freiburg. Erst vor wenigen Tagen erging die erste allgemeine Hitzewarnung des Sommers für Berlin und Brandenburg. Bei Hitzestress erweitern sich die Gefäße, der Blutdruck wird gesenkt, mehr Blut schießt in die äußeren Blutgefäße, das Herz schlägt öfter, der Körper verliert wegen der Verdunstung des Schweißes an Flüssigkeit, Herz-Kreislaufversagen ist die mögliche Folge. Laut Koppe-Schaller versagen die Enzyme im menschlichen Körper ab einer Körpertemperatur von 42 Grad.

Ideal sind dagegen Hochs oder Zwischenhochwetterlagen. Dann muss die Polizei auch seltener zu Verkehrsunfällen gerufen werden. Denn das ist, so Christina Koeppe-Schaller, ebenfalls ein Nachteil von extremer Hitze: Es kracht öfter als bei pflegeleichtem Wetter.



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