Bandscheibenvorfall: Rückgrat beweisen und Reha durchhalten

Bandscheibenschäden sind ein häufiges Problem. Manchmal helfen Spritzen, manchmal muss operiert werden. In der Reha lernen die Patienten, Lasten richtig zu heben und seelische Probleme loszulassen.

Training trainiert am Fitnessgerät. Das stärkt nicht nur die Rückenmuskulatur.

Foto: Thilo Rückeis

So gut wie jeder hat es schon einmal erlebt: Eine falsche Bewegung – und schon ist es passiert: Schmerz durchfährt den Körper, lähmt die Muskeln, macht jede weitere Regung unmöglich. Rückenleiden wie Hexenschüsse oder auch Bandscheibenvorfälle sind zu einer Volkskrankheit in industrialisierten Staaten geworden.
Auch Falk Ständer blieb von ihr nicht verschont. Der stechende und durchdringende Schmerz ereilte den 41-jährigen Kranführer während der Arbeit. "Da ging dann erst mal gar nichts mehr." Rettungsstelle und zwei Krankenhausaufenthalte folgten. Um danach wieder auf die Beine zu kommen, macht der Brandenburger nun eine stationäre Anschlussheilbehandlung in der Rehaklinik Hohenelse, die die Deutsche Rentenversicherung Berlin- Brandenburg am Rande des brandenburgischen Rheinsberg betreibt.
Falk Ständer ist einer von vielen Deutschen, denen die Bandscheiben im Bereich der Lendenwirbelsäule Probleme bereiten. L4, L5 und S1 heißen die Wirbelkörper, zwischen denen die körpereigenen Stoßdämpfer am häufigsten vorfallen, also ein Stück herausrutschen. "Bandscheiben bestehen aus einem Faserring und einem gallertartigen Kern", sagt Karl Bunck-Maares, Chefarzt des Reha-Klinikums Hoher Fläming vom Oberlinhaus. Der Faserring verschleißt mit der Zeit und wird manchmal so mürbe, dass er bei einer plötzlichen Fehlbelastung einreißt. "Wenn das passiert, tritt der Kern aus und engt die Nerven ein, die in einem Kanal neben den Wirbeln verlaufen." Drückt der Bandscheibenkern ein Nervenende zusammen, sprechen die Ärzte von einem Radikulärsyndrom. Die Schmerzen können dann überall auftreten, wohin der Nerv reicht.

Der Faserring einer Bandscheibe verschleißt mit der Zeit und wird manchmal so mürbe, dass er bei einer plötzlichen Fehlbelastung reißt

Genau das geschah auch bei Falk Ständer. Drei Wochen nach dem ersten Klinikaufenthalt verschlimmerten sich seine Beschwerden wieder: Erst strahlten die Schmerzen ins Bein aus, schließlich wurde es taub. "Nach drei schlaflosen Nächten habe ich mich selber wieder ins Krankenhaus eingewiesen." Dort verordneten ihm die Ärzte erneut eine konservative Therapie, die aus Schmerzbehandlungen, bei der unter dem Computertomografen beispielsweise Cortison in die betroffene Körperregion gespritzt wird, und Krankengymnastik besteht. Eine Operation war nicht notwendig.
Eigentlich gehört der drahtige Brandenburger mit den kurzen braunen Haaren, in denen eine Sonnenbrille steckt, nicht zu den Menschen, die man landläufig zu den Risiko-Personen für Rückenleiden oder gar einen Bandscheibenvorfall zählen würde. Er ist niemand, der viel sitzt, sich wenig bewegt und dessen Rückenmuskulatur deswegen verkümmert ist. Im Gegenteil: Der Mann ist ein Energiebündel. "Ich muss mich immer bewegen, immer herumspringen", sagt er über sich selbst. Das war auch schon in jüngeren Jahren so: Als Jugendlicher machte der 41-Jährige viel Leichtathletik und fuhr Motocross. Doch mit 26 Jahren war es damit vorbei: "Meine Tochter kam zur Welt – da hatte ich dann natürlich andere Prioritäten als den Sport." Er habe nicht richtig abtrainiert, sodass seine Muskeln verkümmerten. "Vielleicht war das der Fehler."
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Falk Ständer seit seiner Geburt an einer Spondylosisthesis leidet. Bei dieser Erkrankung, die umgangssprachlich auch als Wirbelgleiten bezeichnet wird, verschieben sich die Wirbel des Rückgrats gegeneinander. Dies führt dazu, dass das Rückgrat insgesamt instabil wird. Da ihm diese Erkrankung im Bereich der Halswirbelsäule schon früher Probleme bereitete, musste der gelernte KFZ-Schlosser bereits seinen Beruf wechseln: Eine Zeit lang war er als Feinmechaniker in einem großen Unternehmen tätig, eine Arbeit, die ihm sehr viel Spaß machte. "Aber ich habe gemerkt, dass das auf Dauer nicht funktioniert." Die Arbeitshaltung schadete seiner Wirbelsäule zu sehr, sie begann zu schmerzen. Er wechselte daraufhin den Arbeitgeber, wurde Maschinenführer in dem Betrieb, in dem er auch heute noch beschäftigt ist. Doch auch hier wurde es nicht besser, das Rückgrat bereitete ihm weiterhin Probleme. Ist also die Arbeit Ursache von schmerzhaften Rückenleiden?
Frank-René Hopke, Chefarzt der Rehaklinik Hohenelse, möchte nicht von besonders gefährdeten Berufsgruppen sprechen. "Rückenleiden haben viele verschiedene Ursachen, die sich nicht allein auf den Beruf reduzieren lassen." So kommen die Patienten, die in der weitläufi gen Klinikanlage am Ufer des Rheinsberger Sees eine Reha machen, auch aus unterschiedlichen Sparten: Es sind Büroangestellte unter ihnen, ebenso wie Busfahrer, Briefträger oder Handwerker.

