Fragen und Antworten zur Reha (III): Wer solche Behandlungen verschreiben darf und welche Wahlmöglichkeiten Sie haben

Ohne ärztliche Verordnungen kommt man nicht an die Rehabehandlung. Anträge können auch abgelehnt werden, dann sollten Sie Widerspruch einlegen. Und es gibt – obwohl das viele Patienten nicht wissen – uch bei der Reha prinzipiell das recht, den Anbieter der Behandlung frei zu wählen.

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Über eine Anschlussbehandlung sollte man frühzeitig mit Ärzten und Sozialdienst im Krankenhaus sprechen / Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wer darf Rehabilitationsmaßnahmen verordnen?

Dafür ist zunächst ausschlaggebend, ob es sich um eine Anschlussheilbehandlung – also um rehabilitative Maßnahmen direkt nach einem Krankenhausaufenthalt – oder um eine medizinische Rehabilitation handelt, die in größerem zeitlichen Abstand zur ärztlichen Behandlung oder auch wiederholt zum Beispiel bei chronisch Kranken stattfinden kann. "Eine Anschlussheilbehandlung kann nur von dem erstversorgenden Krankenhaus eingeleitet werden", sagt Annette Carl, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Berliner Fachärzte für Physikalische und Rehabilitative Medizin. Sie rät, frühzeitig mit Ärzten und dem Sozialdienst des Krankenhauses über eine Reha zu sprechen. Denn sei man erst einmal wieder zu Hause, sei es fast unmöglich, noch eine Anschlussheilbehandlung zu bekommen, da niedergelassene Ärzte sie nicht verordnen dürften.
Eine medizinische Rehabilitation dagegen dürfen niedergelassene Ärzte in die Wege leiten. Dabei verfahren die einzelnen Leistungsträger aber unterschiedlich. So bedarf es bei Maßnahmen, für die die Gesetzliche Rentenversicherung zuständig ist – also wenn es um die Erwerbsfähigkeit geht – keiner ärztlichen Verordnung im eigentlichen Sinne. "In einem unbürokratischen Verfahren stellt der Versicherte einen Rehabilitationsantrag, dem ein Befundbericht vom behandelnden Arzt beigefügt wird", sagt Dirk von der Heide, Sprecher der Deutsche Rentenversicherung Bund. Diesen könne der behandelnde Arzt oder ein Werks- oder Betriebsarzt erstellen. Die Rentenversicherung habe dieses Verfahren gewählt, weil diese Ärzte in aller Regel sehr nah am Patienten seien und das Krankheitsbild gut kennen. Bevor die Rehabilitation bewilligt wird, erfolge eine Begutachtung der Unterlagen durch Experten bei der Rentenversicherung. Die Gesetzlichen Krankenkassen, die Rehabilitationen bei Nichtberufstätigen zahlen, handhaben das anders. "Seit 2007 müssen die Vertragsärzte über eine Zusatzqualifikation verfügen, die sie berechtigt, solche Maßnahmen zu verschreiben", sagt Ann Marini, Sprecherin des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Und über eine solche Zusatzqualifikation verfügen nicht alle niedergelassenen Mediziner. In Berlin sind das rund 900 Ärzte (von insgesamt 6700), in Brandenburg rund 700. Um solche Mediziner ausfindig zu machen, kann man die Arztsuchfunktionen auf den Internetseiten der jeweiligen KV nutzen und dort nach Ärzten suchen, die die Zusatzqualifikation "Verordnung von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation" haben.
Die berufsgenossenschaftlich Versicherten, also diejenigen, die während oder auf ihrer Arbeit oder auf dem Weg dorthin verunglücken oder erkranken, aber auch Schüler, Studenten, Blutspender oder im Ehrenamt Tätige, müssen zunächst einen sogenannten Durchgangsarzt aufsuchen. Dieser Vertragsarzt stellt für die Unfallversicherung eine Diagnose auf deren Grundlage über eine Reha entschieden wird. Die Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse stellt dem Rehabilitanden dann einen "Reha-Manager" zur Seite. In Absprache mit dem Betroffenen koordiniert er alle Maßnahmen von der medizinischen, beruflichen oder sozialen Rehabilitation bis hin zu Entschädigungs- oder Pflegeleistungen. Bei einer Heilbehandlung ist das Wahlrecht des Patienten eingeschränkt. Im Streitfall muss er der Weisung des Managers folgen. Das Sozialgesetzbuch hält als Aufgabe der Unfallversicherung fest, die Gesundheit der Versicherten mit allen geeigneten Mitteln möglichst vollständig wiederherzustellen.
Versicherte der Privaten Krankenversicherungen können sich Reha- Maßnahmen von jedem niedergelassenen Arzt wie auch von Krankenhausärzten verordnen lassen. "In der Regel werden jedoch nur die Kosten von medizinisch notwendigen Heilbehandlungen nach einem Klinikaufenthalt übernommen", sagt Jens Wegner, Pressereferent des Verbandes der Privaten Krankenversicherungen (PKV). Das bedeutet: Private Krankenversicherungen kommen meist nur für Anschlussheilbehandlungen auf, nur in Ausnahmefällen für Rehabilitationen mit Kurcharakter. Dies ist jedoch abhängig von dem jeweiligen Tarif.

Was kann man tun, wenn der Antrag auf eine Reha abgelehnt wurde?

