Raucherlunge: Außer Atem

Wie kann man Menschen behandeln, die ihre Lunge durch lebenslanges Rauchen schwer geschädigt haben? Eine Reportage aus dem Vivantes-Klinikum Neukölln.

Aus Abend wird Nacht. Draußen ist es ruhig geworden. Die Lichter in den Fenstern der Nachbarn sind bereits erloschen. Nur Renate König (Name geändert) hat Angst, sich hinzulegen. Hals und Brust der 67-jährigen Neuköllnerin sind wie zugeschnürt. "Ich dachte, ich ersticke", sagt die zierliche Frau mit kurzem aschblonden Haar und kleinem goldenen Ohrring.

Doch König zögert mitten in der Nacht einen Krankenwagen zu rufen. Sie will nicht unnötig "Pferde scheu machen". Erst im Morgengrauen greift die Frührentnerin zum Hörer, um ihren Schwiegersohn anzurufen. Eine Stunde später liegt sie bereits im Thoraxzentrum des Vivantes Klinikums Neukölln. Ärzte diagnostizieren eine schwere COPD. Diese Abkürzung steht für chronisch obstruktive Lungenerkrankung, die umgangssprachlich schlicht Raucherlunge genannt wird. Denn Tabakkonsum ist die bei Weitem häufigste Ursache für verengte Atemwege. Vier Jahrzehnte lang rauchte König täglich mehrere Zigaretten. "Meine erste Kippe habe ich mit 27 eigentlich aus Jux geraucht", erinnert sie sich.

Doch warum ist der blaue Dunst eigentlich so schädlich? Mit jedem Atemzug dringen auch Schmutz, Schadstoffe und Bakterien in das sensible Organ. Dagegen schützt sich die Lunge durch einen Schleimfilm, den die sogenannten Becherzellen absondern. In diesem Sekret verfängt sich der Schmutz, der von kleinen, auf der Bronchialschleimhaut sitzenden Flimmerhärchen abtransportiert wird. "Wie auf einer Rolltreppe befördern diese Zilien genannten Härchen den Schmutz nach oben", sagt Wulf Pankow, Chefarzt der Klinik für Pneumologie (Lungenheilkunde) und Infektiologie am Vivantes Klinikum Neukölln.

Aus Statiskien ist ersichtlich, dass sich die Lungenkrebsraten von weiblichen Patienten immer mehr denen der Männer annähern

Bei einer COPD stottert diese Rolltreppe. Der giftige Tabakrauch lähmt die Flimmerhärchen so lange, bis sie nach und nach verkümmern. "Gleichzeitig baut sich die gereizte Bronchialschleimhaut um", sagt der Chefarzt. Die Flimmerhärchen sterben ab und werden durch minderwertige Schleimhaut ersetzt, die den Schleim nicht mehr abräumen kann. Das Sekret staut sich so lange in der Lunge, bis es ausgehustet wird. In Deutschland rangiert die COPD auf Platz vier der häufigsten Todesursachen. Tendenz steigend. Feinstaubbelastungen wie auf dem Bau oder in Wohnungen, die dicht an einer viel befahrenen Straße liegen, können die Erkrankung zwar auch verursachen. Doch in neun von zehn Fällen heißt die Ursache Rauchen. "Beginn und Dauer des Zigarettenkonsums und die persönlichen Erbanlagen bestimmen darüber, ob und wie stark sich eine COPD ausprägt", sagt Pankow. Der jugendliche Organismus sei besonders empfindlich. Doch seit Jahren sinke das Einstiegsalter für Raucher, gerade bei Frauen. "Statistisch beobachten wir seit langem, dass sich die Lungenkrebsraten von weiblichen Patienten immer mehr denen der Männer annähern."

Renate König, auch eine Patientin von Chefarzt Pankow, kennt die Folgen nur zu gut. Jahrelang plagten sie Husten und Auswurf, besonders morgens. Tief durchatmen konnte sie schon lange nicht mehr. Ein weiterer Prozess machte es ihr schwer, Atem zu holen: Der jahrelang inhalierte Tabakqualm führte zu einer Entzündung des die Bronchien umgebenden Lungengewebes. Bei fortschreitender Krankheit wird die Wandstruktur der Lungenbläschen immer weiter zerstört und der Gasaustausch der Lunge beeinträchtigt. Der Körper nimmt weniger Sauerstoff auf - im Fachjargon wird diese Erkrankung Lungenemphysem genannt.

