Ausbildung der Pflegekräfte: Die Zukunft fest im Blick

Die großen Berliner Klinikkonzerne bilden ihren Nachwuchs selbst aus. Vivantes hat dazu ein eigenes Institut gegründet Hier machen über 700 künftige Pflegekräfte und Assistenten erste Berufserfahrungen. Zwei von ihnen erzählen, was sie dabei lernen

Da wird er schon wieder gerufen. Eine Patientin hat ein dringendes Bedürfnis, kann aber das Bett nicht verlassen. „Moment“, sagt Shakeel Rajput Khokhar, nimmt das Steckbecken – auch Bettschüssel genannt – und verschwindet im Zimmer. Die 64-Jährige hat innere Blutungen, ihre Gefäße wurden mit einer Angiografie, einem bildgebenden Verfahren, untersucht. Wenige Minuten später kommt Shakeel zurück, jetzt hat er tatsächlich ein paar Minuten Zeit, um von seiner Arbeit zu erzählen, und das heißt: Von seinem Ausbildungsplatz, der Klinik für Neurochirurgie. Wenn alles klappt, ist der 24-Jährige in zwei Monaten examinierter Krankenpfleger.

Shakeel ist einer von exakt 768 Auszubildenden des Vivantes-eigenen Instituts für berufliche Bildung im Gesundheitswesen (IbBG). Wie die anderen Klinikkonzerne in Berlin – Charité, DRK, Helios – bildet auch Vivantes seinen eigenen Nachwuchs aus. Das IbBG entstand 2001, dem Jahr, in dem auch Vivantes als Unternehmen gegründet wurde. „Früher hatte jede der Städtischen Kliniken, die zu Vivantes zusammengeschlossen wurden, eine eigenen Ausbildungsstätte“, erzählt IbBG-Leiter Ulrich Söding. Er war schon damals als Projektgruppenleiter für die Fusion der Ausbildungsgänge zuständig. Von rund 1700 Plätzen existieren heute noch jene 768, drei Bereiche sind weggefallen: Medizinisch-Technische Assistenten werden wegen der hohen Automatisierungsrate im Laborwesen größtenteils nicht mehr gebraucht, für die Diätassistenten gab es nicht genug Stellen und die Ergotherapeuten sind an die Wannsee-Schule abgewandert, die ebenfalls in medizinischen Berufen ausbildet. Heute gliedert sich das IbBG in fünf Bereiche: Allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege – der Bereich, in dem Shakeel arbeitet –, Kinderkrankenpflege, Altenpflege, Hebammen und Operationstechnische Assistenten (OTA) – das nicht-ärztliche OP-Personal. „Der OTA– Ausbildungsgang ist ausgesprochen nachgefragt“, sagt Söding. Sukzessive will er hier die Plätze von 50 auf 60 erhöhen.

Es ist 13 Uhr, Shakeel hat noch genau eine Stunde und 48 Minuten zu arbeiten, dann endet die Frühschicht, die um 6.30 Uhr begonnen hat. In seiner Klinik liegen Patienten mit Nervenleiden, die – im Unterschied zur Neurologie – nicht medikamentös, sondern mittels eines Eingriffs behandelt werden. 37 Betten gibt es hier, alle sind belegt. Wenn Shakeel morgens anfängt, sieht er sich als Erstes die Werte der Patienten an und überprüft die Schmerzmedikamente. Er gibt Frühstück und Mittagessen aus, wäscht die Patienten und bereitet ihren eventuellen Transport vor. Seit drei Wochen arbeitet er hier, zuvor war er in anderen Vivantes-Häusern eingesetzt. Hat er einen echten Notfall erlebt? „Ja“, erzählt Shakeel, „erst vergangene Nacht bekam ein Patient, der wegen eines Abszesses im Rückenmark querschnittsgelähmt war und an drei Tagen drei Mal operiert werden musste, plötzlich Atemschmerzen. Er lief blau an.“ Shakeel informierte sofort den Arzt, die Sauerstoffdosis wurde von zwei auf elf Liter pro Stunde erhöht. Jetzt liegt der Patient auf der Intensivstation.

