Reportage: Warten und Hoffen

Viele Frauen sind ungewollt kinderlos, weil ihr Körper krank war oder sie für das erste Kind relativ alt sind. Dann ist die künstliche Befruchtung oft die letzte Möglichkeit

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Grafik: dpa, Fabian Bartel

Fünf Personen in einem Raum. Keiner redet. Leise Loungemusik will die Stille übertönen, doch es funktioniert nicht so recht. Zu laut sind die Gedanken, die sich jeder über den anderen macht. Warum klappt es bei denen nicht? Wie oft haben die es schon versucht? Sind sie älter als man selbst? “Um die anderen nicht die ganze Zeit anzustarren, blättern alle in den Babyalben, die überall ausliegen”, sagt Bea Schulz. Mit 35 Jahren saß sie das erste Mal in einem Wartezimmer einer Berliner Kinderwunschpraxis. Sie erinnert sich an die angespannte Stimmung: “Man wünscht sich insgeheim, dass der Arzt die anderen nicht schwanger machen kann.” Denn dann steigen die eigenen Chancen, ein Baby zu bekommen – statistisch gesehen.


“Die künstliche Befruchtung ist oft die letzte Möglichkeit auf dem Weg zum Kind”

Wird eine Eizelle im Labor befruchtet und dann in die Gebärmutter eingepflanzt, liegt die Chance auf eine Schwangerschaft hierzulande bei durchschnittlich 28 Prozent. “Nicht zu verwechseln mit der Geburtenrate, die noch niedriger ist”, sagt Heribert Kentenich, Leiter des Fertility Centers Berlin auf dem Gelände des DRK-Klinikums Westend. “Die künstliche Befruchtung ist oft die letzte Möglichkeit auf dem Weg zum Kind”, sagt er. Nur wenn es medizinisch sinnvoll erscheint, rät er zur Reagenzglasbefruchtung.

Dabei macht er keine falschen Hoffnungen: Nur jede fünfte Frau bringt nach der ersten künstlichen Befruchtung ein Kind auf die Welt. Die Zahl der Totgeburten ist zweieinhalb mal höher und auch das Risiko, dass ein Kind behindert geboren wird, ist größer als bei einer natürlichen Schwangerschaft. Das macht wenig Mut, doch Kentenich hat auch Fakten, die Gutes versprechen: “Den meisten Paaren kann ich sagen, dass sie zumindest nach der dritten künstlichen Befruchtung wahrscheinlich schwanger sind”, sagt er.

Bea Schulz kennt auch die Risiken und Unwahrscheinlichkeiten einer Reagenzglasschwangerschaft. Trotzdem war sie voller Hoffnung, als sie zum ersten Mal eine solche Spezialpraxis aufsuchte. “Hier wird also unser Kind gemacht”, dachte sie sich damals. Ein Baby gehörte für sie und ihren Partner einfach zum gemeinsamen Leben dazu. Vier Jahre hatte sie versucht, auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Doch Schulz ahnte von Anfang an, dass das schwierig werden würde, denn ihr altes Verhütungsmittel, eine Kupferspirale, hatte sie fast unfruchtbar gemacht. “Beim Einsetzen der Spirale muss es zu einer Infektion gekommen sein, dadurch hat sich ein Eileiter entzündet, war verklebt und musste raus”, sagt Schulz.

