Hintergrund: HIV-Apotheken - Beratung zahlt sich aus

Chronisch Kranke sind zuverlässige Kunden. Pharmafirmen und Apotheken verdienen an ihnen gut. Deshalb sollten auch Betroffene Ansprüche an Beratung und Betreuung stellen


Eine Infektion mit dem "HI-Virus(Diagnose und Therapie: HI-Virus)":http://www.gesundheitsberater-berlin.de/kliniken/vivantes-auguste-viktoria-klinikum/klinik-fur-innere-medizin-infektiologie-und-gastroenterologie ist derzeit noch immer nicht heilbar. Aber eine konsequente Behandlung mit modernen Medikamenten ermöglicht Erkrankten nach einer Ansteckung im Durchschnitt noch 40 Lebensjahre. Der pharmazeutische Fortschritt hat HIV zu einer chronischen Krankheit gemacht. Doch dieser Fortschritt hat seinen Preis. Pharmafirmen lassen sich die antiviralen Arzneimittel gut bezahlen: Im Jahr 2008 wurden mit HIV-Therapeutika fast eine halbe Milliarde Euro umgesetzt. Gegenüber dem Vorjahr 2007 wuchs der Umsatz um 9,6 Prozent, davor waren es sogar 13,8 Prozent. Private und gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Rechnung. Eine Monatspackung "Truvada" zum Beispiel kostet 840 Euro, "Celsentri" 1100 Euro oder "Fuzeon" sogar 2390 Euro. Diese Medikamente unterdrücken die Vermehrung des Aidserregers.
h4. "Chronisch Kranke sind zuverlässige Kunden" Auch für die Apotheken lohnt sich der Handel mit den teuren Medikamenten. Weniger der Handelsspanne wegen, denn die ist in Deutschland gesetzlich geregelt. Für jedes verschreibungspflichtige Medikament, das die Apotheke an einen Kassenpatienten abgeben, bleiben ihr 6,35 Euro, bei Privatversicherten 8,10 Euro. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Medikament hundert oder tausend Euro kostet. Interessanter aus Sicht des Verkäufers ist der so genannte Lagerkostenausgleich (LKA). Denn der ist an den Einkaufspreis gekoppelt und beträgt drei Prozent. Bei einer Packung "Fuzeon" sind dies immerhin rund 71 Euro. Für die Lagerung fallen jedoch nicht mehr Kosten an als bei einer Packung Aspirin. Der Fairness halber sollte gesagt werden, dass Apotheker bei teuren Arzneien viel Geld investieren müssen, um ihre Lager zu füllen, da sie zunächst in Vorleistung gehen und nach dem Verkauf oft wochenlang auf die Erstattung durch die Krankenkassen warten müssen. Ihre HIV-Kunden bescheren ihnen jedoch Planungssicherheit. Denn "chronisch Kranke sind zuverlässige Kunden", sagt Keikawus Arastéh, Chefarzt der Infektologie am Vivantes Auguste Viktoria Klinikum , die auf die Behandlung von HIV- und Aidspatienten spezialisiert ist. Denn sie sind dauerhaft auf die lebensrettenden Medikamente angewiesen.
h4. Kommunizieren, koordinieren und überwachen Weil sich das Geschäft mit den Arzneien lohnt, sind die Apotheken bereit, die lukrative Klientel mit besonderen Vergünstigungen und Serviceleistungen an sich zu binden. Und davon könnten beide Seiten profitieren, sind sich die Experten sicher. Der HIV-Patient kann und sollte dabei durchaus einige Erwartungen an "seine" Apotheke stellen, die ihn meist sehr lange betreuen wird. Da der Begriff "HIV-Schwerpunktapotheke" nicht geschützt ist, kann sich jede Apotheke mit dieser Bezeichnung schmücken. Daher sollten Kunden neben räumlichen Aspekten wie separierten Beratungsräumen oder abgetrennten -ecken vor allem auf ein ausführliches Erstberatungsgespräch achten. Zudem zeichnen sich HIV-Schwerpunktapotheken dadurch aus, dass sie HIV-Therapeutika immer vorrätig halten. So bekommen die Patienten selbst fünf Minuten vor Ladenschluss ihr Medikament. Im Idealfall fungiert der Pharmazeut als Bindeglied zwischen Arzt und Krankem. "Die Apotheke sollten kommunizieren, koordinieren und überwachen", sagt Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten. Gerade älteren HIV-Patienten empfiehlt auch Jürgen Rockstroh, Präsident der "Deutschen Aids-Gesellschaft(Link zur Website)":http://www.daignet.de/site-content, sich professionell beraten zu lassen: "Erfahrene Apotheker können einen prüfenden Blick auf die Medikation werfen. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die unerfahrene Ärzte übersehen, können sie erkennen und gegebenenfalls Rücksprache mit dem Arzt halten."
