Hämorrhoiden: Keine falsche Scham

Den meisten Menschen sind Hämorrhoidalleiden peinlich. Dabei kann sie der rechtzeitige Gang zum Spezialisten vor starken Schmerzen bewahren

H_morrhoiden-Gesamt.jpg
Grafik: Focus/SPL, René Reinheckel


Hintern, Po, Gesäß, Arsch, verlängerter Rücken – alles Begriffe für einen Körperteil, der die wirklich letzte Tabuzone des menschlichen Körpers ist. So zumindest sieht das Horst Loch, Proktologe in Berlin Charlottenburg. “Selbst die Genitalien sind in unserer Gesellschaft ja mindestens halböffentlich.” Doch wenn es im Analbereich brennt und juckt, wenn sich plötzlich Blutspuren am Toilettenpapier zeigen, wenn einen ständig das unangenehme Gefühl plagt, der Darm sei nicht richtig entleert – alles typische Beschwerden eines Hämorrhoidalleidens -, dann genieren sich Patienten. Sie warten oft zu lange. Zum Spezialisten gehen sie erst, wenn der Leidensdruck ihnen gar keine andere Wahl mehr lässt. Spezialist, das bedeutet in diesem Falle ein Proktologe, ein Arzt für Enddarmleiden.
Die Praxis von Horst Loch, die er gemeinsam mit seinem Kollegen Fedor Ernst betreibt, ist in einer großzügigen ehemaligen Altbauwohnung eingerichtet. Wenn man vom herrschaftlichen, angenehm kühlen Hausflur in die Praxis tritt, empfängt einen gegenüber des Anmeldetresens eine überdimensionale Collage aus Leinwand, Stoff und Blech, die mit sanften erdigen Farbtönen beruhigend wirken soll. An den übrigen Wänden der verschachtelten Praxisräumlichkeiten hängen Gemälde in freundlichen Pastelltönen. Das alles scheint unter dem einen Motto zu stehen, das auch den virtuellen Besucher auf der Homepage der Gemeinschaftspraxis im Internet empfängt: “Haben Sie keine unnötige Angst!”

Den Analkanal durchziehen mehr Nerven als die Fingerspitzen odeer den Mund

Dieses Motto strahlt auch Horst Loch selbst aus. Während er spricht, spielt ein leichtes Lächeln um seinen Mund. Statt eines Stethoskops hängt eine Lesebrille um den Hals des bald 65-Jährigen – der auch in den nächsten Jahren nicht ans Aufhören und Rentnerdasein denkt. Selbst nach einem langen Praxistag mit vielen Patienten antwortet er ruhig und gelassen auf Fragen. Der Proktologe lebt das vor, was in seiner Fachrichtung unerlässlich ist: Nichts ist peinlich.
Sein Lieblingswort für die Tabuzone ist übrigens Hintern. Während er erklärt, was er tut, greift er oft zu Metaphern, die einem nicht als erstes in den Sinn kommen, wenn es um diesen Bereich geht. Das Gewebe des Analkanals zum Beispiel sei dem der Lippen gleich. Und wenn es um das medikamentöse Veröden von Hämorrhoiden geht – dazu später mehr -, dann wählt er dieses Bild zur Veranschaulichung: aus einer Weintraube eine Rosine machen.
Warum wählt ein Arzt eigentlich einen solchen “delikaten Fachbereich”? Lochs Antwort kommt schnell, so schnell, als hätte er diese Frage schon oft gestellt bekommen: “Weil man hier sehr gut und effektiv helfen kann und man die dankbarsten Patienten hat.” Der Leidensdruck kann enorm sein. Denn hier haben fast alle Erkrankungen etwas mit Schmerzen zu tun, mehr oder weniger starken. “Der Analkanal ist einer der am stärksten mit Nerven durchzogene Bereich des menschlichen Körpers”, sagt der Arzt. “Dort sind mehr Nerven zu finden als zum Beispiel an den Fingerspitzen oder im Mund.” Denn es geht um komplizierte Regelmechanismen. Etwa um die Meldung ans Gehirn, wann es Zeit ist, zur Toilette zu gehen. Oder wenn es um die Kontrolle des Schließmuskels geht. Oder darum zu unterscheiden, ob das plötzliche Völlegefühl nur von einer Blähung stammt oder man besser die Toilette aufsuchen sollte.

