Reportage: Fallschirm im Auge

Im Alter kommt der Graue Star. Betroffene sehen nur noch verschwommen. Bei einer Operation wird eine Kunstlinse eingesetzt – ein Eingriff fast ohne Blut und Schmerzen

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Grafik: SPL, Fabian Bartel


Strahlendes Sonnenlicht fällt durchs Fenster. Das Milchglas schwächt es ein wenig ab, der Raum ist dennoch gleißend hell. Ein Dutzend kleine Halogenlampen strahlt von der Decke auf Javor Stoykow. Der Wilmersdorfer Augenarzt benötigt einen gut ausgeleuchteten Arbeitsplatz, ein spezielles Operationsmikroskop verbessert seine Sicht nochmals. Vor ihm, auf dem Tisch im OP-Bereich der zur Praxis umgebauten Altbauwohnung, liegt Leopold Brunner, 74 Jahre alt.


Wer älter als 65 ist, hat fast immer Anzeichen von Grauem Star

Damit der Berliner Rentner wieder gut sehen kann, braucht Stoykow nicht nur viel Licht, sondern auch ein gutes Team. Um den mit einem Mundschutz vermummten Mediziner stehen drei ebenfalls maskierte Mitarbeiterinnen: eine Ärztin und zwei Schwestern in hellblauen Kitteln.
Brunner leidet am Grauen Star(Diagnose und Therapie: Katarakt (Grauer Star)), in der Fachsprache: Katarakt, eine Trübung der ursprünglich klaren Augenlinse. Er führt dazu, dass das gesehene Bild an Schärfe verliert, ein Blick wie durch Milchglas. Betroffene sehen die Welt durch einen Schleier, der dichter wird. Die Trübung ist meist Folge der Alterung.
Das griechische Wort Katarakt bedeutet Wasserfall: Früher glaubte man, dass die graue Farbe in der Pupille geronnene Flüssigkeit sei. Die Bezeichnung “Star” kommt vom starren Blick, den blinde Menschen oft haben.
Wer älter als 65 Jahre ist, hat fast immer leichte Anzeichen von Grauem Star. Er schreitet langsam fort. Medikamente zur Vorbeugung gibt es nicht. Eine Operation kann in den meisten Fällen die volle Sehschärfe herstellen: 90 Prozent aller Patienten können nach dem Eingriff wesentlich besser sehen.


Seit Jahrzehnten beginnt jede Katarakt-Operation mit einem Schnitt ins Auge

“Gleich geht’s los”, sagt Stoykow, dessen leichten Akzent man nicht anhört, dass der 52-Jährige ursprünglich aus Sofia, der bulgarischen Hauptstadt, kommt. Studiert hat Stoykow “an der Charité in Ostberlin”. Schmunzelnd fügt er hinzu: “Zu einer Zeit, als das Bettenhochhaus noch modern war.” Das weithin sichtbare Gebäude des Universitätsklinikums in Mitte wurde 1982 eröffnet.
Stoykow nimmt ein schmales Skalpell, Lanze genannt, in die Hand und setzt an Brunners rechtem Auge an. Die Lider des Patienten werden mit Klammern offen gehalten. Das sieht gespenstisch aus, auf dem freigelegten weißen Augenteil, der Bindehaut, verlaufen rote Äderchen. Der Chirurg setzt sein Messer an die Hornhaut über der Pupille, sticht rein und öffnet sie mit einem drei Millimeter breiten Schnitt. Blut fließt nicht.
Mit einem Schnitt ins Auge beginnt seit Jahrzehnten jede Kataraktoperation. “Alle anderen Versuche – mit Laser oder Wasserstrahl – waren ineffektiver und unpräziser”, sagt Norbert Anders, Professor und Operateur der Augentagesklinik in Zehlendorf, in der jedes Jahr mehr als 2000 Patienten operiert werden.


