Interview: "Das Herz eines Neugeborenen ist nicht größer als eine Walnuss"

Felix Berger, Professor an der Humboldt Universität und Kinderkardiologe am Deutschen Herzzentrum Berlin, über das Herz von Neugeborenen und die Schwierigkeiten, an diesem zu operieren

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Felix Berger (49) ist Direktor der Klinik für Angeborene Herzfehler und Kinderkardiologe am Deutschen Herzzentrum Berlin und Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Foto: Promo

Herr Berger, jedes Jahr werden in deutschland rund 8000 Kinder mit einem Herzfehler geboren. Welches sind die häufigsten erkrankungen?

Löcher im Herzen sind besonders häufig. Im Regelfall liegen sie zwischen der linken und der rechten Herzkammer. Manche verschließen sich von selbst, aber viele müssen behandelt werden, zum Teil in sehr frühem Lebensalter.

 

Wann und wo wird ein solcher Herzfehler üblicherweise erkannt?

Manchmal leider erst bei der Geburt. Vielfach aber auch schon davor. Die Pränataldiagnostik ist inzwischen so gut, dass man oft schon sagen kann, ob und was für ein Herzfehler vorliegt und wie schwer er ist.

 

Trifft man dann bestimmte Vorbereitungen für die Geburt?

Ja. Man versucht, Patienten mit einem komplizierten Herzfehler in einem Perinatalzentrum zur Welt zu bringen, wo gleich eine kinderkardiologische Versorgung stattfinden kann. Manchmal muss ein Neugeborenes auch sofort operiert werden.

 

Vom Kreißsaal auf den OP-Tisch?

Das kommt wirklich sehr selten vor. Im Regelfall kann man abwarten, bis sich die Neugeborenen stabilisiert haben und dann innerhalb der ersten Lebenswoche operieren.

 

Ihre Patienten wiegen oft nicht mal fünf Kilogramm.

Fünf Kilogramm ist für uns schon riesig! 850 Gramm wog unser kleinstes Kind, das wir erfolgreich operiert haben. Bei Neugeborenen, besonders Frühgeborenen, ist natürlich alles sehr fragil und zerbrechlich, jedes Organ, egal ob Gehirn, Lunge, Herz oder Blutgefäße. Da reicht schon eine minimale Veränderung und das ganze System kommt aus dem Gleichgewicht.

 

Das Herz eines Neugeborenen ...

... ist nicht größer als eine Walnuss.

 

Wie operiert man so etwas Winziges?

Das ist enorm schwierig und komplex und wird deshalb nur von hoch spezialisierten Herzchirurgen durchgeführt. Eine minimalinvasive Katheterbehandlung ist manchmal eine Alternative. Da muss man den Brustkorb nicht öffnen, man braucht in der Regel keine Narkose oder Bluttransfusion – allerdings ebenso viel Fingerspitzengefühl. Und bestimmte, komplexe Fehler lassen sich auch nur durch extrem schwierige Operationen beheben. Wenn ein Kind zum Beispiel mit nur einer Herzklappe zur Welt kommt und eine weitere, künstliche, hinzugefügt werden muss.

 

Gibt es bei der Geburt eindeutige Hinweise auf einen Herzfehler?

Nein, leider nicht immer. Oft jedoch ist die Haut der Kinder blau verfärbt. Das liegt daran, dass zu wenig Blut durch die Lunge fließt und es so nicht ausreichend mit Sauerstoff angereichert wird. Zirka 20 Prozent aller angeborenen Herzfehler gehen mit solch einer so genannten Blausucht einher. Oft gibt es aber auch keine direkt erkennbaren Symptome. Dann muss man geübt sein, um den Fehler zu erkennen. Kinder atmen dann zum Beispiel schlechter oder manchmal auch nur etwas schneller.

 

Wie untersuchen Sie die Kinder?

Viele Dinge sind mittels Ultraschall so gut darstellbar, dass wir keinerlei Röntgenstrahlen dafür benötigen. Oder man führt eine Magnetresonanztomografie durch, die Methode benötigt auch keine Strahlung. Manche Erkrankungen sind aber so kompliziert, dass man sogar eine Herzkatheteruntersuchung vornehmen muss. Dazu muss dann auch Röntgenkontrastmittel gespritzt werden.

 

Sind die Heilungschancen gut?

Ein angeborener Herzfehler ist eigentlich eine chronische Erkrankung. Die meisten Fehler können zwar extrem gut behandelt werden, aber im Laufe des Lebens sind oft Nachoperationen und -behandlungen nötig. Trotzdem kann man sagen, dass über 90 Prozent der Kinder, die mit einem Herzfehler zur Welt kommen, mit guter Lebensqualität sehr alt werden können.

Felix Berger (49) ist Direktor der Klinik für Angeborene Herzfehler und Kinderkardiologe am Deutschen Herzzentrum Berlin und Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin.



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