Interview: "Es wird vorerst keinen Impfstoff geben"

Der ehemalige Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft und Bonner HIV-Experte Jürgen Rockstroh über gute Ärzte und die Zukunft der Aidstherapie

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Jürgen Rockstroh (Universitätsklinik Bonn) war bis Juni 2011 Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft. Foto: Promo


Herr Professor Rockstroh, wann wird Aids heilbar sein?

Auch nach einem Vierteljahrhundert intensiver Forschung sieht es leider noch immer nicht danach aus, dass wir das in absehbarer Zeit erreichen. Jetzt geht es zunächst einmal darum, das HI-Virus auch dort im menschlichen Körper angreifen zu können, wo es bisher für Arzneimittel unerreichbar verborgen war, etwa im Gehirn oder im Knochenmark. Erst, wenn der Erreger überall im Körper ausgemerzt werden kann, ist Heilung in Sicht.


Ist wenigstens bald mit einer Immunisierung gegen Neuinfektionen zu rechnen? 2009 wurde der Test eines HIV-Impfstoffes in Thailand gefeiert – und dann der angebliche Durchbruch wieder dementiert. War das Experiment ein Fehlschlag?

So sehe ich das nicht. Immerhin konnte dieser Test – wenn auch nur an einer kleinen Gruppe von Menschen und statistisch nicht recht belastbar – einen positiven Unterschied zwischen dem Impfstoff und einem unwirksamen Placebo zeigen. Das ist ein positives Signal, hier können wir für die weitere Immunisierungsforschung lernen – auch wenn wohl in fünf oder auch zehn Jahren kein echter Impfstoff zur Verfügung stehen wird.


Bei der Entwicklung von Medikamenten ist dagegen viel Positives geschehen.

In der Tat. Vor Jahren ging es nur darum, den Tod zu verhindern. Jetzt, wo neue Arzneien aus HIV eine chronische Krankheit gemacht haben, stehen die Reduzierung der zum Teil heftigen Nebenwirkungen und die Erleichterung der Einnahme der Mittel im Mittelpunkt der Forschung. Inzwischen “verzeihen” es die Medikamente auch mal, wenn man ein oder zwei Tage vergisst, sie einzunehmen – das heißt, es bilden sich trotzdem keine resistenten Erreger oder es droht kein plötzlicher Krankheitsschub mehr. und auch stigmatisierende Nebenwirkungen, wie der deutlich sichtbare Fettabbau im Gesicht, können lange Zeit verhindert werden. Allerdings werden neue Probleme kommen, von denen wir noch nichts ahnen. Die hochgerechnete Lebenserwartung eines HIV-Patienten liegt zurzeit bei 40 Jahren, das heißt, 40 Jahre Arzneieinwirkung. Welche negativen Folgen dies auf Nieren oder Leber hat, wissen wir noch nicht.


Umso wichtiger ist die medizinische Betreuung, schließlich ist ein HIV-Infizierter ein Leben lang darauf angewiesen.

Ja. Die vielen verfügbaren Medikamente und Behandlungsalternativen haben aus der HIV-Therapie eine ähnlich komplexe Behandlung gemacht wie die Versorgung von Krebspatienten. Da muss der Arzt ständig auf dem neuesten Stand der Forschung bleiben, die Wechsel- und Nebenwirkungen zahlreicher Arzneien kennen und auf Komplikationen vorbereitet sein. Das wollen die spezialisierten Schwerpunktpraxen sicherstellen. Und diese sollten auch eine Mindestzahl von Patienten versorgen, um eine entsprechende Erfahrung zu haben, rund einhundert Patienten pro Quartal mindestens.


Sollte die Versorgung von HIV-Patienten in Schwerpunktpraxen konzentriert werden, sprich der Aidszuschlag für den therapeutischen Mehraufwand nur an diese Ärzte gezahlt werden?

Das wäre sicher sinnvoll. Denn die spezialisierte Versorgung, die Erfahrungswerte mit vielen Patienten und die regelmäßige Fortbildungspflicht kommen den Kranken zugute. Zudem wäre die Schaffung eines Facharzttitels “Schwerpunkt HIV- und Aidsversorgung” gut. In Großbritannien wird darüber schon sehr konkret debattiert, in Deutschland ist man noch nicht so weit.


Zu den Qualitätsstandards in HIV-Schwerpunktpraxen: Welche Rolle spielt die Erhebung des Impfstatus bei den HIV-Patienten und das Screening auf eine Hepatitisekrankung?

Eine große. Immerhin sind ein Drittel aller HIV-Patienten in Europa gleichzeitig an Hepatitis C erkrankt, acht Prozent haben chronische Hepatitis B. Und natürlich spielen Impfungen bei Patienten mit einem geschädigten Immunsystem eine wichtige Rolle bei der Vermeidung weiterer Erkrankungen. Insofern sollten solche Erstuntersuchungen bei neu aufgenommenen HIV-Patienten Standard sein. Aber die Patienten sollten auch darauf drängen, dass sie auf andere sexuell übertragbare Erkrankungen, etwa Syphilis oder Chlamydien, getestet werden.


Ist der Ausdruck “Studienpraxis” ein Zeichen für gute Qualität?

Das sehe ich ambivalent. Positiv daran ist, dass ein Arzt früher als seine Kollegen Erfahrungen mit neuen Präparaten sammeln kann. Auf der anderen Seite fließt dabei oft Geld von der Pharmaindustrie. Dann stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit des Mediziners. Außerdem geht es ja gerade in der HIV-Therapie um das Einhalten von Leitlinien, also lange bewährten Behandlungsstandards, die auf Erfahrungen beruhen.


Einige Praxen verweisen stolz auf ihre Mitarbeit im sogenannten Kompetenznetzwerk HIV. Ist das ein Qualitätsvorteil?

Eher nicht, da nicht jede Praxis mitmachen kann. Aus Budgetgründen wurde für das Kompetenznetzwerk nur eine Stichprobe von Zentren zugelassen, und die wurden auch nicht nach Qualitätsgesichtspunkten ausgewählt, sondern nach Menge der ausgefüllten Datenfelder für die Patientendokumentation. Gut daran ist aber, dass sich der teilnehmende Arzt zur Dokumentation verpflichtet – etwa bei wie vielen Patienten das HI-Virus unter die Nachweisgrenze gesenkt wurde. Und er kann seine Behandlungsergebnisse mit denen anderer Praxen vergleichen und bei einem unterdurchschnittlichen Ergebnis nach Ursachen suchen.


Hinweis zur Person: Prof. Dr. Jürgen Rockstroh (Universitätsklinikum Bonn) war bis Juni 2011 Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft




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