Schwaches Bindegewebe und unterentwickelte Muskeln begünstigen ein Rückenleiden

Was aber sind dann die Risikofaktoren für einen Bandscheibenvorfall? "Es gibt einige körperliche Voraussetzungen, die Rückenleiden begünstigen", sagt der Orthopäde Hopke. Dazu zählen unter anderem ein schwaches Bindegewebe, fehlende Muskeln oder eine degenerative Wirbelerkrankung wie das Wirbelgleiten, unter dem Falk Ständer leidet. Hinzu kämen ungünstige Lebensumstände, Anspannung, Stress, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz und depressive Verstimmungen. Das bestätigt auch Karl Bunck-Maares, Chefarzt des Reha klinikums Hoher Fläming: "Wir beobachten bei immer mehr Patienten eine Diskrepanz zwischen den Belastungen, denen sie ausgesetzt sind und ihrer Belastbarkeit." Wenn solche Überforderungen im körperlichen und im seelischen Bereich aufeinanderträfen, seien Rückenbeschwerden nicht selten die Folge.
So unterschiedlich wie die Ursachen der Rückenleiden, so verschieden sind die Möglichkeiten, sie in der Reha zu behandeln. "Das Grundprinzip ist jedoch Bewegung", sagt der Orthopäde Hopke. Denn zum einen müssten Bandscheibenpatienten ihre Bauch- und Rückenmuskulatur stärken, um die Wirbel zu entlasten. "Außerdem werden bei körperlicher Anstrengung Endorphine, die sogenannten Glückshormone, ausgeschüttet." Daher wirke sich Bewegung auch positiv auf das allgemeine Wohl befinden aus. Während sich frisch an der Bandscheibe operierte Patienten noch nicht zu viel bewegen dürfen und deshalb vor allem Standsicherheitstraining auf Wackelbrettern oder im Spacecurl machen, steht für nicht operierte Rehabilitanden wie Falk Ständer unter anderem Kraft- und Ausdauertraining auf dem Programm. Dieses kann sowohl im Wasser als auch an Land stattfinden: Die Rehaklinik Hohenelse verfügt neben einem Bewegungsbad, in dem die Rehabilitanden in Gruppen Wassergymnastik machen, auch über einen Raum, in dem verschiedene Fitnessgeräte stehen. Hier können die Patienten nach zwei Einweisungen durch die Therapeuten auch alleine trainieren. Denn auf einer Chipkarte werden ihre individuellen Einstellungen wie die Sitzhöhe oder die zu bewegende Masse gespeichert. "Eine falsche oder zu große Belastung während des Trainings ist dadurch kaum noch möglich", sagt Reha- Chefarzt Hopke.
Genauso wie bei der Entstehung von Rückenleiden ist jedoch auch bei ihrem Verschwinden nicht nur der Körper, sondern auch der Kopf beteiligt. "Das Wichtigste für den Erfolgeiner Rehabilitation ist die Grundeinstellung eines Patienten", sagt Hopke. "Er selber muss gewillt sein, die Schmerzen hinter sich zu lassen." Um die Rehabilitanden zu motivieren, finden neben den Bewegungstherapien auch Schulungen und Beratungen statt. Dabei lernen die Rehabilitanden, dass Schmerz als Warnsignal des Körpers eigentlich eine wichtige und gute Funktion erfüllt, er sich aber auch verselbstständigen kann. "Manchmal ist eine Verbindung im Gehirn fehlgeschaltet, so dass der Schmerz auch auftritt, wenn es keine gravierenden körperlichen Ursachen für ihn gibt", sagt Hopke. Ziel der Reha sei es daher immer, den Betroffenen die Angst vor der Bewegung zu nehmen. Gleichzeitig müssten sie aber immer auch im Hinterkopf behalten, vorsichtig zu sein.
Was das bedeutet, lernen die Rehabilitanden in der Rückenschule. Hier erfahren sie, wie ihr Rücken, das Skelett und die Muskulatur aufgebaut sind und wie sie sich richtig bewegen, um Fehlbelastungen zu vermeiden. "Das heißt: Keine hektischen und ruckartigen Drehbewegungen", sagt Orthopäde Hopke. "Und vor allem keine kombinierten Bück- Dreh-Bewegungen mit schweren Lasten." Um etwas aufzuheben, solle man vielmehr mit geradem Rücken in die Knie gehen, und die Last dicht am Körper halten. Neben der Rückenschule finden auch psychologische Beratungen zur Krankheitsbewältigung statt. In Gruppensitzungen bringen die Therapeuten den Rehabilitanden zum Beispiel Entspannungstechniken näher, ermutigen sie, eventuelle Probleme in ihrem sozialen Umfeld anzupacken. Denn Menschen, die mit ihrem Leben zufrieden sind, können auch mit ihren Rückenleiden besser umgehen und vorübergehende Rückfälle besser ertragen.
Auch Falk Ständer half seine positive Einstellung wieder schnell auf die Beine: "Ich versuche, mich von meinen Rückenschmerzen nicht zu sehr einschränken zu lassen – denn das Leben ist zu schön, um sich irgendwo einzugraben!"



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