Altershirndruck: Kanal für den Kopf

Gangprobleme und Gedächtnisstörungen müssen nicht zwangsläufig die Folge einer Demenz sein. Bei einer kleinen Gruppe von Patienten entstehen sie durch Altershirndruck. Und der kann operiert werden – wenn man ihn erkennt.

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Gedächtnisstütze für Demenzerkrankte. Foto: Kitty Kleist-Heinrich


Stell dir vor, du wirst dement – und man kann etwas dagegen tun! In einer Welt zu leben, in der der Verlust von Gedächtnis und kognitiven Fähigkeiten zu stoppen oder gar rückgängig zu machen wäre – das ist wohl ein Wunsch, den wir alle an die berühmte gute Fee hätten. Wenn es sie nur geben würde. Denn Demenz ist eine große Bedrohung: Laut neuesten Zahlen soll derzeit in Deutschland jeder 80. an einer der verschiedenen Formen erkrankt sein. Jährlich kommen rund 250 000 Neuerkrankungen hinzu.

Zumindest für eine sehr kleine Gruppe von Menschen, die die typischen Symptome des kognitiven Abbaus entwickeln, bestehen aber heute schon Chancen auf Besserung. Bis zu fünf Prozent aller Fälle von Demenz gehen auf eine Veränderung im Gehirn zurück, gegen deren Folgen man mit einer Operation angehen kann.

Sie trägt den komplizierten Namen Normaldruckhydrozephalus, wird NPH abgekürzt, heißt umgangssprachlich “Altershirndruck” und entsteht, wenn im Gehirn das Gleichgewicht zwischen der Neubildung und dem Abtransport von Nervenwasser gestört ist. Anders als bei einem klassischen “Wasserkopf” wird in diesem Fall nicht zu viel Nervenwasser gebildet. Es hapert meist eher an den Abflussmechanismen. Folge: ein chronischer Druck auf wichtige Hirnstrukturen, der sie auf Dauer schädigen kann.

In der Klinik für Neurochirurgie der Charité wird fast in jeder Woche ein Patient mittels eines kleinen Eingriffs von diesem Druck befreit. Dabei wird ein dünner Schlauch mit einem Ventil, ein sogenannter Shunt, in eine der Gehirnkammern gelegt. Er verläuft unter der Haut und leitet die überschüssige Nervenflüssigkeit aus dem Gehirn in die Bauchhöhle ab. Was diese Shunts gegenüber enttäuschenden Vorläufern aus den 60er und 70er Jahren attraktiv macht, sind Ventile, die durch die Schwerkraft gesteuert werden, so dass ihre Träger im Liegen genug, im Stehen aber trotzdem nicht zu viel Nervenwasser verlieren. Der Eingriff erfordert drei Hautschnitte, erfolgt in Vollnarkose und dauert rund eine Dreiviertelstunde. “Das ist keine gefährliche Operation, sinnvoll ist sie jedoch eher bei Patienten, die ansonsten in gutem Allgemeinzustand sind”, sagt Peter Vajkoczy, Direktor der Charité-Klinik.

Herrscht im Gehirn zu lang erhöhter Druck, geht unwiderruflich Hirngewebe zugrunde

Ihn bedrückt, dass viele NPH-Fälle jahrelang unentdeckt bleiben. Herrscht im Gehirn zu lang erhöhter Druck, geht unwiderruflich Hirngewebe zugrunde. Zu erkennen ist das Druckproblem an drei Symptomen, die allerdings nicht immer gemeinsam auftreten und oft als Ausdruck einer anderen Krankheit verkannt werden. Zuerst treten oft charakteristische Gangstörungen auf: breitbeiniger Gang, kleine, schlurfende Schritte, Gleichgewichtsstörungen. Sie werden oft fälschlich als erste Anzeichen einer Parkinsonerkrankung betrachtet. Viele Betroffene haben zudem verstärkten Harndrang. Mit den Gangproblemen kann das dazu führen, dass man die Toilette nicht mehr erreicht, also mit Inkontinenz zu kämpfen hat. Das dritte Anzeichen ist das Nachlassen des Kurzzeitgedächtnisses, das oft zu Schwierigkeiten auch bei banalen alltäglichen Verrichtungen führt. “Dann ist es wichtig, auch an einen NPH zu denken”, so Vajkoczy.

Auch wenn Altershirndruck nur in einem Bruchteil der Fälle die Ursache für Demenz ist, lohnt sich die Abklärung. Dazu sollte der Hausarzt Patienten, die über die drei Schlüsselsymptome klagen, an einen Facharzt für Neurologie überweisen. Die Diagnose wird durch eine Magnetresonanztomografie oder eine Computertomografie gestützt. Auch wenn deren Ergebnis vorliegt, sollte allerdings nicht gleich operiert werden. Zunächst muss ein Testlauf zeigen, ob der Shunt Aussicht hat, dem individuellen Patienten zu helfen. Dieser wird dafür bei einer Punktion um rund 30 Milliliter Nervenwasser erleichtert, oder es wird mittels eines kleinen Katheters im Rücken über drei Tage hinweg eine Lumbaldrainage gemacht. Auf die Dauer wäre das keine Lösung, weil das Wasser sich neu bildet, das Transportproblem also nicht beseitigt ist. “Doch wenn neurokognitive Tests, Analysen des Gangs und subjektives Empfinden anschließend zeigen, dass die Störungen dadurch zurückgehen, hat auch der Eingriff eine gute Chance auf Erfolg”, sagt Vajkoczy.

Leider hat die Mehrheit der Betroffenen zugleich ein anderes Problem, das Abbauprozesse im Gehirn verursachen kann, meist eine Alzheimererkrankung oder eine durch Veränderungen der Blutgefäße verursachte (vaskuläre) Demenz. Noch weiß man zu wenig darüber, doch es könnte zwischen diesen Demenzformen und der Entwicklung eines Altershirndrucks durchaus Zusammenhänge geben. Wie auch immer: Es besteht dann nur eine geringe Chance, dass sich durch den Eingriff die Demenz zurückbildet. Dafür hätten diese Patienten anschließend meist weniger unter Geh- und Gleichgewichtsproblemen zu kämpfen, berichtet Vajkoczy.

Im deutschen Ärzteblatt wurde kürzlich mit Bezug auf einschlägige Studien berichtet, dass durch die Anlage eines Shunts bei bis zu 90 Prozent der Patienten langfristige Verbesserungen bei einem oder mehreren der klassischen Symptome zu verzeichnen seien. “Es gibt daher heute sicher keinen Grund mehr, der einen therapeutischen Nihilismus rechtfertigen würde”, folgern die Autoren. Auch wenn der Wunsch an die gute Fee leider nicht bei allen Operierten vollständig in Erfüllung geht.




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