Reportage: Leben – möglichst gut, möglichst lang

Die Chemotherapie ist oft die letzte Station in einem jahrelangen Kampf gegen den Krebs. Doch entgegen ihres schlechten Rufes, kann sie Patienten mit urologischen Krebserkrankungen weitere lebenswerte Monate oder sogar Jahre schenken

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Grafik: SPL/ Fabian Bartel

Sie wissen, dass sie bald sterben müssen. Nicht auf den Tag genau. Vielleicht in einem halben Jahr. Vielleicht in zwei Jahren. Männer, die in die uro-onkologische Praxis von Wolfgang Hölzer kommen, haben oft schon eine jahrelange Behandlung hinter sich – Operationen, Bestrahlungen und Hormonbehandlungen. Jedes mal Hoffnung auf Heilung, und immer wieder Rückschläge. Und nun die ambulante Chemotherapie. Doch die bedeutet bei Patienten mit Prostatakrebs – im Gegensatz zu vielen anderen Krebserkrankungen – nicht eine weitere Therapieoption mit dem Ziel der Heilung. Hier geht es nur noch um die Verlangsamung des Krankheitsverlaufes und eine Verbesserung der Lebensqualität.


"Vorhersagen über meine Überlebenserwartung versuche ich auf Abstand zu halten", sagt Kai Hammerschmidt* (Name von der Redaktion geändert) mit heiserer Stimme. Er sitzt im Wartezimmer der Hohenschönhauser Praxis von Wolfgang Hölzer. Trotz seines weißen Haares und der rahmenlosen Brille strahlt der schlanke 65-Jährige mit seinen weißen Turnschuhen und blauer Jeans etwas Sportliches aus. Um den Hals trägt er ein feines blaues Tuch. Und auf dem Kopf eine weiße Kappe, die wie eine dick gepolsterte Ohrenmütze aussieht. Sie schützt sein Haar vor den Schäden einer Chemotherapie. Damit wirkt Hammerschmidt wie jemand mit einer Erkältung, nicht wie ein Todkranker.

 

Eine Stunde warten, bis der letzte Tropfen in die Vene geflossen ist

Dabei hat der 65-Jährige vor wenigen Tagen den vierten Zyklus einer Chemotherapie begonnen. Die heutige Behandlungsrunde hat er gerade hinter sich gebracht. Eben noch saß er in dem drei mal fünf Meter großen Behandlungszimmer seines Urologen. Eine Stunde lang wartete er in einem breiten blauen Lederstuhl, wie sie auch bei der Blutspende benutzt werden, bis der letzte Tropfen der Infusion aus dem Tropf hoch über seinem Kopf in die Vene seines linken Armes geflossen war. Während dessen war immer eine der fünf Arzthelferinnen der Praxis bei Hammerschmidt und den anderen Patienten, die eine Infusion bekamen. Sie ist nicht nur die erste Hilfe im Notfall. Sie hat auch ein Ohr für die alltäglichen Probleme der Patienten. In einer Woche wird Hammerschmidt wieder im Behandlungszimmer Hölzers sitzen.
Rückblende Anfang März 2010: Hammerschmidt besucht einen alten Freund in der Berliner Charité. Er liegt auf der Urologie im Betten-Hochhaus in Mitte, sechzehnte Etage. Vor wenigen Tagen entfernten Chirurgen dem Mann die Prostata, er litt unter einem bösartigen Tumor.


Das Schicksal seines Freundes mahnt Hammerschmidt, zur Prostatakrebsvorsorge zu gehen. Schon zwei Tage nach dem Krankenbesuch hat er einen Termin bei seinem Urologen. Er ist nicht zum ersten Mal bei ihm. Hammerschmidt ist schließlich selbst Arzt, Radiologe, und er weiß: Je früher Prostatakrebs erkannt wird, desto besser stehen die Heilungschancen.
Um ein Geschwür zu erkennen, tasten Urologen die Prostata nach verdächtigen Vergrößerungen ab. Oft lässt sich ein Tumor so aber erst in einem weit fortgeschrittenen Stadium diagnostizieren. Deshalb empfehlen viele Mediziner, Männern ab dem 45. Lebensjahr, ihren PSA-Wert zu kennen. PSA steht für Prostata-spezifisches Antigen. Dieses Eiweiß wird ausschließlich in der Prostata gebildet und dient Ärzten als Indiz für eine Tumorerkrankung. "PSA ist ein idealer Marker, den es bei keinem anderen Krebs gibt", sagt Hölzer. Ein niedriger Wert könne sicher einen Tumor ausschließen. Doch der Umkehrschluss – ein hoher PSA-Wert bedeutete Krebs – ließe sich nicht ziehen. Als verdächtig gelten eine schnell ansteigende Blutkonzentration des Stoffes oder erhöhte Werte – sie müssen aber nichts bedeuten, da die PSA-Konzentration durch Sport, Sex und Stöße gegen die Prostata erhöht werden kann. Früher galt ein PSA-Wert von mehr als vier Nanogramm pro Milliliter Blut als kontrollbedürftig. Heute sei die Diagnose jedoch differenzierter, sagt Hölzer: "Während ein 45-Jähriger Mann mit einem Wert von 2,5 Nanogramm pro Milliliter Blut sich weiter untersuchen lassen sollte, gilt der gleiche Befund bei einem 65-Jährigen mit vergrößerter Prostata als unbedenklich." Trotz der verfeinerten Diagnostik ist der PSA-Test unter einigen Medizinern umstritten und die Krankenkassen zahlen die anfallenden Kosten von bis zu rund 25 Euro nicht.

