„Es gibt viele Mythen“

Die Gründe für Kinderlosigkeit sind vielfältig. Manchmal ist der Wunsch einfach zu stark.

Ein unerfüllter Kinderwunsch kann Paare emotional sehr belasten. Welche Probleme plagen dabei am meisten?

Erstens kann es sein, dass ein oder beide Partner Schuldgefühle entwickeln und sich unvollkommen fühlen, gerade wenn organische Ursachen für die Unfruchtbarkeit vorliegen. Zweitens kann die Beziehung leiden, wenn Missverständnisse und Kommunikationsschwierigkeiten entstehen, zum Beispiel, wenn sich die Partner unterschiedlich stark ein Kind wünschen, zu unterschiedlichen Behandlungsmaßnahmen bereit sind oder wenn es um den Zeitpunkt für den nächsten Schritt geht. Das kann auch zu Beeinträchtigungen im sexuellen Erleben führen. Drittens gibt es oft Probleme, die mit dem sozialen Umfeld zu tun haben. Etwa dann, wenn die Eltern oder Freunde zu dem Thema oft nachfragen und vermeintlich gute Ratschläge geben. Die Reaktionen der Umwelt werden oft als wenig hilfreich wahrgenommen und können Rechtfertigungsdruck, Scham und Trauer sowie Gefühle des Ausgeschlossenseins auslösen.


Kann es für das Ausbleiben einer Schwangerschaft auch psychologische Ursachen geben?

Nur rund fünf Prozent der Fruchtbarkeitsstörungen sind psychisch oder besser gesagt verhaltensbedingt. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn eine schwere Essstörung vorliegt, extremer Leistungssport, Medikamenten- oder Genussmittelmissbrauch betrieben wird oder das Paar beispielsweise an den fruchtbaren Tagen keinen Sex praktiziert oder keine Behandlung beginnt, auch wenn die Entscheidung dazu getroffen wurde. Ich finde es wichtig, den Paaren zu vermitteln, dass es viele Mythen zu ungewollter Kinderlosigkeit gibt: Zum Beispiel, dass zu viel Stress dahinter stehe, eine “unbewusste” Ablehnung eines eigenen Kindes, ein zu starker Wunsch nach einem Kind oder einschlechtes Verhältnis zur eigenen Mutter beziehungsweise zur eigenen Weiblichkeit. Das setzt vor allem die Frauen unnötig unter Druck. Stattdessen sollte bei fortbestehendem unerfülltem Kinderwunsch erstens eine Diagnostik zum Ausschluss organischer Ursachen durchgeführt werden sollte. Und bei jedem zehnten Fall kann man einfach keine Ursache für das Ausbleiben einer Schwangerschaft finden.


Mit welchen Belastungen müssen Paare während der Behandlung rechnen?

Zum einen ist die Therapie sehr zeitaufwendig und streckenweise an einen engen Zeitplan gebunden. Die Paare müssen akzeptieren, dass sie während der Behandlung nicht die volle Kontrolle über deren Verlauf und das Ergebnis haben. Zum anderen muss das Paar mit dem ganz natürlichen Auf und Ab der Gefühle, Hoffen, Bangen, vielleicht auch Enttäuschung und Trauer, während der Kinderwunschbehandlung umgehen lernen. Die hormonelle Stimulation, mit der die Eiproduktion der Frau angeregt werden soll, hat zudem oft Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen und Gereiztheit zur Folge. Auch das Risiko von Mehrlingsschwangerschaften, Frühgeburten und von Fehlbildungen ist ein Thema, obwohl gerade diese Frage oft verdrängt wird, weil sich die Paare zunächst nur darauf konzentrieren, wie toll es wäre, wenn ein Kind kommt.


Passiert es, dass der verzweifelte Wunsch nach einem Kind andere Beziehungsprobleme übertünchen soll?

Das wird Paaren oft von außen unterstellt. Doch in der Beratung geht es darum, den Kinderwunsch zu akzeptieren und zu schauen, wie man den Paaren helfen kann, damit umzugehen. Für die meisten sind Kinder fester Bestandteil der Lebensplanung und nur sehr wenige gehen davon aus, dass es aus irgendeinem Grund nicht klappen könnte. Grundsätzlich sollte der Kinderwunsch deshalb nicht in Frage gestellt werden.


Unterscheiden sich die Probleme der Paare eigentlich danach, ob die Fruchtbarkeitsstörung beim Mann oder der Frau diagnostiziert wurde?

Das kommt darauf an, ob und wie Paare mit Schuldzuweisungen umgehen. Zunächst einmal ist es die Frau, die die Stimulationsbehandlung machen muss, auch wenn die Ursachen eigentlich beim Mann liegen. Es kann sein, dass die Partnerin ihrem Mann dann Vorwürfe macht: “Jetzt bin ich nicht mal schuld und muss trotzdem die ganze Behandlung auf mich nehmen.” Doch auch, wenn Vorwürfe keine Rolle spielen, büßen Männer oft an Selbstwertgefühl ein, wenn sie sich verantwortlich für den unerfüllten Kinderwunsch fühlen. Raten sie paaren, ihr soziales umfeld einzuweihen, sobald sie sich für eine kinderwunschbehandlung entschieden haben? Die Partner sollten sich gut überlegen, wem sie davon erzählen. Sie sollten sich fragen: Steht der andere unserem Problem und unserer Entscheidung wohlwollend gegenüber? Welches Verhalten erwarte ich von ihm? Das gilt für Freunde, Verwandte und insbesondere für Arbeitskollegen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass am Arbeitsplatz, vor allem bei behandlungsbedingten Fehlzeiten nachgefragt wird, wie denn die Behandlung verläuft. Deshalb sollten sich die Betroffenen vorher klar machen, ob sie darauf immer Antwort geben möchten und ständig von anderen mit dem Thema konfrontiert werden wollen.


Wann ist der richtige Zeitpunkt, die Kinderwunschbehandlung abzubrechen?

Das legt jedes Paar für sich selbst fest, und es ist unterschiedlich. Manche versuchen es nur ein, zwei Mal, was auch eine Kostenfrage ist. Andere nehmen mehr als zehn Behandlungen auf sich. Wieder andere legen dazwischen längere Pausen ein. Dabei geht es nicht nur um die psychische und physische Belastbarkeit. Die Zahl der Versuche hängt auch davon ab, wie viele Versuche sich das Paar überhaupt leisten kann und wie weit es bereit ist zu gehen. Wichtig ist auch, dass das Alter der Frau ein limitierender Faktor ist. Auch wenn in den Medien oft suggeriert wird, man könnte jederzeit ohne Probleme schwanger werden, sieht die Wirklichkeit in Zahlen anders aus.


Wie können Paare lernen, mit einem unerfüllten Kinderwunsch zu leben?

Wenn sich im Verlauf oder am Ende der Kinderwunschbehandlung abzeichnet, dass das Ziel unerreichbar bleibt, geht es auch darum, sich damit abzufinden. Das ist oft ein langer, schmerzhafter Prozess. Die betroffenen Paare sollten sich fragen, welchen Plan B sie haben, ob es Bereiche im Leben gibt, die auch wichtig sind, die vielleicht sogar zu kurz kommen, während der Kinderwunsch im Zentrum stand. Vielleicht gibt es berufliche oder soziale Projekte, die der oder die Betroffene verwirklichen möchte, etwas, das die Partnerschaft auf eine andere Weise bereichern kann. Vielleicht gelingt es auch, sich für Kinder in einer anderen Art und Weise zu engagieren. Es gibt kein Patentrezept, das sagt, ‚wenn Sie das und das machen, dann wird alles gut’.



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