Alt werden im eigenen Zuhause

Die große Mehrheit der Deutschen will in der eigenen Wohnung alt werden. Aber gerade in Großstädten lässt sich Pflege immer schwieriger organisieren. Vereine wie Freunde alter Menschen e.V. helfen, die Herausforderung auch lokal und nachbarschaftlich zu bewältigen. Zu Besuch bei der Berliner Sektion

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Wichtig ist auch im Alter ein soziales Netzwerk zu haben. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Gesellschaft überaltert – und trotzdem ist die Aufgabe von Klaus-Werner Pawletko gar nicht so einfach: Er sucht alte Menschen. Denn viele derjenigen, die Hilfe bräuchten, gehen nicht mehr vor die Tür, bleiben zu Hause, werden unsichtbar. 1946 wurde in Frankreich der Verein ‘Freunde alter Menschen’ gegründet, Klaus-Werner Pawletko ist Geschäftsführer der Berliner Sektion, mit einem Büro in Kreuzberg, einem Nachbarschaftstreff in Mariendorf und einem weiteren in Reinickendorf. Außerdem wird gerade ein Ladenlokal in Mitte umgebaut.

Das Ziel: alte, vereinsamte Menschen in Berlin vor Ort, in ihrem vertrauten Wohnumfeld zu erreichen, damit sie selbstbestimmt Hilfe organisieren können. Der Verein vermittelt Besuchspatenschaften mit jüngeren Ehrenamtlichen und baut gemeinsam mit Genossenschaften nachbarschaftliche Netzwerke auf. “Die große Mehrheit der Deutschen will in den eigenen vier Wänden alt werden”, erklärt Pawletko. Manche würden trotz Gehbehinderung lieber im vierten Stock eingesperrt leben als in eine andere Wohnung oder ein Heim umzuziehen. Wenn es darum geht, sich Hilfe zu holen, herrscht aber häufig große Scham.

Zwei Drittel aller Pflegebedürftigen leben in privaten Haushalten. Die großen Debatten, wie häusliche Pflege in Zukunft organisiert werden kann, setzen dabei aber häufig an klassischen Familienstrukturen an – die es in Großstädten aber immer seltener gibt. Auf dem diesjährigen DAK-Pflegetag in Berlin – der von Tagesspiegel-Redakteur Rainer Woratschka moderiert wurde – hat Altersforscher Roland Schmidt von der Fachhochschule Erfurt die neuen Familienbande als ‘fragile Netzwerke’ bezeichnet. Die Zahl der Familien ohne Kinder wächst, von den 1965 Geborenen sind rund ein Drittel kinderlos. Wer Kinder hat, sieht sie meist selten, berufliche Mobilität treibt sie in andere Städte. Über große, räumliche Distanzen wird dann versucht, häusliche Pflege zu organisieren – ein Problem, das auch vielen Wahlberlinern mit älteren Eltern in anderen Städten vertraut sein dürfte. Aber auch in Berlin selbst beobachten Pawletko und sein Team eine Generation der Übriggebliebenen, die niemanden mehr haben, der helfen oder pflegen könnte.

Für jeden die richtige Pflege finden: die Angebotsvielfalt ist groß

Die Angebotsvielfalt für professionelle Pflege zu Hause sei hier im Prinzip gut, meint Pawletko. Es existieren viele spezialisierte Dienste etwa für Krebspatienten. Wer sich nicht wegen psychischer Erkrankung oder stark vorangeschrittener Demenz selbst gefährdet, könne in der Regel zu Hause bleiben, und bei Bedarf würden Leistungen von der Sozialhilfe übernommen. Das Problem für den Einzelnen ist eher, sich in der Vielzahl der Dienstleister und Angebote sehr unterschiedlicher Qualität zurechtzufinden. Setzt eine Einrichtung für einen bestimmten Geldbetrag zwei qualifizierte Kräfte ein, ist es bei einer anderen eine Hilfskraft. Ein Dienst übernimmt Anträge für Förderung, ein anderer nicht. Wer akut sucht, kann das schwer durchschauen. Häufig haben alte Menschen auch weder die Kraft noch das Selbstbewusstsein, gegenüber Pflegediensten selbstbestimmt zu agieren. Der selbstorganisierte, lange im Voraus geplante Weg ins Alter ist selbst in Berlin, wo es immerhin rund 600 Wohngruppen gibt, eher die Ausnahme - und ein Mittelstandsphänomen.

