Handchirurgie: Heilung im Handstreich

Das Karpaltunnelsyndrom quält vor allem Frauen, die dreimal häufiger als Männer erkranken. Die ambulante Operation ist ein sicherer Eingriff und dauert nur wenige Minuten

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Grafik: René Reinheckel/Tsp


Als Ralf Mannschmidt an einem diesigen Märzmorgen Kaffee und Kippe aus der Hand glitten, wusste er, dass es so nicht weiter gehen konnte. Seit Wochen ignorierte er die Zeichen seines Körpers, das diffuse Kribbeln in der linken Hand, als würden Ameisen über die Finger krabbeln, das ihn besonders in der Nacht plagte, das ihm Schlaf und Nerven raubte. “Hände und Füße sind mir ziemlich wichtig”, sagt der 47-Jährige mit den kurz geschorenen blonden Haaren. Immerhin sind die Hände Mannschmidts Kapital. Seit einem Vierteljahrhundert arbeitet er für das Berliner Gartenbauamt, zupft Unkraut im Invalidenpark, rattert mit dem Rasenmäher durch den Gerichtspark und setzt Stecklinge im neuen Ostpark am Gleisdreieck. Sein Job ist harte Handarbeit, und das sieht man. Mannschmidts Hände sind große und kräftige Pranken. Die mit Rosen- und Totenkopf-Tattoos verzierten Unterarme dick und muskulös. Doch nun muss eine Manschette Mannschmidts linke Hand stabilisieren, um sie zu schonen.
Ein Neurologe, dem Mannschmidt sein Leiden schildert, erkennt schnell, woher die Plagen stammen. Doch um das vermutete Nervenleiden abzusichern, misst der Arzt noch die Nervenleitgeschwindigkeit in Mannschmidts Hand: Elektroden, die der Mediziner auf den Daumenballen klebt oder wie ein Ring auf die Fingerspitzen steckt, stimulieren die Nerven mit Strom. Mannschmidts Hand reagiert nur verzögert auf die Stromimpulse. Die Diagnose ist nun eindeutig: Mannschmidt leidet unter einem Karpaltunnelsyndrom. Der Mittelnerv – im medizinischen Fachjargon Nervus medianus genannt – der eigentlich die Tasteindrücke aus der letzten Fingerspitze bis ins Gehirn leitet, wird bei dieser Erkrankung gequetscht, die Signale verstummen und die Finger ertauben. Der Geist ist willig, doch die Hand ist schwach. Gequetscht wird der Nervus medianus häufig von geschwollenen Sehnenscheiden. Sie müssen sich wenige Zentimeter über dem Handgelenk gemeinsam mit dem Mittelnerv durch den Karpaltunnel drängen. Dieser Tunnel, der der Erkrankung ihren Namen verleiht, wird auf der Unterseite – also dem Handrücken – von den Handwurzelknochen und auf der Oberseite, der Handfläche, aus einem straffen Bindegewebsband gebildet.

Karpaltunnelsyndrom: Erst ständiges Kribbeln in den Fingern, später wird die ganze Hand taub