 

Der Krebs hat sich im Körper ausgebreitet, die Heilungschancen sinken

Hammerschmidts Arzt ertastete an der Prostata des damals 63-Jährigen eine kleine Verhärtung. Der Urologe schlägt einen PSA-Test vor, um den ersten Befund abzuklären. Kai Hammerschmidt lässt sich testen. Tatsächlich ergibt die Untersuchung im März 2010 einen erhöhten Wert von 4,5 Nanogramm. Vier Wochen später wird aus der Befürchtung ein Befund, die Gewebeprobe aus der Prostata enthält Tumorzellen. Diagnose Prostatakrebs.
Dem Patienten wird die Prostata, auch Vorsteherdrüse genannt, entfernt. Standardprozedere, aber trotzdem kein leichter Schritt für einen Mann. Denn es drohen bei einer solchen Operation Impotenz und Inkontinenz. Doch die Statistik spricht für diesen Eingriff: Rund 80 Prozent der Männer überleben die ersten zehn Jahre nach der Operation – wenn sich der Krebs noch nicht im Körper ausgebreitet hat.


Ärzte entfernten am 30. April 2010 bei einer radikalen Prostatektomie – wie der Eingriff im Fachjargon genannt wird – neben der Vorsteherdrüse auch umliegende Lymphknoten. Eine Vorsichtsmaßnahme, um sicher zu gehen, dass nicht kleine Teile des Tumors im Körper zurück bleiben. Doch in der anschließenden Untersuchung der entnommenen Knoten im Labor entdecken die Mediziner, dass der Krebs schon bis in diesen Teil des Körpers vorgedrungen ist.


Kein gutes Omen. Und es kommt noch schlimmer. Urologen messen den Erfolg der Operation am PSA-Wert. Doch Hammerschmidts PSA-Wert sinkt nicht auf Null, so wie er es sollte. Die Prostatakrebszellen sind bereits in andere Körperregionen gewandert und produzieren dort weiterhin das PSA. Der Tumor wächst also offenbar weiter. Auch die anschließende Hormontherapie, eine weitere Therapieoption, bei der dem Körper das Sexualhormon Testosteron entzogen wird, schlägt nicht an. Ohne dieses Hormon wachsen bösartige Prostatazellen langsamer. Doch der Tumor in Hammerschmidts Körper ist "hormonrefraktär" wie Ärzte sagen, das heißt, durch den Entzug des Geschlechtshormons kann sein Wachstum nicht gestoppt werden.


Im April 2011, ein Jahr nachdem ihm seine Prostata entnommen wurde, lässt sich Hammerschmidt das erste Mal von Wolfgang Hölzer beraten. "Beim Erstgespräch müssen wir erst einmal einen Konsens herstellen", sagt der Mediziner. Dem Facharzt für Urologie ist es wichtig, dass bei diesem ersten ein bis zwei Stunden dauernden Gespräch auch der oder die Lebensgefährte/in des Patienten dabei ist, damit es später zu Hause keine Missverständnisse und zusätzliche Belastungen gebe. "Wir tun alles, um ein lebenswertes Leben mit der Erkrankung zu ermöglichen. Doch der Patient muss verstehen, dass er wahrscheinlich nicht geheilt werden kann.", sagt Hölzer. Erst danach könne man gemeinsam über die Behandlungsziele reden. Auf einen Nenner gebracht, gehe es darum "so gut wie möglich und so lange wie möglich zu leben". Da sind sich auch Hölzer und Hammerschmidt einig.

 

Die Chemo hat wegen der unerwünschten Nebenwirkungen ein mieses Image - zu Unrecht, sagt der Mediziner