Hämorrhoiden sind eine Volkskrankheit

Das Schmerzempfinden ist deshalb auch ein wichtiges Diagnoseinstrument des Proktologen, selbst wenn einige Leiden eher ästhetischer Natur sind: Marisken zum Beispiel. Das sind kleinere Hautausstülpungen direkt am Schließmuskel. “Die kann man mit einer örtlichen Betäubung in drei Minuten entfernen”, sagt Loch.
Aber wenn sich zum Beispiel im Gewebe Eiter zu einem Abszess anstaut, dann wird der Schmerz immer stärker und stechender, bis er unbehandelt irgendwann unerträglich wird. Eine Fissur, also ein Riss in der Haut oder Schleimhaut am After, verursacht einen schneidenden Schmerz, als ob einem eine Rasierklinge durchgezogen würde. Und der Verschluss einer Ader im Analbereich – eine Thrombose – macht sich durch einen tastbaren Knoten bemerkbar, begleitet von einem Fremdkörpergefühl durch das sich ansammelnde Blut.
Und Hämorrhoiden? Die machen sich gleich durch mehrere Symptome bemerkbar, aber dazu später. Hämorrhoiden sind die bei weitem am häufigsten von einem Proktologen zu behandelnde Erkrankung. Eine Volkskrankheit. Aber was ist das eigentlich?
Kurz gesagt sind es die krankhaft vergrößerten Blutgefäßpolster oberhalb des Schließmuskels, die den Enddarm dicht abschließen sollen. Ohne diese Polster wäre der faserige Ring des Schließmuskels undicht, Stuhlreste würden ständig die empfindliche Haut reizen. Doch wenn sich diese Polster krankhaft vergrößern, werden sie selbst zum Abdichtungsproblem. Warum das passiert, ist noch nicht abschließend geklärt. Ärzte vermuten, dass erbliche Gründe dabei eine Rolle spielen, aber auch verhaltensbedingte. Wer zum Beispiel durch falsche Ernährung häufig unter Verstopfungen leidet und den Stuhlgang mit starkem Pressen erzwingen will, verstärkt damit auch die Neigung zu Hämorrhoiden.
Die Erkrankung wird in vier Stadien eingeteilt. Bei der leichtesten Form im ersten Stadium sind Hämorrhoiden nur schwach vergrößert, bluten manchmal, verursachen aber keine Schmerzen. Im zweiten sind sie schon deutlich vergrößert, neigen ebenfalls zu Blutungen und erzeugen die ersten Symptome. Oft lässt sich der Schließmuskel dadurch nicht mehr korrekt abdichten. Die Folge sind winzige Kotspuren, die austreten, und den charakteristischen Juckreiz verursachen. Im dritten Stadium werden die vergrößerten Aderschwämme beim Stuhlgang mit herausgepresst, lassen sich aber mit dem Finger noch zurückschieben. Im am weitesten fortgeschrittenen 4. Stadium gelingt das nicht mehr.

Blutspuren sollten von einem Arztabgeklärt werden

So wie bei Werner Friedrich (Name geändert). Seit Monaten hatte der 62-Jährige aus Charlottenburg immer wieder Blutspuren am Toilettenpapier bemerkt. Hatte immer wieder leichte Schmerzen. Irgendwann ging es nicht mehr, und Werner Friedrich kam zu Horst Loch in die Praxis. “Wenn ich Krebs habe, dann lässt sich das sowieso nicht durch ignorieren ändern”, sagt er. Er erwartet das Schlimmste. Denn unerklärliche Blutungen haben für die meisten Menschen eine bedrohliche Botschaft.
Hartnäckig halte sich bei Laien auch der Mythos, dass hellrote Blutspuren auf weniger gefährliche Probleme hindeuteten als dunkles Blut. Das sei Unfug, sagt Loch. “Die Farbtiefe des Blutes hat nur etwas zu tun mit der Länge des Weges, den es zurückgelegt hat.” Helles Blut hat eine kurze Strecke hinter sich und deutet auf eine Blutung im unteren Darmbereich hin, dunkles auf eine verletzte Stelle “weiter oben im Körper”. Eines aber gelte immer: Jede Blutung im Analbereich sollte von einem Arzt abgeklärt werden.
Sicherlich können Medikamente, die die Symptome wie Jucken oder Schmerzen lindern, für eine gewisse Zeit helfen. Sie bekämpfen aber die Ursache nicht. Und sind sie erst einmal da, bilden sich Hämorrhoiden nicht mehr von allein zurück. Der Arzt muss also helfen. So wie bei Werner Friederich, der schließlich von seiner Frau zum Arzt geschickt wurde – und bei dem Horst Loch natürlich keinen Krebs fand, sondern eben Hämorrhoiden.

Abführmittel nicht nötig: “Die Patienten sollen zu uns kommen, wie sie sind.”

