Reportage: Augen im Fadenkreuz

Sehschwächen durch den Einsatz eines Lasers zu korrigieren, wird immer beliebter. Wenn alles gut geht, haben die Patienten 100 Prozent Sehkraft – aber es bleiben Risiken

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Grafik: Focus/SPL, René Reinheckel

Anja Herrmann* hat sich nur ganze zwei Wochen zuvor spontan entschlossen. Und ist sich nun, wenige Minuten vor der Operation, ihrer Entscheidung immer noch sehr sicher. “Ich habe keine Angst”, sagt die 33-Jährige. “Und keine Zweifel.” Selbst als ihre Mutter warnte, lass das doch, jede operation hat Risiken, hat sie das einfach weggewischt. Anja Herrmann sitzt im Wartezimmer der Augenklinik am Wittenbergplatz.

Billig ist es nicht. Die Patientin wird für beide Augen 3500 Euro auf den Tisch legen müssen

In wenigen Augenblicken wird sie im OP liegen, winzige Laserstrahlen werden dann in beide Augen gefeuert, um sie so von ihrer Brille zu befreien. Die Sehhilfe habe sie schon seit Jahren genervt, sagt die Spandauerin. Bereits seit dem 13. Lebensjahr muss sie eine Brille tragen. Auch jetzt, kurz vor der OP, kommt sie nicht ohne aus. Sie hat jetzt minus 4,5 Dioptrien auf beiden Augen – moderat kurzsichtig, wie Optiker sagen. Das Brillengestell hat sie noch mit viel Modebewusstsein ausgesucht: ein filigranes Metallgestell mit goldenen Einlagen hält die beiden teuren Kunststoffgläser. “Habe ich mir vor einem halben Jahr machen lassen”, sagt Anja Herrmann. Und macht eine wegwerfende Handbewegung. “Egal, ich bin froh, wenn ich sie los bin.” Auch wenn der Eingriff nicht ganz billig ist. Knapp 3500 Euro wird sie für beide Augen auf den Tisch legen müssen. Sie hat eine Operationsmethode gewählt, mit der die manchmal nach dem Eingriff auftretende Blendempfindlichkeit minimiert werden kann.

Dafür kam ihr die Abfindung von einigen tausend Euros, die sie durch einen Jobwechsel bekam, gerade recht. “Ich konnte es mir jetzt leisten, und ich leiste es mir jetzt.”

Doch mit dem Willen und der Finanzierung ist die Laser-Operation, bei der eine Linse direkt in die Hornhaut “modelliert” wird, noch lange nicht sicher. Bevor ein Patient unter dem Laser landet, muss er in der Augenklinik Wittenbergplatz, so wie bei den meisten Augenlaser-Zentren, an zwei Instanzen vorbei: einer Optometristin – einer Fachfrau für die Vermessung des Auges – und einem Augenarzt. Beide sollen prüfen, ob man überhaupt geeignet ist für den Eingriff. Denn es gibt durchaus Gründe, die gegen eine Laser-OP sprechen, bestimmte Vorerkrankungen beispielsweise.

Geeignet sei das Verfahren besonders für jüngere Menschen in den 20er und 30er Lebensjahren, sagt Thomas Pahlitzsch, leitender Operateur und Chefarzt der Augenklinik. Also die Altersgruppe, bei denen die Augen schon so weit entwickelt sind, dass sich die Sehkraft nur noch minimal verändert, bei denen gleichzeitig aber das Zoomen der Linse noch problemlos möglich ist. Spätestens ab Mitte 40 verlieren nämlich die Linsen zunehmend an Flexibilität. Dann dauert es immer länger, den Blick von einem entfernteren auf ein nahe liegendes Objekt zu fokussieren. Aber nicht nur das Alter entscheidet. Die Spanne der Fehlsichtigkeit, die mit dem Laser korrigiert werden kann, ist eingeschränkt. Laut Augenärzteverband ist die Lasik eine wissenschaftlich abgesicherte Korrekturmethode bei Menschen mit einer Kurzsichtigkeit bis minus acht, bei Weitsichtigkeit von plus drei und einer Hornhautverkrümmung bis maximal plus drei Dioptrien.

