Kinderneurologie: „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“

Kinderneurologe Martin Köhler über die Bedürfnisse junger Reha-Patienten – die sich oft von denen Erwachsener unterscheiden.

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Foto: Promo


Jährlich erleiden rund 300 Kinder und Jugendliche einen Hirninfarkt. Was unterscheidet Ihre A rbeit von der bei Erwachsenen?

Die akuten Folgen eines Schlaganfalls sind bei Kindern nicht weniger dramatisch. Auch sie können unter Störungen des Sprachzentrums, der Motorik und anderen neurologischen Defiziten leiden. Doch Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie können an viel weniger bereits Gelerntes anknüpfen. Ein 70-Jähriger blickt auf ein langes Leben zurück. Ein Fünfjähriger muss auf viel niedrigerem Erfahrungsniveau alles neu lernen. Körperlich erholen sich zwar Kinder und Jugendliche meist schneller als Erwachsene. Doch das allein reicht nicht. Sie müssen auch ihre geistigen Fähigkeiten zurückerlangen und in die Lage versetzt werden, lernen zu können, um sich auf ihr künftiges Leben vorbereiten zu können.


Pubertierende sind mit sich selbst beschäftigt. Wie bewegen Sie sie zum disziplinierten Mitmachen?

Wir müssen den Patienten in seiner Erlebniswelt abholen, egal ob er nun fünf, 16 oder 70 Jahre alt ist. Für unsere jungen Patienten heißt das, dass wir ihnen viel Mut zusprechen und sie vor allem spielerisch therapieren. Während Erwachsene mit einer Halbseitenlähmung in einer klassischen Ergotherapie Tastsinn und Motorik wiedererlangen sollen, wecken wir etwa bei Siebenjährigen große Begeisterung, wenn sie mit der beeinträchtigten Hand unser Therapiepferd striegeln dürfen. Für Jugendliche bedeutet die Pubertät eine Phase des Umbruchs: Sie müssen sich selbst finden, vom Elternhaus ablösen und neue Bindungen eingehen. All das ist mit Konflikten verbunden, die durch die Erkrankung noch verschärft werden. Beispielsweise werden die Selbstzweifel, die ein Jugendlicher hegt, durch ein Handicap oft noch verstärkt, denn er vergleicht sich mit den gesunden Menschen um sich herum. Hier treffen sie auf Gleichaltrige mit ähnlichen Problemen, mit denen sie sich austauschen können, oft auch unter psychologischer Anleitung. Das hilft, die Selbstzweifel zu relativieren.


Wie können Sie diese Konflikte entschärfen?

Wir verstehen Kinder und Jugendliche nur, wenn wir ihr soziales Umfeld in die Therapie mit einbeziehen Deshalb sprechen wir auch über Konflikte mit Gleichaltrigen im Alltag und begleiten die Heranwachsenden bei den Problemen und Fragen, die sich ihnen stellen. Eine 15-jährige Patientin beispielsweise litt unter einer Halbseitenlähmung. Sie versteckte eine Hand immer mehr hinter ihrem Rücken, da sie diese nur beschwerlich benutzen konnte. Stattdessen nutzte sie nur die gesunde Hand. Wir Mediziner sprechen dann von einem erlernten Nichtgebrauch, der die Motorik der betroffenen Gliedmaßen zunehmend verschlechtert. Spielerisch trainieren wir gezielt die vernachlässigte Hand, zum Beispiel beim Pferdestreicheln. Dabei geht es auch darum, dass die Patientin sieht, dass die Hand doch zu etwas nutze ist, zu etwas Schönem.


Was ist, wenn sie den geschützten Klinikbereich verlassen?

Wir entwickeln gemeinsam mit den Eltern und in unserer Klinikschule Lernstrategien, die den Kindern in ihrem späteren Leben einen auf ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten zugeschnittenen Wissenserwerb ermöglichen. Wichtig dabei ist auch, dass die Betroffenen körperliche und kognitive Defizite angehen und sich selbst auch mit Problemen konfrontieren, denn nur so können sie diese überwinden.


Wer hilft den Eltern, die meist durch die Erkrankung der Kinder schwer belastet sind?

Unsere Therapeuten unterstützen die Eltern psychologisch. Wir binden sie aber auch in die Therapien ihrer Kinder ein, etwa in der Physio- oder Ergotherapie. Ihren Kindern können sie zu Hause so besser unter die Arme greifen. Doch der Aufenthalt in der Klinik tut ihnen auch selbst gut. Hier erhalten sie oft mehr Raum für sich selbst, als im Alltag. Und sie können sie sich mit anderen Eltern, deren Kinder ähnliche Schicksale erlitten, austauschen.

Martin Köhler ist Chefarzt und Ärztlicher Direktor an der Helios Klinik Hohenstücken, Neurologisches Rehabilitationszentrum für Kinder und Jugendliche




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