Dafür benötigt der Arzt nicht viel Gerät. Die Hauptinstrumente des Proktologen, sagt Loch, sei der Zeigefinger zum Tasten und die Erfahrung im Erkennen der Krankheiten. Etwas mehr technische Unterstützung hat aber auch der erfahrene Arzt. Zum einen ein kleiner Spreizer zum Öffnen des Schließmuskels. Und zum zweiten das Proktoskop: Ein Zigarren-langes, raketenförmiges Metallrohr, das sich zum verjüngenden Ende schließt. Seitlich befindet sich ein fingerspitzenbreites Loch darunter ein Spiegel. “Damit können wir den Analbereich gut untersuchen.” Und das Röhrchen ist am spitzen Ende geschlossen – “peinliche Begegnungen mit dem Darminhalt sind also ausgeschlossen.”
Das ist ein wichtiger Hinweis für schamhafte Patienten. Manche haben so große Angst, dass der Arzt bei ihnen eine peinliche Begegnung haben könnte, dass sie vorher versuchen, mit Abführmitteln oder einer Spülung ihren Endarm zu entleeren. Doch das sei völlig unnötig, erschwere sogar die Diagnostik, sagt Loch. “Die Patienten sollen zu uns kommen, wie sie sind.”
Werner Friedrich hat Hämorrhoiden im Stadium 2. Er hat Glück. Die Stadien entscheiden nämlich auch über die Therapie. Am einfachsten und in der Regel schmerzlos ist die Behandlung der ersten beiden Entwicklungsphasen.
In Stadium 1 genügt unter Umständen bereits eine Injektion in den vergrößerten Blutschwamm. Das darin enthaltende Medikament führt zu einer Schrumpfung des vergrößerten Gefäßknotens. Ärzte nennen das Verödung. Bis zum Stadium 2 kommt häufig eine so genannte Ligatur zum Einsatz. Dabei platziert der Arzt über die hervorgestülpten Blutschwämme einen eng sitzenden Gummiring, der die Blutzufuhr abklemmt. Dadurch stirbt das dahinterliegende überflüssige Gewebe ab. Der Ring und das abgestorbene Gewebe fallen nach etwa ein bis zwei Wochen ab und werden normal ausgeschieden.

Etwa fünf bis zehn Prozent der Hämorrhoidalleiden werden operativ behandelt

Friedrich wird ein wenig unruhig, als er hört, dass sein Arzt eine Ligatur machen will. “Ich habe das vor ein paar Jahren schon mal durchgemacht: Da hat mir ein Urologe einen Gummiring über eine Hämorrhoide gesetzt. Hat drei Nächte ziemlich stark geschmerzt.”
Horst Loch schüttelt energisch den Kopf – denkt vielleicht auch an eine gewisse “Unfähigkeit” des Kollegen. “Da darf nichts wehtun, denn dort, wo die Hämorrhoiden sitzen, gibt es keine Nerven, die Schmerzen melden könnten.” Das Verfahren sei also, wenn es richtig angewandt wird, für Patienten beschwerdefrei.
Sind die Hämorrhoiden größer, muss operiert werden. “Etwa fünf bis zehn Prozent der Hämorrhoidalleiden gehen wir operativ an”, sagt der Proktologe Loch. Der überflüssige Blutschwamm wird dabei abgeschnitten, die Wunde anschließend mit selbstauflösenden Fäden vernäht. Unerwünschte Nebenwirkungen dabei sind die typischen Risiken und Beschwerden einer Operation: Wundheilungsschmerzen, die bis zu einer Woche andauern, eine (trotz der vielen Bakterien in dem Bereich eher minimale) Infektionsgefahr und die Risiken der dafür nötigen Vollnarkose oder Spinalanästhesie in der Lendenwirbelsäule. Bei einer neueren OP-Methode werden die Hämorrhoiden nicht entfernt, sondern in den Analkanal hochgezogen und dort befestigt. “Das soll geringere Schmerzen verursachen – ist aber nicht immer anwendbar”, sagt Loch.
Die Operationen sind auch meist mit einem stationären Aufenthalt verbunden. Auch Loch und sein Kollege operieren deshalb in einer Berliner Belegklinik, die stationäre Patienten für ambulante Ärzte betreut.

“Klares Wasser eignet sich am besten zur Reinigung”

Übrigens: Erkrankte und präventiv auch Gesunde könnten einiges selbst dafür tun, dass sie nicht unters Messer müssen. Horst Loch nennt das Hausaufgaben. Dazu zählt etwa, durch eine Umstellung der Ernährung dafür zu sorgen, dass der Stuhl eine “wohlgeformte” Konsistenz erhält, also nicht zu fest, aber auch nicht zu weich. “Viele Ballaststoffe mögen aus Sicht des Ernährungsmediziners gesund sein, sie sind aber aus Sicht des Proktologen nicht immer bekömmlich.” Denn dadurch entstehe oft ein zu dünner Stuhl, der aggressiv sei und die empfindliche Region zu sehr reize. Und ein zu fester Stuhl führe dazu, dass der Mensch zu stark presse, was das Problem Hämorrhoiden verstärke.
Eine andere Hausaufgabe ist die Hygiene am Po – nicht zu wenig tun, aber auch nicht zu viel. “Klares Wasser eignet sich am besten zur Reinigung”, sagt Loch. Papier benötige man wenn überhaupt nur für die grobe Vorreinigung, maximal zwei Mal. “Wer würde sich schon schmutzige Hände nur mit trockenem Papier reinigen?” Und bitte kein feuchtes Toilettenpapier verwenden, wegen dessen Gehalts an chemischen Reinigungssubstanzen, meint der Facharzt.
Wer seine Hausaufgaben macht, muss also vielleicht gar nicht darüber nachdenken, wo genau seine persönliche Schamgrenze beim Arztbesuch verläuft.



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet