Hintergrund: Die wichtigsten Behandlungsmethoden der Reproduktionsmedizin

Eine Übersicht über die wichtigsten Behandlungsmethoden für den “Nachwuchs aus der Petrischale”


Befruchtung in der Petrischale: In-Vitro-Fertilisation (IVF)

Was passiert bei dieser Behandlung? Bei jeder Kinderwunschbehandlung müssen zuerst die Hormonen mitspielen. Und dazu bedarf es einiger Vorbereitung. Der Klassiker ist das “lange Protokoll”: Die Eierstöcke der Frau mit Kinderwunsch sollen den eigenen Zyklus für einen Monat aussetzen. Dazu wird ein Hormonpräparat gespritzt. In der Fachsprache heißt das “Downregulation”. In der anschließenden zweiwöchigen Stimulation mit Hormonen sollen die Eierstöcke fünf bis fünfzehn Eibläschen (Follikel) gleichzeitig herausbilden. Wenn die auf eine Größe von 16 bis 20 Millimetern angewachsen sind, wird der Eisprung durch eine weitere Hormonspritze ausgelöst. Nach 36 Stunden entnimmt der Arzt die gereiften Eizellen mittels einer langen Kanüle durch die Scheidenwand aus den Eierstöcken. Der Eingriff dauert zwischen fünf und zehn Minuten und wird per Ultraschall überwacht. Er wird meist unter einer leichten Vollnarkose durchgeführt.

Außerhalb des Körpers beginnt jetzt der wichtigste Teil der In-Vitro-Fertilisation (lateinisch: Befruchtung im Glas). Die aufbereiteten Samen des Mannes werden in einer Petrischale mit den Eizellen zusammengebracht. Wenn nach 18 Stunden sogenannte Vorkerne in den Eizellen sichtbar werden, hat die Befruchtung funktioniert. Der Experte wählt dann unter den mit Samenzellen versehenen Eizellen maximal drei aus, die zu entwicklungsfähigen Embryonen kultiviert werden sollen. Die anderen werden entweder für spätere Behandlungen eingefroren oder verworfen. Wenn sich die befruchtete Eizelle zum ersten Mal geteilt hat, gilt sie als Embryo. Nach zwei bis fünf Tagen werden zwei bis drei dieser Embryonen durch einen dünnen Schlauch in die Gebärmutter gegeben. Gut zwei Wochen später steht dann fest, ob es mit der Schwangerschaft geklappt hat. Wird nur ein Embryo eingepflanzt, liegt die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit bei etwa 15 Prozent, bei mehreren steigt sie auf bis zu 50 Prozent. Dafür wächst aber auch das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft.

Für wen ist diese Methode geeignet und welche Risiken bestehen? 1978 wurde das erste durch IVF gezeugte Kind geboren. Die Methode wurde seitdem ständig weiterentwickelt. Die Erfolgsquote, das heißt Schwangerschaftsrate pro Behandlung, liegt heute in Deutschland bei etwa 30 Prozent. Sie ist aber besonders vom Alter der Frau und des Mannes abhängig. Bei älteren Frauen ab Anfang bis Mitte 30 nimmt die Fruchtbarkeit ab und es steigt das Risiko einer Fehlgeburt (Abort). Die Abortquote lag laut Deutschem IVF-Register im Jahr 2007 bei 21,4 Prozent. Auf Reisen in entlegene Länder sollten Frauen nach der Befruchtung für eine Weile verzichten, denn fachärztliche Hilfe sollte jederzeit erreichbar sein, falls es zu Komplikationen wie dem Überstimulationssyndrom kommt: Dabei können sich größere Wassermengen im Bauch ansammeln. Wird dann nicht gehandelt, droht zum Beispiel die Verstopfung von Blutgefäßen (Thrombose).


Umgehung der Hürden: Intrazytoplasmatische Insemination (ICSI)

Was passiert bei dieser Behandlung? Im Gegensatz zur IVF, bei der etwa 100 000 Samenzellen zur Eizelle gegeben werden, setzt ICSI nur auf die eine, die direkt in die Eizelle injiziert wird. “Bei dem Verfahren werden die Hürden zur Eizelle für das Spermium einfach umgangen”, sagt Babette Remberg, eine der beiden Reproduktionsmedizinerinnen des Kinderwunschzentrums am Innsbrucker Platz . Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Befruchtung gelingt. Auch hier durchlaufen Paare zuerst das “lange Protokoll”. Anschließend werden die Embryonen wie bei der IVF eingeführt. ICSI ist laut Deutschem IVF-Register mit fast 30 000 Behandlungen 2008 die am häufigsten angewandte Methode in der Reproduktionsmedizin in Deutschland.

Für wen ist diese Methode geeignet und welche Risiken bestehen? ICSI wird vor allem dann durchgeführt, wenn die Spermienqualität des Mannes schlecht ist, die Samen also zu langsam sind oder ihre Zahl zu gering – oder nach erfolglosen IVFV ersuchen. Weil die gesetzlichen Krankenkassen sich nur an den Kosten für drei Behandlungszyklen beteiligen und die Chancen auf eine Befruchtung bereits beim ersten Versuch höher sind als bei IVF, würde heute oft von vornherein auf Nummer sicher gegangen und ICSI angewandt, sagt Babette Remberg. Die Risiken für die Paare sind ähnlich denen bei IVF, die Zahl der Fehlgeburten liegt bei 20,5 Prozent. Internationale Studien hätten bisher kaum einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung eines Kindes und seiner Zeugungsart festgestellt, sagt die Reproduktionsmedizinerin Remberg. “Eher das Alter der Paare spielt die entscheidende Rolle.”