Die meisten IbBG-Auszubildenden kommen direkt aus Berlin, auch Shakeel. Er wohnt nicht weit weg in Britz. Geboren wurde er allerdings in der pakistanischen Stadt Sahiwal, seine Familie kam nach Deutschland, als er 14 Jahre alt war, sein Vater arbeitet hier als Bankkaufmann. „Kein Wort Deutsch sprach ich damals“, sagt er – umso bemerkenswerter, dass er heute mit Berliner Akzent von seiner Arbeit erzählt. Nach dem Abitur 2007 machte er ein Freiwilliges Soziales Jahr beim DRK, danach war klar: Er wollte Pfleger werden. „Zu Vivantes bin ich gegangen, weil es hier die meisten Häuser und damit die meisten Möglichkeiten in Berlin gibt“, meint er.

Im Vergleich zu Shakeel wurde Romina Schwarzkopff fast um die Ecke geboren – in Reinickendorf. „Ich bin eine typische Berlinerin“, sagt die 22-Jährige. Auch ihr Berufswunsch entstand nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr, in ihrem Fall in einem Kindergarten. Jetzt arbeitet sie im dritten IbBG-Ausbildungsjahr in der Kinderkrankenpflege. Ihre Station liegt sechs Etagen von Shakeels Station entfernt. Hier liegen die Jüngsten: Kinder, die erst wenige Tage alt sind und Anpassungsstörungen wie unregelmäßigen Atem haben. Viele sind Frühgeburten. Für zwei der zur Zeit 19 Kinder auf der Station ist Romina Schwarzkopff heute zuständig. „Die Arbeit unterscheidet sich schon sehr von der auf einer Erwachsenenstation“, sagt sie. „Dort ist eine direkte Kommunikation mit den Patienten möglich. Die Kinder aber können sich bei Schmerz oder Hunger nicht selbst äußern, außer durch Schreien.“ Romina Schwarzkopff muss ständig alles im Blick haben: Was ist das Problem? Welche Maßnahmen ergreife ich? Dazu kommt, dass in der Kinderkrankenpflege häufig auch die Mütter mit auf der Station in sogenannten Rooming-in-Zimmern wohnen, was die Arbeit für die Pflegekräfte nicht immer leichter macht.

Rund 250 Auszubildende fangen jedes Jahr neu beim IbBG an. Drei Jahre lang wechseln sich theoretische Kurse und Praxiseinsätze auf Station ab. Shakeel Rajput Khokhar und Romina Schwarzkopff stehen kurz vorm Abschluss, die schriftliche Prüfung haben sie schon hinter sich, die praktische und die mündliche folgen in wenigen Wochen. Shakeel hat sich schon beworben – natürlich im Klinikum Neukölln. Er könnte im chirurgischen, internistischen oder psychiatrischen Bereich arbeiten. „Die Chirurgie finde ich aber am spannendsten“, sagt er. Auch Romina würde am liebsten da bleiben, wo sie schon ist, und sich als Kinderkrankenpflegerin etablieren. Später möchte sie berufsbegleitend noch Ernährungswissenschaften studieren.

Nicht alle, die beim IbBG anfangen, machen auch den Abschluss. Manche bestehen die Probezeit nicht. Ein anderer Grund: „Wir haben einen hohen Abiturientenanteil“, sagt Ulrich Söding, „deshalb verlieren wir immer wieder Auszubildende an die Universität.“ Der überwiegende Teil derer, die einen Abschluss machen, würde aber von Vivantes übernommen werden. Eine Altersgrenze gibt es übrigens nicht. Zwar fangen die meisten im Alter zwischen 18 und 20 Jahren an, aber auch 45-Jährige lassen sich beim IbBG noch in einem Gesundheitsberuf ausbilden. Seine Berufung zu finden, ist es eben nie zu spät.



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