Dreimal pro Nacht wachte Mannschmidt vom Kribbeln in seinen Fingern auf. “Das hat mich ganz schön fertig gemacht”, erinnert er sich. Doch es kann noch schlimmer kommen. Je länger der Nerv eingeengt wird, desto deutlicher werden die Beschwerden. Während zum Beginn der Erkrankung die Symptome meist nachts nach Belastungen wie harter körperlicher Arbeit auftreten – schmerzt, kribbelt und ertaubt die Hand in späteren Stadien auch ohne konkreten Anlass und oft auch tagsüber. Bei langer Krankheit verkümmert die Muskulatur des Daumenballens, bis er sich nicht mehr zur Handfläche beugen lässt.
Harte körperliche Arbeit und stark vibrierende Maschinen wie Mannschmidts Rasenmäher können das Syndrom begünstigen, sind aber nur selten die alleinige Ursache. Denn häufig ist die Erkrankung schon in der Anatomie – also einem von Geburt an engen Karpaltunnel – angelegt. Das ist ein Grund, warum Frauen dreimal häufiger erkranken als Männer. Zudem kann es in den Wechseljahren oder in der Schwangerschaft zu Wassereinlagerungen in den Sehnenscheiden kommen, die anschwellen und auf den Mittelnerv drücken. Außerdem begünstigen Leiden wie Rheuma, Diabetes, Schilddrüsenüberfunktion und chronisches Nierenversagen das Syndrom.
Zunächst kann ein Karpaltunnelsyndrom mit einer Bandage, die das Handgelenk ruhig stellt, therapiert werden. Hilft diese konservative Behandlung nicht, muss ein Handchirurg das zu straff sitzende Karpalband spalten, um dem gequetschten Nerv wieder mehr Raum zu geben. Und genau diese Erlösung erhofft sich Mannschmidt heute in der Praxis von Christian Pessenlehner , einem Handchirurg in Berlin Tempelhof.
Pessenlehners Wartezimmer schmücken Schalensessel, Tische und Lampen, die im Futurismus-Stil der 1970er Jahre kreiert wurden. Neben zwei Gemälden des Fernsehturms zeigt ein drittes Bild einen alten lederbezogenen Stuhl, einsam in einem großen Raum stehend. “I’m not sure if there is a cure”, hat der Maler darüber gepinselt. Er ist sich nicht sicher, ob es eine Heilung gibt? Nicht gerade ein Hoffnungsschimmer im Wartezimmer eines Chirurgen.

Offene Karpaltunnel-OP: ein kurzer, sehr sicherer Standardeingriff

Falls in den nächsten Minuten im Operationssaal etwas schief gehen sollte, dann wird Mannschmidt davon zumindest nichts mitbekommen. Denn so wie rund 90 Prozent von Pessenlehners Karpaltunnelpatienten zieht auch er die Vollnarkose der Lokalanästhesie vor. Seine schwarze Cargohose kann Mannschmidt anbehalten. Wie auf einem Kruzifix liegt der 47-Jährige mit abgespreiztem Arm auf dem OPTisch. Eine orangefarbene, mit Druckluft aufgeplusterte Manschette an seinem Oberarm verhindert, dass Blut in Arm und Hand strömt. “Das ist wichtig, damit wir eine gute Sicht im Operationsfeld haben”, sagt Christian Pessenlehner, der derweil den käsebleichen – weil blutleeren – Arm mit transparentem Desinfektionsmittel säubert. Die tätowierten Rosen und Totenköpfe lösen sich nicht. “Die scheinen echt zu sein”, kommentiert der Chirurg.
Mit einem Skalpell setzt Pessenlehner an der Innenseite des Handgelenks, rund einen Zentimeter über dessen Beugefalte, zwischen Daumen- und Kleinfingerballen einen drei Zentimeter langen Hautschnitt, durchtrennt die darunter liegende Bindegewebsplatte und spaltet das Karpalband. Zwei Metallklammern halten die klaffende Wunde offen. Pessenlehner blickt auf weißes Bindegewebe, Sehnen, Nerven, gelbes Fettgewebe. Kein Blut? Lediglich zwei stecknadelkopfgroße rote Tüpfelchen treten aus. Der Chirurg tupft das Blut weg, verödet mit einer stromdurchflossenen Zange die Blutgefäße und legt anschließend den Mittelnerv frei, um ihn zu untersuchen. Denn auch ein eingeschnürter oder mit Sehnen verklebter Nerv kann die Symptome eines Karpaltunnelsyndroms hervorrufen. Nicht so bei Mannschmidt: “Alles ok”, sagt Pessenlehner. Um dem Nerv mehr Raum zu verschaffen, trägt der Chirurg noch verdicktes, weißes Sehnenscheidegewebe ab, das die Beugesehnen ummantelt.
Bisher lief alles ohne Komplikationen. Waren des Malers Zweifel im Wartezimmer also unbegründet oder hatte Mannschmidt einfach nur Glück gehabt? “Alles nur Koketterie”, versichert der Handchirurg herzhaft lachend. “There will be a cure!” Ganz im Gegenteil sei die offene Operation eines Karpaltunnelsyndroms ein sehr kurzer und sicherer Standardeingriff. “Bei dieser Operation darf es keine Komplikationen geben”, sagt Pessenlehner. Verletzte Nerven oder Wundinfektionen sind nach Ansicht des Chirurgen etwas, das nicht passieren dürfe. “Eine leicht schmerzhafte Narbenverdickung kann jedoch vorkommen.”
Pessenlehner hat heute offen operiert, so wird die klassische Methode genannt. Bei der zweiten Variante, der Endoskopischen Spaltung, nähert sich der Arzt dem Karpalband mit einem Endoskop, das er über einen kleinen Schnitt in der Beugefalte des Handgelenks einführt. An der Spitze des Instruments sitzt neben den chirurgischen Werkzeugen auch eine Kamera – sie ist während der OP des Chirurgens Auge im Inneren des Körpers. Zwar hinterlässt diese als minimalinvasiv bezeichnete Methode eine mit anderthalb Zentimetern nur halb so große Narbe wie bei der offenen OP. Der Nachteil: “Die Umgebung können Sie durch das Endoskop jedoch nur schlecht sehen”, sagt Pessenlehner. Die Gefahr, Nerven und Sehnen zu verletzen, sei durch die eingeschränkte Sicht deshalb größer.
Nach einem chirurgischen Eingriff erholt sich der Nerv oft wieder vollständig. Je nach Schädigung kann es aber bis zu einem Jahr dauern, bis er genesen ist. Während der Genesung kann die Hand noch leicht schmerzen oder kribbeln. Meist ist der Patient jedoch schon in der Nacht nach der Operation von seinem Leiden befreit und kann nach sechs Wochen wieder arbeiten.