Hustenattacken, schleimiger Auswurf, körperliche Schwäche und Atemnot sind Zeichen einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD)

Durch das zerstörte Lungengewebe bläht sich die Lunge wie ein großer Ballon auf, drückt auf das Zwerchfell und hindert den Muskel daran, das Lungenvolumen zum Einatmen auszudehnen. Darunter leidet die Lebensqualität. Jeder Liter Luft, der dem Menschen fehlt, die Hustenattacken, der schleimige Auswurf, körperliche Schwäche und Atemnot - all das sind die Zeichen der COPD, unter der Renate König leidet.

Schon Monate, bevor sie mit Blaulicht im Krankenhaus landete, konnte sich die Rentnerin nur noch schnaufend und mit letzter Kraft zum Supermarkt schleppen. Ohne ihren "Marktporsche", einem Handwägelchen, in dem sie ihren Einkauf verstaut, hätte sie die 200 Meter von der Haustür zum Geschäft nicht geschafft.

Um zu diagnostizieren, wie schwer die Lunge der Rentnerin geschädigt ist, verordnet Chefarzt Pankow zuerst eine Lungenfunktionsuntersuchung. Den Mund an ein Spirometer gepresst, inhaliert König so lange wie möglich Luft. So misst das Gerät Lungenvolumen und Atemfluss. Doch nach wenigen Sekunden muss die Renterin kapitulieren. Fazit des Tests: Renate König leidet unter einer COPD vierten Grades, die schwerste Ausprägung.

In früheren Stadien bleibt eine COPD oft lange unbemerkt, da die Lunge die Ausfälle einige Zeit kompensieren kann. Im Alltag brauchen wir nur einen Bruchteil der Kapazität, die unsere Lunge zu leisten imstande ist. Nur in Notfällen, wenn der ganze Organismus alarmiert wird und das Blut Sauerstoff in die letzte Zelle pumpt, mobilisiert die Lunge ihr ganzes Potenzial. Erste Anzeichen einer beginnenden COPD können deshalb Luftnot bei körperlichen Belastungen sein.

COPD ist nicht zu heilen, jedoch kann man noch viel für die Lebensqualität tun

König hat bereits einen Monat vor ihrem Krankenhausaufenthalt mit dem Rauchen Schluss gemacht. "Als ich mich auf meinem Marktporsche abstützen musste, wurde mir klar, dass ich so geworden war, wie ich es nie sein wollte", sagt die Rentnerin. "Aber jetzt ist es zu spät." Der Mediziner weiß, dass sie mit dieser Vermutung richtig liegt. "COPD ist nicht heilbar", sagt Pankow. "Wir können aber noch viel für die Lebensqualität tun."

Mit bronchienerweiternden Sprays und Pulvern können Erkrankte wieder besser durchatmen. Bei einer überblähten Lunge, dem Lungenemphysem, kann Gewebe chirurgisch entfernt werden. "So verschaffen wir dem gesunden Teil der Lunge wieder mehr Raum und die Atemmuskeln können effektiver arbeiten", sagt Pankow. Alternativ kann die Überblähung auch durch minimalinvasiv in die Bronchien eingesetzte Ventile vermindert werden. Diese sogenannten endobronchialen Ventile lassen die Luft aus dem überblähten Bereich ausströmen und verhindern den Luftzustrom beim Einatmen. "Beide Verfahren kommen aber nur für wenige Patienten infrage, bei denen die Lungenfunktion nicht zu schlecht ist", sagt Pankow.

Neben der selbstverständlichen Abstinenz von der Zigarette lautet das wirksamste Heilmittel: Bewegung und Sport. Das kurbelt den Kreislauf an und sorgt für eine bessere Durchblutung, Muskeln werden besser mit Sauerstoff versorgt und Atemnot gemindert. Königs Erkrankung ist weit vorangeschritten. "Freue oder ärgere ich mich, ist es, als drückte mir jemand den Hals zu." Ihren Marktporsche wird die Rentnerin gegen ein Wägelchen mit Sauerstoffflasche tauschen müssen. Ihr Körper leidet unter chronischer Unterversorgung mit Sauerstoff. Zwölf Stunden pro Tag muss sie nun das lebensspendende Gas aus der Flasche auf ihrem Wägelchen inhalieren. Für Bewegungstraining ist es trotzdem nicht zu spät. "Am besten unter fachlicher Anleitung in einer Lungensportgruppe", sagt Pankow.



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