Wenn eine beantragte Reha-Maßnahme vom Kostenträger nicht bewilligt wurde, hat der Antragsteller einen Monat Zeit, um Widerspruch einzulegen. Über das genaue Verfahren muss der Träger seinen Versicherten schriftlich informieren. Annette Carl, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Berliner Fachärzte für physikalische und rehabilitative Medizin, empfiehlt, möglichst sofort einen formlosen schriftlichen Widerspruch einzulegen. "Die Begründung für den Widerspruch kann man auch später nachreichen." Diese sollte am besten zusammen mit dem behandelnden Arzt formuliert werden. Da im deutschen Gesundheitssystem der Grundsatz "Reha vor Rente und Pflege" gilt, sollten Patienten vor allem die Beeinträchtigungen, die sie in ihrem privaten und beruflichen Leben durch ihre Erkrankung erleiden, herausstellen: "Die Selbstständigkeit und Berufstätigkeit zu erhalten und dadurch Pflegebedürftigkeit oder Rente zu vermeiden, sind immer schlagende Argumente für eine Reha", sagt Annette Carl.
Allerdings müssen vor einer Reha alle akuten Behandlungen abgeschlossen und alle ambulanten Möglichkeiten bei niedergelassenen Ärzten ausgeschöpft sein. Bevor etwa wegen einer seelischen Erkrankung eine Reha bewilligt wird, muss in der Regel zunächst eine ambulante Psychotherapie stattgefunden haben. "Wenn eine Rehabilitationsmaßnahme aus medizinischen Gründen abgelehnt wird, ist in dem Bescheid jedoch immer eine Empfehlung für eine vorrangig erforderliche Behandlung vermerkt", sagt Dirk von der Heide, Sprecher der Deutschen Rentenversicherung (DRV). "Dieser Therapieempfehlung sollte der Patient in jedem Fall folgen." Vor allem medizinische Rehabilitationen lehnen die Leistungsträger häufig auch mit Verweis auf bestimmte Fristen ab. So ist gesetzlich vorgeschrieben, dass zwischen zwei Reha-Maßnahmen wegen der gleichen Erkrankung mindestens vier Jahre verstrichen sein müssen. Es gibt auch Ausnahmen, aber: "Wenn eine solche vorzeitige Rehaleistung nicht medizinisch unbedingt notwendig ist, ist es sehr schwierig, eine zu bekommen", sagt Ärzteverbandsmitglied Annette Carl. In jedem Fall sollte man sich als Patient jedoch mit seinem Arzt beraten.
Auch die Reha- Servicestellen können Fragen zum Widerspruchsverfahren beantworten und Hilfestellungen geben. Bei einem negativen Bescheid von einer privaten Krankenversicherung sollte der Versicherte seinen Arzt kontaktieren und mit ihm gemeinsam die medizinische Begründung für die Reha überarbeiten. Wenn das nicht ausreicht, habe ein Privatpatient zwei Möglichkeiten, sagt Jens Wegner vom Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV): "Entweder er wendet sich für eine Vermittlung an den Ombudsmann des PKV oder er übernimmt die Kosten selbst."

Kann der Patient den Ort seiner Reha-Maßnahme frei wählen?

Prinzipiell ja. Denn nach Paragraf 9 des Sozialgesetzbuchs IX haben Patienten das Recht, Wünsche zu äußern, in welcher Einrichtung die rehabilitativen Maßnahmen stattfinden sollen. Wenn es ein "berechtigter Wunsch" ist, soll der Sozialversicherungsträger diesen auch berücksichtigen. Entscheidend ist dabei meist die Indikation, also der medizinische Grund für die Reha. Aber letztlich entscheidet der Leistungsträger darüber, ob der Wunsch berechtigt ist – ebenso wie über die Art, Dauer, den Zeitpunkt und Ort der rehabilitativen Maßnahmen. "Ausschlaggebend ist die Diagnose, mit der die Rehabilitation begründet wird, sowie die therapeutischen Möglichkeiten der gewünschten Einrichtung", sagt Dirk von der Heide von der DRV. Wünsche, die etwa einen familiären Hintergrund haben, könnten erst in einem zweiten Schritt berücksichtigt werden.
Auch bei den gesetzlichen Krankenversicherungen kann ein Patient die Reha-Einrichtung nicht völlig frei auswählen: Er erhält eine Liste von Häusern, mit denen seine Versicherung einen Versorgungsvertrag abgeschlossen hat, aus der er sich eines aussuchen kann. "Aber natürlich können Patienten auch eine andere Einrichtung vorschlagen", sagt Ann Marini vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Für mögliche Mehrkosten müssten sie dann aber in vielen Fällen selbst aufkommen. Wünsche, die Rehabilitation in einer bestimmten Einrichtung, zum Beispiel einer Spezialklinik zu verbringen, müssen jedoch auch bei den gesetzlichen Krankenkassen vor allem medizinisch begründet sein.
Sollte die verordnete Reha völlig gegen die Vorstellungen des Patienten gehen, kann dieser Widerspruch einlegen und die Rehaklinik wechseln. "Dann ist allerdings nicht sicher, ob alle Mehrkosten von der Kasse übernommen werden", sagt Sprecherin Ann Marini. Private Krankenversicherungen haben in der Regel keine eigenen Einrichtungen oder Vertragshäuser wie die gesetzliche Renten- und Krankenversicherung. "Der Patient kann das Haus im Prinzip frei auswählen", sagt Jens Wegner von der PKV. Kein Anspruch bestünde allerdings auf eine Behandlung in den Einrichtungen der gesetzlichen Versicherungen. Unter bestimmten Umständen kann eine Reha aber dennoch in einer Klinik der gesetzlichen Renten- oder Krankenversicherung stattfinden, zum Beispiel wenn es sich bei dieser um eine Spezialklinik handele.



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