h4. Wechselwirkungs-Check, Ernährungsberatung und BIA Dazu bieten beispielsweise die in der Deutschen Arbeitsgemeinschaft HIV-Kompetenter Apotheken (DAHKA) organisierten Apotheker einen "Medikamenten-Wechselwirkungs-Check" an, der die verschriebene Medikation auf ihre gegenseitige Verträglichkeit hin prüft. Daneben können sich die Kunden in ihrer Apotheke auch über Wechselwirkungen von Lebensmitteln informieren. Johanniskraut, Knoblauch oder Grapefruitsaft können beispielsweise die Aufnahme von Medikamenten beeinflussen. Die Pharmazien, besonders die auf HIV spezialisierten, beobachten auch den Nährstoffbedarf HIV-Erkrankter. Beispielsweise steigt mit zunehmender Anzahl der Erreger der Eiweißbedarf, da das Virus dem Körper das Protein entzieht, um es für die eigene Vermehrung zu nutzen. Eine ausführliche Ernährungsberatung, bei der unter anderem Eiweiß und Vitaminbedarf ermittelt werden, sollte deshalb zum Standardprogramm einer HIV-Schwerpunktapotheke gehören. Der Patient kann ebenfalls erwarten, dass die Apotheke eine so genannte Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) durchführt: Eine HIV-Infektion und die Einnahme von antiretroviralen Medikamenten können zu einer deutlich sichtbaren Umverteilung der Fettdepots im Körper führen. Die zum Beispiel daraus resultierenden stark eingefallenen Wangen (Lipoatrophie) oder Fettansammlungen in Nacken und Bauch (Lipodystrophie) empfinden viele Betroffene als stigmatisierend. Eine BIA-Messung kann dem entgegenwirken. Denn sie ermittelt den Anteil stoffwechselaktiver Zellen, Muskelmasse, Körperwasser und Fettdepots, wodurch Gewichtsveränderungen besser eingeschätzt werden können und auf diese frühzeitig reagiert werden kann.
h4. Therapietreue kann geschult, überwacht und erleichtert werden Eine weitere wichtige Dienstleistung des Pharmazeuten ist die Überwachung der Therapietreue des Patienten, also die Befolgung der Einnahmevorschriften für die Arzneien. Im Medizinerjargon nennt sich das Compliance. Schon bei einer Compliance von weniger als 95 Prozent können HI-Viren gegenüber den Medikamenten resistent werden. "Das Medikament vergibt Einnahmefehler noch immer nicht", sagt Chefarzt Keikawus Arastéh. Viele HIV-Schwerpunktapotheken bieten daher Schulungen für Patienten an, damit diese die Therapie besser in den Alltag integrieren können. Ein weitere Möglichkeit der Kontrolle bieten Reichweitenanalysen: Computersysteme erfassen die vom Pharmazeuten ausgegebenen Medikamente. Hat der Patient bei dem nächsten Apothekenbesuch noch Medikamente übrig, dann hat er sie zu selten eingenommen. Hingegen kann die verordnete Tablettendosis auch schon vor der Zeit ungewollt aufgebraucht sein. Denn oft müssen mehrere Pillen gleichzeitig eingenommen werden, wodurch es leicht zu Verwechselungen kommen kann. Um die oft unübersichtliche Einnahme zu vereinfachen, gibt es die Verblisterung – auch das ein Extraservice der Apotheken: Die Medikamente werden dabei zu einer Einzeldosis in einem farbigen aufgeblasenen Plastiktütchen – dem Blister – eingeschweißt. Das für Laien zeitraubende und fehleranfällige Sortieren wird von den Apothekern meist an externe Blisterhersteller weitergegeben. Keikawus Arastéh nennt einen weiteren positiven Effekt: "Die bunt verpackten Blister sehen aus wie Vitaminpillen und schützen so vor Stigmatisierung." Besonders für immobile Patienten spielt der Versand von Arzneimitteln eine wichtige Rolle. Deshalb bieten viele Apotheken an, die Arzneimittel nach Hause zu liefern. Wenn Patienten diese Dienstleistung bei Internetversandapotheken nutzen, sollten die Betroffenen darauf achten, dass die Apotheke in das Versandapothekenregister des Deutschen Instituts für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) eingetragen ist. Hierin sind alle Pharmazien verzeichnet, die die behördliche Erlaubnis zum Versand besitzen.
h4. Internetversandapotheken bieten Rabatte, jedoch nur wenig Beratung Geht es bei der Kundenbindung aber um finanzielle Aspekte, Rabatte zum Beispiel, wird es komplizierter. Nachlässe auf die gesetzlich vorgeschriebenen Zuzahlungen bei verschreibungspflichtigen Arzneien sind verboten. Jedoch bieten einige Apotheken so genannte Anwendungsbeobachtungen an: Füllen die Patienten regelmäßig Fragebögen zu ihrem Arzneikonsum aus, dann werden sie dafür mit Bonuspunkten belohnt, für die ihnen bei der nächsten Bestellung Rabatte gewährt werden. Mehrere Internetapotheken bieten Boni an, davon übersteigen einige sogar die Kosten der Zuzahlung. Dafür muss der HIV-Erkrankte jedoch meist mit weniger Beratung auskommen als bei einem persönlichen Besuch in der Apotheke um die Ecke.



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