Auch die Dicke der Hornhaut im Auge spielt bei der Entscheidung eine Rolle. Denn es muss ausreichend Gewebe vorhanden sein, um davon Teile so entfernen zu können, dass die Linse entsteht. Unter einer Stärke von 500 Mikrometern werden die meisten Operateure eine Lasik-OP ablehnen.

Laserzentren stehen unter einem großen Konkurrenzdruck

Und hinzu kommt als nichtkörperlicher Faktor die Fähigkeit, die Anweisungen des Arztes für die Zeit nach der Operation zu verstehen und zu befolgen. Denn einer der Hauptgründe für spätere Komplikationen sei ein falsches Verhalten der Patienten, sagt Pahlitzsch. Wenn man beispielsweise die Augen wegen des Juckreizes stark reibe, könnte die noch nicht verheilte Hornhaut-Oberfläche wieder aufreißen und so Infektionskeimen die Tür öffnen. Dazu gehört auch, dass man die Nachuntersuchungstermine wahrnimmt.

Doch wird das tatsächlich immer so eng gesehen? Immerhin stehen die Augenlaserzentren unter einem großen ökonomischen Druck. Diese “Lasik” genannte Methode erlebt seit den 90er Jahren einen wahren Boom. Immer mehr Augenärzte stellen sich computergesteuerte Laser-Geräte in ihre Praxen, die leicht eine halbe Million Euro kosten können; allein in Berlin werben rund 20 Lasik-Center und -Kliniken um Kunden. Mittlerweile lassen sich in Deutschland jährlich schätzungsweise zwischen 50 000 und 90 000 Menschen ihr Augenlicht per Laser korrigieren.

Gerade in Berlin sei die Konkurrenz besonders stark, sagen Insider. Wohl auch vor diesem Hintergrund gibt es immer wieder Vorwürfe an die Branche, manche Anbieter würden nicht ausreichend aufklären und selbst Risikopatienten nicht von der OP abhalten.

Beide, sowohl der Augenarzt, der die Voruntersuchungen vornimmt, wie die Optometristin der Augenklinik am Wittenbergplatz versichern nachdrücklich, dass sie unbeeinflusst von wirtschaftlichen Interessen nach rein medizinischen Gründen entscheiden könnten, ob jemand gelasert wird. “Wir beurteilen das nach den wissenschaftlichen Leitlinien.”

Das ist schon eine konkrete Selbstverpflichtung, denn eine solche Aussage – die die meisten anderen Kliniken wahrscheinlich ebenso betonen würden – können Interessenten leicht selbst nachprüfen. Denn die Laserzentren bieten kostenlose Erst-Beratungsgespräche oder Informationsabende an. Und schon da kann man sich als potentieller Kunde die Fragen stellen: War die Beratung über das Für und Wider einer Laser-OP ausführlich und seriös? Wurde ich über die Operationsrisiken aufgeklärt? Ließ man mir Zeit für die Entscheidung und auch zur Einholung einer Zweitmeinung?

Und auch die Fragen nach der Krankengeschichte und die ausführlichen Untersuchungen sind weitere Hinweise. Wie umfangreich fiel die Voruntersuchung aus, zu der zum Beispiel die Sehstärkenbestimmung, die Hornhautdicke-Messung und eine Spaltlampenuntersuchung des Augenhintergrundes gehören? Wurde ich nach besonderen Arbeitsumständen und meinen Hobbys gefragt?

Diese Untersuchungen sind jedoch meist nicht mehr kostenlos, sondern gehören zum “Gesamtpaket” der Laser-Behandlung dazu. Entscheidet sich der Patient danach ohne medizinischen Grund gegen den Eingriff, stellt die Praxis diese Untersuchung in Rechnung. In der Augenklinik am Wittenbergplatz zum Beispiel wären dann rund 100 Euro fällig.

Auch deshalb hat die Stiftung Warentest – bereits vor sieben Jahren – fünf Berliner und zwei überregionale Augenlaserzentren unter die Lupe genommen und dabei nicht etwa die Behandlungsqualität bewertet, sondern die Qualität der Beratung und Untersuchung vor der Operation. Die meisten Häuser schnitten dabei gut ab. Doch wie gesagt: der Test stammt aus dem Jahr 2006.