Bei der Operation stellten die Ärzte fest, dass auch der zweite Eileiter nicht gesund war. Schulz blieb nur die künstliche Befruchtung und die begann mit der obligatorischen Hormonbehandlung, bei der sie sich am Anfang des Zyklus Hormone spritzen musste. “Mein Bauch war übersät mit blauen Einstichflecken.” Doch die Hormone wirkten, ihre Eizellen reiften heran und konnten am zwölften Zyklustag in einem ambulanten Eingriff entnommen werden. Die erste Hürde war geschafft – jedenfalls für Bea Schulz. Für Ärzte wie Peter Sydow, Leiter der Praxisklinik am Gendarmenmarkt , wird es in dieser Behandlungsphase spannend: Jetzt müssen er und sein Team beweisen, dass sie ihr Handwerk verstehen. “Manchmal sitzen wir bis spät abends im Labor und versuchen das zusammenzuführen, was auf natürlichem Wege nicht zueinander findet”, sagt er und erklärt die zwei Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung . Bei der In-Vitro-Fertilisation (IVF) werden die Samen unter dem Mikroskop einfach auf das Ei losgelassen. “Das macht man, wenn die Spermien eine gute Qualität haben”, sagt Sydow. Sind die Samenzellen langsam und schwach, führen die Ärzte ein Spermium mit einer Nadel in die Eizelle ein. Das nennt sich Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI).


“Jedes Mal wenn ich im Prenzlauer Berg die Mütter mit ihren Kinderwagen gesehen habe, wurde ich wütend und traurig”

Ein paar Tage dauert es, bis sich Ei und Samen so verschmolzen und geteilt haben, dass sie vor dem deutschen Gesetz als Mensch gelten. Wenn das soweit ist, spritzen die Ärzte den Embryo in die Gebärmutter der Frau. ” Das dauert wenige Minuten und ist schmerzlos”, sagt Sydow.

Bei Bea Schulz begannen die Schmerzen zwei Wochen, nachdem ihr der Embryo eingesetzt worden war. Es waren psychische Schmerzen: Ihre Ärztin rief an und sagte ihr, dass sie leider nicht schwanger sei. Schulz fühlte sich elend. Versagensangst, Schuld und Aggressionen plagten sie vor dem Schlafengehen, beim Arbeiten und auf der Straße. “Jedes Mal wenn ich im Prenzlauer Berg die Mütter mit ihren Kinderwagen gesehen habe, wurde ich wütend und traurig”, sagt sie.

Sie entschloss sich zu vier weiteren künstlichen Befruchtungen, doch es wollte einfach nicht klappen. Die wiederkehrenden Enttäuschungen belasteten ihre Beziehung, die Lust auf Sex war ihr ganz vergangen. “Ich dachte: Wenn kein Kind dabei rauskommt, bringt es doch nichts, wenn wir miteinander schlafen”, erinnert sie sich. Mit den Sexualitäts- und Beziehungsproblemen während der Behandlungszeit sind Bea Schulz und ihr Partner nicht allein: Mehr als die Hälfte aller unfruchtbaren Paare leiden unter Lustlosigkeit, viele Partnerschaften zerbrechen, wenn die Frau nicht schwanger wird. Eine gescheiterte künstliche Befruchtung kann so traurig machen wie ein Todesfall, mit dem Unterschied, dass niemand die Trauer so richtig verstehen kann. “Für die Paare stirbt dann das Kind, das sie nie hatten”, sagt Kathrin Steinke, systemische Therapeutin des Beratungsnetzwerks Kinderwunsch Deutschland . “Viele Paare isolieren sich dann von Freunden und Familie.”

Um die Enttäuschungen, die Schuldgefühle und die Beziehungsprobleme in den Griff zu bekommen, arbeiten die meisten Kinderwunschzentren mit Psychologen zusammen. Einige bieten zudem noch Extras wie Akupunktur. Doch was die Paare in die Praxen zieht, ist die individuelle Erfolgsquote. Sie soll Aufschluss über die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit nach der ersten IVF oder ICSI geben. “Bei uns lag sie immer bei 37 Prozent, jetzt konnten wir auf 38 Prozent erhöhen”, sagt Peter Sydow von der Praxisklinik am Gendarmenmarkt. Damit liegt er weit über dem Bundesdurchschnitt von 28 Prozent, aber in Berlin liegen fast alle darüber. Hier ist die Konkurrenz groß, nirgendwo in Deutschland gibt es eine größere Dichte an Kinderwunschzentren.