Freunde alter Menschen e.V. versucht, diesen Herausforderungen lokale Lösungen entgegenzuhalten. In Nachbarschaftstreffs bietet er Beratung für alte Menschen und Angehörige an. Was wird denn eigentlich benötigt? Müssen Bad oder Dusche umgebaut werden, damit man sich wieder ohne Unfallgefahr waschen kann? Braucht es Hilfe beim Einkaufen, einen Reinigungsdienst oder Unterstützung bei der Morgentoilette? Fehlt jemand zum Reden? Die Wohnungsbaugenossenschaften seien gute Partner, weil die Nachbarschaft hier oft über Jahre stabil ist und es häufig Hausmeister gibt, die als “Frühwarnsysteme” fungieren. Wenn die Miete ausbleibt, der Briefkasten überquillt oder eine Nachbarin lange nicht mehr vor der Tür gesehen wurde, geben sie dem Verein Bescheid – der dann auf seine kostenlosen Angebote aufmerksam macht. Häufig lassen sich innerhalb eines Hauses oder innerhalb einer Straße praktische Lösungen finden. Dann tauscht zum Beispiel der gehbehinderte Mann aus der vierten Etage mit der jungen Familie aus dem Erdgeschoss die Wohnung. Kennt man den Pflegebedarf in einer Straße, lassen sich Bedürfnisse auch bündeln. So könnten sich in Zukunft vier alte Menschen gemeinsam eine Pflegekraft für den ganzen Tag teilen, anstatt für das gleiche Geld einzeln zwei Mal fünfzehn Minuten.

Durch professionelle Dienstleistung lassen sich Alter und Pflege zu Hause bewältigen. Sie schützen aber nicht vor Vereinsamung. Die Leistungen sind bis auf die Minute genau definiert: ”kleine Morgentoilette” oder “Zubereiten einer warmen Mahlzeit” heißt das dann. Schon das zusätzliche Wechseln einer Glühbirne kann versicherungstechnisch schwierig werden. Für sozialen Kontakt bleibt Pflegekräften fast keine Zeit. Manche alten Menschen erzählen Pawletko, dass sie seit Monaten nicht mehr mit Vornamen angesprochen wurden.

Hier setzen die Besuchs- oder Telefonpartnerschaften von Freunde alter Menschen e.V. an. Der Verein vermittelt Interessierte mit ähnlichen Interessen, koordiniert einen Schnuppertermin. Wenn es klappt, treffen sich die beiden Freunde, möglichst ein Mal pro Woche. Wenn möglich, unternehmen sie auch etwas gemeinsam. 100 solcher Partnerschaften wurden schon vermittelt. Wichtig ist dem Verein dabei, dass auch die Jüngeren von diesen Freundschaften profitieren. Weil sie interessierte Zuhörer finden, wenn sie von der Welt “da draußen” berichten oder einfach weil sie Kochrezept abbekommen. Auch hier ist der lokale Faktor wichtig. Die jüngeren Freunde leben häufig in Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain, die älteren hingegen eher in Schöneweide oder Reinickendorf. Weil sich bei den Jungen das Leben häufig wegen Beruf oder Nachwuchs schnell ändert, bemüht sich der Verein, für jeden alten Menschen zwei bis drei Besuchspaten zu finden. Manchmal entstehen aber auch Freundschaften, die über Jahre halten, erzählt Pawletko. Bis einer der beiden stirbt.

Freunde alter Menschen e.V. berät pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen. Kontakt: Tel. 32 59 19 80 (Mariendorf) und 67 96 53 73 (Reinickendorf). Freiwillige, die eine Besuchspartnerschaft übernehmen möchten, erfahren mehr online unter www.famev.de



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