Entscheidend sind die Vorgespräche. Wurde ich aufgeklärt? Bin ich überhaupt für die OP geeignet?

Wenn es dann zum Eingriff kommt, geht alles sehr schnell. Die Laseroperation läuft eigentlich immer nach dem gleichen Muster ab. Zunächst wird das Auge betäubt. Dann deckt der Arzt dem Patienten ein Tuch über das Gesicht, mit einem Loch für das zu operierende Auge, und bittet, auf ein rotes Licht über dem Kopf zu schauen. Mit einer Stahlklemme spreizt er die Lider. Zunächst drückt er einen Metallring, in dem ein Messer sitzt, fest auf den Augapfel, dann führt er die Klinge. Das OP-Feld beobachtet er unter dem Mikroskop. Wie bei einem Eierschneider trennt Thomas Pahlitzsch eine dünne Scheibe der Hornhaut des Auges fast ab. Mit einem Metallspatel nimmt er sie vorsichtig auf und klappt sie um. Die eben noch klare Haut über der Pupille ist plötzlich milchig. Der Hornhautlappen wird nach der Laserbehandlung wieder zurück geklappt, wo er die Wunde wie ein körpereigenes Pflaster dauerhaft verschließt.

Augen zu lasern ist arbeiten im Tausendstel-Millimeter-Bereich. Pahlitzsch richtet das Fadenkreuz auf das geöffnete Auge seiner Patientin aus. Immer wieder schaut der Arzt durch sein Okular, korrigiert, gibt über eine Computertastatur neue Steuerbefehle ein. Dann drückt Pahlitzsch den Auslöser. Laut knatternd jagen im Millisekundenabstand mehr als 3000 Laserblitze auf das Auge. Es sind unsichtbare Entladungen, denn der Laser arbeitet mit für Menschen nicht wahrnehmbarem ultraviolettem Licht; auf der Pupille sieht man nur den roten Zielpunkt. Bei jedem Schuss entsteht eine mikroskopisch kleine Blase auf der Hornhaut, ein Stück Gewebe verdampft. Bläschen für Bläschen “meißelt” Pahlitzsch eine Linse in die natürliche Hornhaut. “Wir machen mit dem Laser also eigentlich nichts anders, als der Optiker mit den Brillengläsern – wir schleifen die richtige Linse ein”, sagt Arzt.

Nur gut 20 Sekunden dauert der “Beschuss” pro Auge. Dann ist die Brille, die die Patientin vorher tragen musste, überflüssig. In der Regel jedenfalls. Bei weniger als fünf Prozent der Eingriffe muss zum Beispiel nachgearbeitet werden, weil nach der ersten OP nicht die richtige Sehstärke erreicht wurde, die Brille immer noch notwendig ist. Manchmal ist aber auch danach noch eine – schwächere Brille – nötig. Und bei unter einem Prozent der Patienten kann es zu schwereren Schäden an der Hornhaut kommen, etwa durch Infektionen. Schließlich trägt man Teile der Hornhaut ab, sie wird also geschwächt. Unter Umständen vernarbt das Gewebe und trübt das Augenlicht. Bei manchen Patienten treten Sehbeschwerden auf: Doppelbilder und Lichthöfe, vor allem in der Dämmerung.

Viel häufiger aber ärgern sich Kunden, weil die Sehkraft nach dem Eingriff nicht die gewünschten 100 Prozent erreicht. Natürlich erwarten die Patienten, dass der teure Laser sie von der Brille befreit – und sie nicht einfach nur eine schwächere tragen müssen.

Die Garantie, für immer ohne auszukommen, können die Ärzte aber nicht geben. “Aber natürlich ist es unser Ziel, dass man nach der Operation 100 Prozent Sehkraft besitzt”, sagt Pahlitzsch. Künftige Verschlechterungen der Sehkraft – Brillenträger kennen das, weil sie oft alle paar Jahre eine neue, stärkere Brille benötigen – kann der Laser jedoch nicht verhindern.




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