Auf Eis gelegt: Kryotransfer

Wenn der erste Anlauf einer Schwangerschaft scheitert, müsste die Prozedur von vorn beginnen. Deshalb entscheiden sich viele Paare für die Kryokonservierung. Überzählige befruchtete Eizellen können eingefroren und für den erneuten Schwangerschaftsversuch verwendet werden. Bei minus 196 Grad sind sie in Stickstoff gekühlt über Jahre hinweg haltbar. Diese befruchteten Eizellen gehen nach dem Auftauen dann den gleichen Weg, wie bei der IVF. Einige Tage nach dem Eisprung können dann die Embryonen eingesetzt werden. Auch hier ist wieder Timing gefragt: “Die Reflexion im Ultraschall, die Dicke der Gebärmutterschleimhaut und die Hormonwerte zeigen den richtigen Zeitpunkt, zu dem die Embryonen in die Gebärmutter gegeben werden.” Zur Unterstützung können auch Hormonen verabreicht werden.

Für wen ist diese Methode geeignet und welche Risiken bestehen? Die Möglichkeit zur Kryokonservierung befruchteter Eizellen haben alle Frauen, die mehr Eibläschen bei der Vorbereitung entwickeln konnten, als für den Behandlungszyklus notwendig waren. Den Auftauvorgang überleben inzwischen durch neue Techniken etwa 90 Prozent der befruchteten Eizellen. Oft hätten Eltern Angst, dass ihr Kind durch das Einfrieren der Eizelle Schäden davontrage, sagt Fachärztin Babette Remberg. Wenn die Eizellen den Auftauprozess überstanden haben, seien sie aber genauso entwicklungsfähig wie frisch entnommene.


In die Chromosomen schauen: Polkörperdiagnostik (PKD)

Bei dieser Methode werden die sogenannten Polkörper untersucht. “Das sind abgeschnürte Chromosomen, die so keine Rolle mehr für die Entwicklung der Eizelle spielen”, sagt Babette Remberg. Polkörper sitzen an der Eizelle und können indirekt Rückschluss auf ihre Gesundheit geben. Zeigt sich bei der Untersuchuchung, dass in einem Polkörper zu wenige oder zu viele Chromosomen vorhanden sind, wird die Eizelle nicht eingesetzt. Das größte Problem bei der PKD: Nur der Chromosomensatz der Mutter kann untersucht werden, Gendefekte des Vaters lassen sich so nicht erkennen.

Für wen ist diese Methode geeignet und welche Risiken bestehen? Diese Form der Diagnostik ist in der Fachwelt umstritten. Vor allem für ältere Frauen mit Kinderwunsch, bei denen Chromosomenverteilungsstörungen in den Eizellen häufig vorkommen, könnte eine PKD sinnvoll sein. Statistiken belegten aber, dass die PKD nicht zu mehr Kindern führt, sagen Experten. “Wir haben uns gegen diese Methode entschieden, weil wir glauben, dass diese Form der Diagnostik noch nicht das erfüllt, was sich die Menschen von ihr erhoffen”, sagt Remberg.


Auf den Inhalt kommt es an: Testikuläre Spermienextraktion (TESE)

Wenn keine Spermien im Ejakulat des Mannes gefunden werden, bedeutet das nicht automatisch, dass das Paar kinderlos bleiben muss. Denn die Hoden können trotzdem Vorstufen von Samenzellen produzieren. Ob das so ist, muss von Spezialisten untersucht werden. Dazu wird Hodengewebe an mehreren Stellen in einer kurzen Operation entnommen. Wenn Samenzellen gefunden werden, gibt es Grund zur Hoffnung. Die Menge und Beweglichkeit der gewonnen Samenzellen würde zwar für eine In-Vitro-Fertilisation – Eizelle und Samenzellen sollen sich dabei von selbst vereinigen – nicht ausreichen. Mit ICSI ist die Befruchtung aber möglich. Samenzellen im Hodengewebe können wie die befruchteten Eizellen eingefroren und bei späteren Behandlungen aufgetaut werden.

Für wen ist diese Methode geeignet und welche Risiken bestehen? TESE bietet Paaren, bei denen der Mann “unfruchtbar” ist, die Möglichkeit, doch ein Kind zu bekommen. Die Chancen auf einen Erfolg sind ähnlich wie bei den anderen Methoden. “Es kommt bei Samenzellen nicht darauf an, wie sie sich bewegen, sondern darauf, was in ihnen steckt”, erklärt Reproduktionsmedizinerin Babette Remberg. Die gewonnenen Samenzellen sind also nicht “schlechter”, als die in normalem Ejakulat. “Es müssen sehr viele Faktoren zusammenfinden, damit es mit der Schwangerschaft klappt”, sagt die Medizinerin Remberg. Für die Paare bedeutet das viel Einsatz und Geduld, aber eben auch die Chance auf ein eigenes Kind.




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