Nach dem Lösen der Druckmanschette fließt wieder Leben in die zuvor leichenblasse Hand

Doch soweit ist es noch nicht. Mannschmidt ist noch nicht vom Tisch. In die offene Wunde spritzt Pessenlehner ein Betäubungsmittel, das wirkt dem Wundschmerz entgegen, wenn der Patient wieder erwacht. Ein Assistent löst die Klammern, die den Schnitt offen hielten. Und Pessenlehner sticht fünfmal mit Nadel und Faden in die Hand, um die klaffende Wunde zusammen zu schnüren. Fast fertig, nur das Blut im Arm fehlt noch. Pessenlehners Assistent lässt die Luft aus der Druckmanschette pfeifen und löst so die Blutsperre. Sofort nimmt die Hand wieder Farbe an. Es scheint, als würde das Leben in Mannschmidts Pranke zurückfließen.
In den nächsten zehn Tagen wird er noch eine Schiene tragen, die die Hand ruhig stellt und leicht nach außen streckt. “Die Streckung verhindert, dass der Nervus medianus in den Schnittkanal der Operation rutscht und dort vernarbt”, sagt Pessenlehner.
Der Gips ist noch nicht ganz ausgehärtet, da erwacht Mannschmidt langsam aus der Vollnarkose, hört wieder, wie das EKG zu seinem Herzschlag piept, sieht wieder die Arzthelfer und Anästhesisten in ihren blauen Kitteln. Zehn Minuten war er jetzt ohne Bewusstsein – länger dauert der Eingriff nicht. Und wie geht’s? Die Antwort Mannschmidts, der vor 27 Jahren in die damals noch geteilte Hauptstadt zog, könnte nicht Berlinerischer sein: “Gut, da kann man nicht meckern.”



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