Auf dem Schnaufsteg

Der innere Schweinehund hält viele vom Joggen ab. Das Projekt “Gut gelaufen” will auf völlig neuartige Weise motivieren: Die Läufer machen unterwegs Pause, um sozialen Einrichtungen zu helfen. Und stärken damit das soziale Bindegewebe ihres Kiezes.

Auch Win-win-Situationen können ganz schön anstrengend sein. Umso mehr genießt Margit Beutler jetzt das kühle Mineralwasser im lauschigen Garten des Nachbarschaftshauses Urbanstraße. Gestern Abend ist es schließlich spät geworden: Um halb acht hat die Kreuzbergerin sich mit einer Gruppe von Gleichgesinnten zum Joggen in der Mariannenstraße getroffen. Ein netter Sommerabendlauf durch den Kiez, sportlich mit rund sieben Kilometern keine ganz große Herausforderung. Und überdies eine schöne Gelegenheit, beim Laufen über dies und das zu plaudern, sich ein wenig besser kennenzulernen. Doch auf halber Strecke gab es eine Unterbrechung: Nun waren die Armmuskeln gefordert, galt es doch, im Garten einer Kita einen Graben auszuheben, für den Spielplatz. Mit vereinten Kräften ging das ganz flott. Eine Dreiviertelstunde später lief die Truppe zurück zum Ausgangspunkt. Alles wie geplant.

"Gut gelaufen" - ein Training "des sozialen Muskels und des sozialen Bindegewebes"

Gutes tun, für andere und zugleich für sich: Dass Bewegung gesund ist, weiß heute jedes Kind. Trotzdem hapert es oft an der Motivation, solange der Weg das einzige Ziel ist. Wenn nicht heute, dann vielleicht morgen, das Laufen läuft ja nicht weg, so suggerieren der berühmte innere Schweinehund und ein gefüllter Terminkalender mit vereinten Kräften. Irgendwo auf der Strecke gebraucht zu werden, kann indessen ein Super-Anreiz sein, um regelmäßig die Laufschuhe zu schnüren. Wie gesagt: Eine Win-win-Situation.

Die Träger verschiedener sozialer Einrichtungen in Friedrichshain-Kreuzberg - Kita, Schuldnerberatungsstelle, Kinderbauernhof, Tagesstätten und Wohnheime für Senioren - wissen inzwischen, dass die Truppe von "Gut gelaufen" für einmalige, "außer der Reihe" anfallende Arbeiten zur Verfügung steht. Oder besser: Zur Verfügung läuft. "Trainieren des sozialen Muskels und des sozialen Bindegewebes" nennt es Margit Beutler, die das Projekt ehrenamtlich betreut.

Das Vorbild kommt aus London. Dort hat der Filmemacher Ivo Gormley im Jahr 2009 "Good Gym" gegründet. Hunderte von Briten tun in dessen Rahmen heute laufend Gutes. Viele auch im Kontakt zu ihrem ganz individuellen "Senior- Coach": Einem älteren Menschen, der in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist und nur schwer das Haus verlassen kann. Dem ein Läufer aber regelmäßig die Zeitung oder ein frisches Brot vorbeibringt. Mit dem er oder sie - notfalls leicht verschwitzt - ein Schwätzchen hält und eine Tasse Tee trinkt. Eine Patenschaft der besonderen Art, für die einen ein kleiner Schritt aus der Isolation, für die anderen ein beträchtlicher Schub an Motivation.

Beutler arbeitet daran, solche Patenschaften zwischen Freizeitsportlern und Pflegebedürftigen auch in Berlin zu stiften. Zunächst innerhalb eines Radius von wenigen Kilometern rund ums Kiezzentrum "Mariannen-Arena", von wo derzeit die regelmäßigen Läufe starten, später auch in anderen Kiezen. In den Kontaktstellen für Pflegeengagement (KPE), die es in allen Bezirken gibt und die für neue Ideen aufgeschlossen sind, hat sie bereits einen kompetenten Vermittler zwischen Paten und Patenkindern gefunden. Wobei offen bleibt, wer hier eigentlich die Rolle des Paten einnimmt.

Besondere Events könnten der besseren Vernetzung von Einrichtungen dienen

Als am 4. Juli die Kontaktstelle für Pflegeengagement in der Friedrichshainer Gryphiusstraße eingeweiht wurde, steuerte "Gut gelaufen" einen Staffellauf der besonderen Art zu den Festlichkeiten bei: Eine Zwölf-Kilometer-Strecke mit insgesamt 13 Etappen, mit Startpunkt an der Begegnungsstätte Charlottenstraße. Haltepunkte für die Läufer und Läuferinnen waren samt und sonders Einrichtungen, die im Bezirk Hilfe für alte Menschen bieten. Zwei Mitarbeiter des Bezirksamts joggten die gesamte Strecke mit. In einem besonders wendigen Pflegebett nahm sogar ein bettlägeriger Bewohner einer Pflegeeinrichtung teil, geschoben von einer sportlichen Pflegekraft. An mehreren Stationen wurden die Läufer zudem von auffällig hochbetagten Cheerleadern angefeuert. Die Idee mit den "Senior-Coachs", die Jüngere zur Bewegung motivieren, scheint also nicht abwegig. Beutler, studierte Betriebswirtin und Marketingexpertin, hofft aber auch, dass solche besonderen Events der besseren Vernetzung der Einrichtungen dienen.

Im Grunde aber soll "Gut gelaufen" sich, wie sein Londoner Vorbild "Good Gym", im Alltag der Großstadt bewähren. Soll gute Kondition zu guten Konditionen bieten, soll Menschen anregen, im Kiez, in dem ihre Wohnung steht, auch andere öffentliche und private Räume kennenzulernen und sich dort eine Zeitlang regelmäßig zu engagieren.

Um verstärkt auch Jogging-Skeptiker und "junge Alte", die lieber gehen als laufen, für die Idee zu gewinnen, möchte Beutler bald auch Walkinggruppen gründen. Sie könnte sich gut vorstellen, dass Krankenkassen diesen Ansatz auf seine Wirksamkeit testen. Auf keinen Fall sollen Hilfsbereitschaft und soziales Engagement an sportliche Höchstleistungen geknüpft sein. "Gut gegangen" wäre schließlich auch kein schlechtes Motto.

Mehr Informationen unter: www.gut-gelaufen.org und www.facebook.com/gutgelaufen oder Tel. 311 66 00 77



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