HIV-Test: Leben getestet und vorerst bestanden

Die Wartezeit auf einen HIV-Test kann lang sein – Ein Erfahrungsbericht aus Berlin

März 2013. Blut perlt auf meiner Fingerkuppe. Gerade hat Robert, ein Arzt mit kräftigen tätowierten Unterarmen, kurz geschorenen Haaren und rotem Kapuzenpullover mir eine kleine Lanzette in den Mittelfinger gejagt. Spätestens seit 1983, dem Jahr, in dem HIV das erste Mal wissenschaftlich beschrieben wurde, gilt Blut nicht mehr nur als Lebenselixier, sondern auch als todbringender Risikofaktor. Und dieser kleine rote Tropfen auf meiner Fingerspitze wird offenbaren, ob ich mich mit dem HI-Virus infiziert habe und was noch schlimmer wäre, ob ich meine Freundin angesteckt habe.


Es war eine schöne Nacht, nur “safe” war sie nicht

Während Robert in einer Kreuzberger HIV- und Drogenberatung mein Blut anzapft, blitzt in meinem Gedächtnis noch einmal eine vergangene, rauschhafte Nacht auf. Rückblende Dezember 2012: Die Sonne hat sich in die südlichen Hemisphäre verkrochen. Die Menschen auf den Straßen umwickeln sich mit dicken Schalen, vermummen sich regelrecht, jeder Atemstoß lässt die Münder dampfen, die Tage sind viel zu kurz. Wir feiern dafür auf den Berliner Elektropartys um so länger. In einer ehemaligen Friedrichshainer Mietskaserne, heute ein bekannter Szeneschuppen, tanzen wir dicht an dicht gedrängt, Schweiß rinnt über die Stirn und über uns funkeln Lichter einer Discokugel. Ich tanze schon eine Weile, da läuft er an mir vorbei, seine Hand fährt über meinen Bauch, ganz zufällig, klar. Ich schaue ihm hinterher und für einen flüchtigen Moment kreuzen sich unsere Blicke. Er lächelt, ich lächle. Wir tanzen, trinken, torkeln. Dennis ist süß, deshalb küsse ich ihn. Wenig später schleichen wir uns von der Tanzfläche direkt zur Toilette, zwängen uns in eine Kabine. Die Wände sind voll von Graffiti, im Klo steht das Wasser bis zur Oberkante, die Kloflut hat das am Boden liegende Klopapier zu einem grauen Schlamm aufgelöst. Weiße Streifen überziehen eine schwarz lackierte Ablage hinterm Spülkasten. Ich weiß, woher die Spuren stammen und ich will auch etwas davon. Dennis packt ein Päckchen mit weißem Pulver aus: Ketamin. “Zieht einem die Schuhe aus”, sagt er. Der Stoff wird eigentlich bei Knochenbrüchen verabreicht, um den Schmerz zu stillen. In kleinen, sehr kleinen Dosen kann er aber die Welt noch bunter machen, als sie es in dieser Nacht ohnehin schon war. Durch einen zusammengerollten Zehn-Euro-Schein – den wir beide benutzen – ziehen wir jeder eine Bahn. Das Ketamin katapultiert mich in der Tat in eine andere Sphäre und das, was Dennis an meiner aufgeknüpften Hose macht, tut das Übrige hinzu. Es war eine schöne Nacht, nur “safe” war sie nicht. Während die Wahrscheinlichkeit, sich bei passivem Oralverkehr mit HIV zu infizieren, gegen Null tendiert, ist eine Syphilis durchaus übertragbar. Meine größte Sorge galt aber dem Sniefen.


“Spritzen sie Drogen?” – Hepatitis B oder C übertragen sich leicht

Schon kleine Blutreste am Geldschein genügen, um Hepatitis B oder C zu übertragen. Diese Viren, die eine Leberentzündung verursachen können, sind ungleich virulenter, also ansteckender als HIV. Lange Zeit war mir das egal, denn ich musste mich nur vor mir selbst verantworten. Doch in der letzten Silvesternacht änderte sich das, als mich eine Frau in ihren Bann zog. Dem Sex folgte die Liebe. Der Liebe das schlechte Gewissen. Warum ich den Test nicht gleich gemacht habe, nachdem ich sie kennenlernte? Weil das HI-Virus erst drei Monate nach einer Risikosituation sicher nachweisbar ist. Ein Hepatitis C-Test ist nach sechs Wochen sinnvoll. Eine Syphilis wird frühestens nach drei Wochen erkannt, kann aber mit Sicherheit erst zwölf Wochen nach einer möglichen Infektion ausgeschlossen werden. Die Kreuzberger HIV- und Drogenberatung bietet alle drei Tests für 15 Euro an – was bei weitem nicht die Kosten deckt. Erwerbslose, Studenten und Bedürftige können sich kostenlos untersuchen lassen – auch Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis. Doch vor dem eigentlichen Test wartet noch ein Fragebogen auf mich. “Der ist völlig anonym und gilt nur der Risikoeinschätzung”, versichert Robert. Ich bin erleichtert, dass ich mich nicht groß gegenüber jemanden erklären muss. Kästchen auf Papier anzukreuzen, fällt mir leichter. Ich kritzele Häkchen bei männlich, 27 Jahre, Drogenkonsum. “Spritzen sie Drogen”, verneine ich. Und dann kommt die Frage nach der sexuellen Präferenz. Ich zögere, lasse mit meinem Daumen die Kugelschreibermiene klackernd auf und ab springen, entscheide mich dann aber gegen die Kategorie “hetero” und für “bisexuell”. Wenn ich mich schon in eine Schublade stecken muss, wähle ich die geräumigste. “Gibt es jemanden, der Dich auffängt, wenn der Test positiv ist?”, fragt Robert. Im Kopf suche ich nach möglichen Rettern. Mein Vater – wohl nicht. Meine Freundin, mit der ich gerade mal drei Monate zusammen bin und die ich angesteckt haben könnte – besser nicht. Erleichtert fallen mir gleich fünf gute Freunde ein.