Wie auch bei Kai Hammerschmidt haben bei den meisten Patienten, die bei Hölzer vorstellig werden, andere Therapien versagt. Chemotherapien arbeiten mit so genannten Zytostatika. Das sind Zellgifte, die Stoffwechselvorgänge behindern und so das Zellwachstum verlangsamen. Doch das betrifft erst einmal alle Körperzellen. Aber: "Das Wachstum der Tumorzelle soll stärker gehemmt werden, als das der gesunden Zellen", erklärt Hölzer das Wirkprinzip einer Chemotherapie. Obwohl Mediziner seit Jahrzehnten daran arbeiten, konnten bisher keine Verfahren entwickelt werden, die ausschließlich die Krebszellen attackieren. Bei jeder Chemotherapie wird also auch gesundes Gewebe geschädigt – deshalb leiden Patienten manchmal unter ausfallendem oder weiß werdendem Haar, Nagelschäden und Schleimhautproblemen. Bei solchen Komplikationen arbeite Hölzer eng mit seinen Kollegen anderer Fachrichtungen in der Poliklinik zusammen. Leidet der Patient beispielsweise unter Hautirritationen, überweist der Uro-Onkologe ihn zum Hautarzt des Ärztehauses ein Stockwerk tiefer. Hölzer sieht in der räumlichen Nähe einen großen Vorteil. "Wir können die Therapie gemeinsam mit allen Unterlagen von Angesicht zu Angesicht besprechen und so besser auf einander abstimmen", sagt Hölzer.


Eine weitere Nebenwirkung ist die Störung der Blutbildung, wenn das Zellwachstum des Knochenmarks – die Produktionsstätte des Blutes – durch die Zytostatika gestört wird. Werden weniger weiße oder rote Blutkörperchen im Knochen gebildet, drohen Immunschwäche und Blutarmut. Hölzers Team muss deshalb auch zwei bis dreimal in der Woche Bluttransfusionen verabreichen, um den Mangel des lebenswichtigen Stoffes zu kompensieren. Nebenwirkungen wie ständige Übelkeit und Erbrechen gehörten jedoch praktisch der Vergangenheit an, sagt der Urologe.


Trotzdem habe die Chemotherapie noch immer ein übles Image. Was der Arzt nicht recht nachvollziehen kann. Der Wirkstoff Docetaxel beispielsweise entspringe ursprünglich der Europäischen Eibe, der Taxus baccata. Also quasi ein rein pflanzlicher Wirkstoff, der im Labor mithilfe chemischer Prozesse gewonnen und konzentriert werde – das ist wichtig, um das Medikament später genau dosieren zu können.

 

Trotz der ungewissen Zukunft und der Strapazen hat sich Hammerschmidt seinen Lebensmut bewahrt

Im Juli und August 2011 erhält Hammerschmidt seine erste Chemotherapie. In drei Zyklen wird ihm der Wirkstoff Docetaxel injiziert. Die Nebenwirkungen halten sich in Grenzen. Während Hammerschmidt in Hölzers Praxis das Medikament erhält, trägt er die weiße Kappe, die seine Kopfhaut kühlt. Durch die verminderte Hauttemperatur werden die Haarwurzeln schwächer durchblutet, so gelangt weniger des Wirkstoffes in die Kopfhaut. Das schont das Haar. Das des 65-Jährigen ist zwar weiß aber immer noch voll. Mediziner raten auch, während der Behandlung den Mund zu kühlen. Eiswürfel oder gefrorene Früchte schützen die Schleimhäute. Trotzdem hört man Hammerschmidt an, dass die Therapie nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist, denn er spricht mir heiserer Stimme, oft räuspert er. Die Therapie schlägt an, der Tumor wird vorerst in Schach gehalten und die PSA-Konzentration sinkt schnell.


Zeit zum Aufatmen. Trotz all der Strapazen, der Operationen, der häufigen Arztbesuche und der Ungewissheit über die Zukunft, hat sich Hammerschmidt seinen Lebensmut bewahrt. Hammerschmidt ist leidenschaftlicher Wind- und Eissurfer. Weder die 65 Jahre, die hinter ihm liegen noch seine Krankheit können ihn davon abhalten. "Ich will nicht wie andere in das Fatigue-Syndrom fallen", sagt Hammerschmidt. Aus dem Französchichen übersetzt bedeutet Fatigue "müde" oder "erschöpft" zu sein. Chronische Krankheiten können neben der physischen Belastung die Betroffenen auch psychisch auslaugen. Hammerschmidt kämpft dagegen an.


Trotzdem ist ihm klar, dass er unheilbar krank ist. "Solange der PSA-Wert unten bleibt, geht es einem gut und man hat Hoffnung." Doch jeder Anstieg des Krebsmarkers lässt ihn bangen – so auch Neujahr 2012. Da stieg der Wert erneut auf über 4,5. Wird sich die PSA-Konzentration wieder senken? Ist der Anstieg nur ein Ausrutscher oder beginnen die Tumorzellen erneut zu wuchern? Wird die nächste Chemotherapie wirken? "Ich schaue nach vorn", sagt Hammerschmidt. "Ich versuche mich von den Prognosen nicht verrückt machen zu lassen. Den Zeitraum, der mir bleibt, will ich solange wie möglich in die Länge ziehen." Dabei lächelt er. Im Jetzt zu leben, die Zeit zu genießen, das ist eine der positiven Nebenwirkungen, wenn man weiß, dass einem nicht mehr unbegrenzt Zeit zur Verfügung steht.



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