Doch so sehr sich solche Erfolgsquoten als Marketingstrategie durchgesetzt haben, überprüfbar sind sie nicht. Zum einen, weil die Ergebnisse, die die Reproduktionsmediziner an das Deutsche IVF-Register melden, nicht für die einzelnen Praxen veröffentlicht werden. Und zum anderen, weil die von einigen Praxen genannten Zahlen nach unterschiedlichen Methoden erhoben werden.

Und schließlich: Statistiken sagen über den Einzelfall wenig aus. “Es ist wie in der Natur”, sagt Heribert Kentenich vom Fertility Center, “je älter die Frau, desto unwahrscheinlicher die Schwangerschaft.” Deswegen ist die Erfolgsrate auch vom Klientel abhängig: 20-Jährige sind gut für die Statistik der Praxis, eine 45-Jährige kann die Zahlen verderben.

Eine Freude für jede Kinderwunschpraxis wäre wohl Sabine Müller-Künstler. Sie hat sich mit dem ICSI-Verfahren befruchten lassen, weil die Spermien ihres Mannes zu langsam waren. Müller-Künstler hatte Glück, sie war sofort schwanger. “Noch nie war ich so aufgeregt, wie an dem Tag, als ich erfahren habe, dass wir ein Baby bekommen”, sagt sie. Heute hat sie einen zweieinhalbjährigen Sohn, der nach einer unkomplizierten Schwangerschaft gesund zur Welt kam.


Zwischen 1993 und 2008 wurden 132 000 im Reagenzglas gezeugte Kinder geboren

Seit ein paar Monaten wundert er sich über den Bauch seiner Mutter, der immer dicker wird – Sabine Müller- Künstler ist wieder schwanger. Im September wird sie ein Mädchen zur Welt bringen. Auch dieses Baby wurde im Reagenzglas gezeugt und wieder hat es beim ersten Mal geklappt.

Dass ihr Familienglück seinen Preis hatte, haben Müller-Künstler und ihr Mann in Kauf genommen. 1500 Euro Zuzahlung kostet eine künstliche Befruchtung für verheiratete Paare. Die Kasse zahlt für maximal drei Versuche die andere Hälfte. Nicht-verheiratete müssen den Gesamtpreis alleine zahlen. “Eine Unverschämtheit, dass Frauen überhaupt dafür bezahlen müssen”, sagt Klaus Bühler vom Deutschen IVF-Register. Seit 1982 sammelt das Register Daten zur künstlichen Befruchtung, auf deren Grundlage weltweit geforscht wird.

“Man will Frauen gleichstellen und lässt sie Karriere machen, aber gleichzeitig erschwert man ihnen das Kinderkriegen, indem man sie zur Kasse bittet”, schimpft Bühler. Schließlich seien die meisten Frauen hierzulande nach einer Karriere nicht mehr im besten fruchtbaren Alter. Bei den schlechten Geburtenraten sei die Gesellschaft aber auf Frauen mit Kinder wunsch angewiesen und so brauche man die Reproduktionsmedizin. Zwischen 1993 und 2008 wurden 132 000 Kinder geboren, die im Reagenzglas gezeugt wurden.

Wie viel Geld Bea Schulz und ihr Partner für die insgesamt fünf künstlichen Befruchtungen ausgegeben haben, rechnet sie lieber nicht so genau nach. Sie sind nicht mehr in den Urlaub gefahren und haben auch auf anderen Luxus verzichtet. Zum Schluss schien sich das alles dann doch noch auszuzahlen. Bea Schulz wurde endlich schwanger. Zwillinge. Doch der Freude folgte die größte Trauer ihres Lebens: Die Kinder starben noch im Mutterleib. Während der Totgeburt erzählte ihr eine Schwester, dass sie das gleiche Schicksal erlitten hatte – ihre Babys kamen auch tot auf die Welt, obwohl sie auf natürlichem Wege schwanger geworden war. “Irgendwie hat mich das getröstet”, sagt Bea Schulz, in der die Hoffnung weiterlebt: Vielleicht will sie es bald noch einmal versuchen – als allerletzte Möglichkeit.


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