Das Prinzip: Die trübe Linse entfernen und durch eine Kunstlinse ersetzen

Die meisten Katarakteingriffe erfolgen unter örtlicher Betäubung. Häufig braucht man dazu nicht mal eine Narkosespritze. “99 Prozent meiner Patienten bekommen ein Betäubungsmittel als Augentropfen”, sagt Javor Stoykow. Eine Spritze am Auge wäre schmerzhaft.
Das Prinzip jeder Katarakt-OP ist, die trübe Linse zu entfernen und durch eine Kunstlinse zu ersetzen. Die alte Linse wird nach dem Öffnen des Auges mit Ultraschall zerkleinert. Die losen Reste der Linse werden abgesaugt. Zurück bleibt der hauchdünne, leere Kapselsack – die Hülle für die neue Kunstlinse.
Während der OP träufelt eine Kollegin eine Kochsalzlösung in Brunners offenes Auge. Schließlich kann der Patient die Lider nicht schließen, die Hornhaut würde ohne die Befeuchtung austrocknen. Um den Druck im Auge stabil zu halten, wird eine Infusionsflüssigkeit hinzugegeben, wenn Stoykow etwas aus dem Auge saugt. Eine Maschine misst, wie viel Ersatzflüssigkeit die abgesaugten Linsenreste ersetzen muss.


Bei sehr weit fortgeschrittenenem Katarakt ist ein größerer Schnitt nötig

Mit einer Spezialspritze, in deren Spitze die elastische Ersatzlinse fest eingerollt steckt, sticht der Arzt in den Kapselsack, was so aussieht, als zwänge er einen zusammengepackten Minifallschirm in eine Glaskugel.
Der Fallschirm, also die Linse, entfaltet sich dort und drückt sich an die Kapselwand. Zwei elastische Bügel an der Linse sorgen für die richtige Spannung und sicheren Halt im Kapselsack.
Nur bei sehr weit fortgeschrittenem Katarakt lässt sich der Kern zuweilen nicht verflüssigen, weil er zu verhärtet ist. In solchen Fällen ist ein größerer Schnitt von bis zu einem Zentimeter nötig. Durch diesen Schnitt wird die Linse komplett entfernt, er muss mit einem feinen Faden vernäht werden.
Nach einer normalen Kataraktoperation verschließt sich der Schnitt von selbst, er wächst ohne Nähen zu. Nur die vorher zurückgeschobene, fixierte Bindehaut wird wieder verschlossen. Die neue Linse sollte die Brechkraft der zu entfernenden Linse besitzen. Es ist aber auch möglich, mithilfe der Kunstlinse bestehende Sehschwächen auszugleichen.


Mehr als 95 Prozent der Eingriffe verlaufen ohne Komplikationen, dennoch gibt es Risiken

Um die nötige Brechkraft zu ermitteln, wird die Augenlänge mit einem Ultraschallgerät ausgemessen. Kunstlinsen bleiben lebenslang im Auge, nur in Notfällen müssen sie ausgetauscht werden. Eine solche Operation dauert etwa 15 Minuten.
Mehr als 95 Prozent der Eingriffe verlaufen in Deutschland ohne Komplikationen, es gibt aber grundsätzliche Risiken. Reißt etwa die hintere Kapsel der Linse während der Operation, kann es später zu Netzhautablösungen kommen. Sehr selten gelangen Keime ins Augeninnere und führen zu einer komplizierten bakteriellen Entzündung – das Auge kann erblinden.
Einige der operierten Patienten entwickelt im Laufe der Jahre einen sogenannten Nachstar. Auf dem Kapselboden bilden sich Ablagerungen aus Linsenzellresten. Die Sehschärfe lässt wieder nach. Mit einem Laser lassen sich diese getrübten Reste entfernen, ohne das Auge zu öffnen.