Im Jahr 2012 haben sich 450 Menschen in Berlin mit HIV infiziert

Bei einem reaktiven, also positiven Test helfen Sozialarbeiter der Beratungsstelle einen Facharzt zu finden, regeln Probleme mit der Krankenversicherung, dem Jobcenter oder der Justiz – einige Klienten sind immerhin süchtig und haben mit Beschaffungskriminalität zu kämpfen. Nun folgen die eigentlichen Tests: Der Arzt sticht mit einer Lanzette in die Fingerkuppe meines linken Ringfingers und saugt mit einer ersten, für den HIV-Schnelltest bestimmten Pipette das perlende Blut auf. In einen teelichtgroßen Napf kippt er den Inhalt von drei kleinen Ampullen zusammen, eine enthält eine blaue Flüssigkeit, die später das Ergebnis anzeigen wird. “Wenn sich in einer Viertelstunde ein blauer Punkt bildet, ist alles okay”, erklärt er und träufelt vorsichtig mein Blut aus der Pipette in den Napf. Bilden sich zwei Punkte, bin ich positiv. Dann wäre nichts okay. Dann wäre ich vielleicht Nummer 451. Denn rund 450 Menschen haben sich 2012 in Berlin mit dem Virus infiziert. 84 Prozent davon waren Männer, die Sex mit Männern haben, rund vier Prozent nahmen Drogen. Dank der antiretroviralen Therapie ist HIV zu einer chronischen Krankheit geworden, mit der man oft noch Jahrzehnte gut leben kann. Aber letztlich endet sie immer noch tödlich. Allein 2012 verloren 80 Berliner den Kampf gegen den Virus. 4600 sind es seit Ausbruch der Epidemie. Mit seinen in Plastikhandschuhe gehüllten Fingern drückt Robert nochmal nach, um aus meinem Finger einen zweiten saftigen Bluttropfen zu pressen. Die zweite Pipette ist für den Hepatitis-Schnelltest bestimmt. Diesmal sind es Streifen, die eine Infektion verkünden. Und auch hier ist mehr weniger, denn ein Strich auf dem Testpapier bedeutet negativ, zwei Streifen hingegen positiv, also infiziert. Im Jahr 2011 zeigten sich 440 Mal in Berlin beide Streifen, 50 Betroffene waren an Hepatitis B erkrankt und 390 am Typ C. Zuletzt folgt ein Syphilis-Test, dessen Ergebnis ich erst eine Woche nach der Blutentnahme erfahren werde, da die Probe in ein Labor geschickt werden muss. Für diesen Test ist mehr Blut als für die beiden Schnelltests notwendig. Deshalb zapft der Arzt eine Vene in meiner Ellenbeuge an, um zwei Ampullen abzufüllen. Besonders im freizügigen Berlin ist die Syphilis seit Jahren auf dem Vormarsch. Während 2001 noch rund 1700 Erkrankungen gemeldet wurden, waren es ein Jahrzehnt später rund 3700. 84 Prozent davon entfallen auf Männer, die Sex mit Männern hatten. Nun heißt es warten. 20 lange Minuten.


Der HIV-Test ist schnell und unkompliziert

Ich verlasse die Kreuzberger Beratungsstelle und laufe ein Stück. Der graue Wolkenschleier über Berlin bricht ein erstes mal auf, Schneereste glitzern in der Sonne. Doch die Luft ist immer noch arktisch kalt. An der Skalitzer Straße setze ich mich auf die eisigen Steinstufen der Emmaus- Kirche, schaue den gelben U-Bahnen zu, wie sie über die Hochtrasse rattern, und versuche meine Gedanken zu ordnen. Was wenn ich sie angesteckt habe? Ich wage es nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken – oder vielleicht bin ich auch zu feige. Dabei ist das Verdrängen der Krankheit genau das, was sie so gefährlich macht. Andererseits: Wer will schon immer vernünftig sein? Es sind ja gerade Alltag und Vernunft, die ich beim Feiern hinter mir lassen will. Zumindest den Test kann man regelmäßig machen – er geht schnell, ist unkompliziert und rechtfertigen muss man sich auch nicht. Ich habe diesmal Glück gehabt. “Alles in Ordnung”, sagt Robert gelassen und drückt mir zum Abschied noch ein Päckchen mit kurzen Strohhalmen, einer Plastikkarte und Desinfektionsmittel in die Hand. Das ist alles, was man braucht, um eine Infektion beim Sniefen zu verhindern: Strohhalme die man nur allein benutzt, Desinfektionsmittel um die Unterlage zu säubern, und eine Karte, um den Stoff klein zu machen. “Pass auf Dich auf”, sagt Robert zum Abschied.




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