Immer mehr Berliner lassen sich in einer Praxis operieren

“Eigentlich ziemlich einfach”, sagt Javor Stoykow. Sein Einsatzgebiet – die Augen – sei “sehr überschaubar”. Vielleicht ist Stoykow deshalb Augenarzt geworden. “Außerdem ist das Ganze sehr ästhetisch.” Und Routine. Berliner Praxisärzte zertrümmern rund 22 000 Linsen im Jahr. Bundesweit werden pro Jahr etwa 600 000 Kataraktpatienten operiert. Stoykow hat, erst in der Klinik, dann in der Praxis, etwa 14 000 dieser Eingriffe durchgeführt.
Immer mehr Berliner lassen sich in einer Praxis operieren. “Der Kranke ist nach wenigen Stunden zu Hause”, sagt Stoykow, schmeißt Gummihandschuhe und Atemmaske in den Müll, streift den blauen OP-Kittel ab, und blättert in einer Krankenakte. Häufig werde man nach einem chirurgischen Eingriff in den eigenen vier Wänden schneller gesund als in einem anonymen Mehrbett-Krankenzimmer, sagen Ärzte.
In Kliniken tragen außerdem nicht nur tausende Patienten, sondern auch viele Besucher Krankheitserreger hinein. Andere ziehen zwar die persönliche Atmosphäre in einer Praxis der Stimmung in einer Großklinik vor, wollen sich aber dennoch lieber im Krankenhaus operieren lassen. Für Notfälle sei man in einer Klinik besser vorbereitet. In kleineren Praxen fürchten viele Patienten außerdem mangelnde Erfahrung.


Manchmal ist eine stationäre Versorgung unerlässlich

Viel Erfahrung sei tatsächlich wichtig, sagt Norbert Anders, der wie Stoykow nicht in einem Krankenhaus arbeitet, sondern als niedergelassener Mediziner in der eigenen Praxis operiert. Auch wenn Katarakteingriffe eine Standardbehandlung sind, bereiten nur regelmäßig durchgeführte Operationen den Arzt auf unerwartete Komplikationen vor.
Bei der Entscheidung, ambulant oder stationär zu operieren, spielen zumindest für die Krankenkassen die Kosten eine Rolle: Für einen ambulanten Eingriff sind sie deutlich niedriger als bei einer stationären Operation. Eine ambulante Behandlung wegen Grauem Star kostet derzeit etwa 700 Euro. Ein stationärer Eingriff knapp 200 Euro mehr. Laut Gesetz sind ambulante Eingriffe, wo immer sie möglich sind, stationären Behandlungen vorzuziehen.
Doch der Weg ins Krankenhaus lässt sich nicht immer vermeiden. Wenn Patienten chronisch an einer schweren Erkrankung leiden – etwa Diabetes – ist eine stationäre Versorgung unerlässlich. Sich in einer Klinik operieren lassen sollte auch, wer zu Hause von niemandem versorgt werden kann.


Eine Stunde Beobachtung nach der OP

Leopold Brunner wird bald von einem Angehörigen abgeholt. Er läuft langsam ins sonnendurchflutete Wartezimmer. Dort sitzt schon Regine Berberich, sie ist vor Brunner operiert worden. “Mein Mann holt mich gleich mit dem Auto ab”, sagt die Lehrerin und hört sich dabei an wie eine artige Schülerin. Selber Autofahren ist nach der Operation verboten, die Fahrtüchtigkeit ist noch eine Weile eingeschränkt. Selbst nach Hause laufen dürfen Stoykows Patienten aus Sicherheitsgründen erst nach einer Stunde; die Zeit der Nachbeobachtung, um auf kurzfristige Nebenwirkungen der Operation – Übelkeit etwa – reagieren zu können.
Trotz Sonnenschein ist für Brunner und Berberich Schwimmen in den nächsten Tagen tabu. Die neue Linse muss sich erst anpassen, die kleine Wunde verheilen. Schon jetzt aber sehen sie die Welt nicht mehr wie durch ein Milchglas.


* Name geändert



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