Reportage: Persönlich betreut

Patientinnen mit Gebärmutterhals-, Eierstock- oder Brustkrebs müssen zur Chemotherapie nicht zwingend ins Krankenhaus. Das geht oft auch ambulant

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Grafik: Fabian Bartel


Ein kurzes Wort mit krasser Wirkung: “Krebs!” So lautet die Diagnose, mit der jedes Jahr rund 16 000 Berliner konfrontiert werden. Bei Frauen ist Brustkrebs dabei die häufigste Erkrankung. Das Risiko steigt ab 40, weil mit zunehmendem Alter Fehler bei der Zellteilung wahrscheinlicher werden. Die Prognose hängt davon ab, in welchem Stadium die Krankheit diagnostiziert wird, etwa ob bereits Krebszellen ins Lymphsystem vorgedrungen sind. Im Schnitt werden 60 Prozent der Patientinnen hierzulande geheilt.


80 Prozent der Chemotherapien in der gynäkologischen Onkologie können ambulant durchgeführt werden

“Bis vor wenigen Jahren war es Standard, Chemotherapien im Krankenhaus durchzuführen”, sagt Gerd Graffunder, Spezialist für gynäkologische Onkologie. Vorbeugend seien die Patienten bis zu vier Tage auf der Station behalten worden, weil durch die gängigen Medikamente das Immunsystem sehr geschwächt wurde. Eine gefürchtete Komplikation war Fieber – als Reaktion auf das Absacken der Anzahl weißer Blutkörperchen. Heute könne dem entgegengewirkt werden, indem vorbeugend Medikamente verabreicht würden, die die Bildung weißer Blutkörperchen stimulierten, erläutert der Arzt.


In den vergangenen fünf Jahren habe sich “extrem viel” getan. Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen treten seltener auf. “Dank verträglicherer Medikamente kann man nun 80 Prozent der Chemotherapien in der gynäkologischen Onkologie ambulant durchführen”, sagt Graffunder. Die Frauen müssen nicht mehr ins Krankenhaus. Dass das ein Vorteil ist, sagt auch Hans-Joachim Koubenec vom Expertenrat der Brustkrebs-Info. “Eine stationäre Aufnahme ist in der Regel nur bei der Chemotherapie von Eierstockkrebs sinnvoll. Bei der Behandlung mit Cisplatin, ein gängiges Mittel zur Hemmung des Zellwachstums, müssen zehn Infusionsflaschen verabreicht werden, was sechs Stunden dauern kann. Das würde ich nicht ambulant machen”, sagt Koubenec.


Die Praxis von Gerd Graffunder an der Steglitzer Schloßstraße ist wohnlich eingerichtet. Drei rote Lederliegen und frische Blumen verbreiten keineswegs Krankenhausstimmung. Gerda Müller *, 72, blättert in einer Zeitschrift, unterhält sich angeregt mit einer Mitpatientin. Müllers rechter Arm ruht auf einem Kissen. Durch eine Infusionsnadel fließt ein Medikament in die Vene. Der Stoff soll dafür sorgen, dass ihr von den später verabreichten Medikamenten nicht übel wird; so wird sie auf die eigentliche Behandlung vorbereitet. Dann folgt die individuell zusammengestellte Medikation; für Müller hängen ein Beutel mit roter und einer mit klarer Flüssigkeit bereit. Der Eingriff, bei dem Frau Müller ein Tumor aus der Brust entfernt wurde, liegt einige Wochen zurück. “Ich bin vorbelastet. Meine Mutter hatte Brustkrebs. Seit etwa 20 Jahren hatte ich eine Art Schatten in der Brust. Zweimal im Jahr bin ich zur Untersuchung gegangen. Im März war noch alles in Ordnung, aber schon im August machte der Arzt ein besorgtes Gesicht und erzählte, was er auf den Aufnahmen sehe, gefalle ihm nicht”, berichtet Gerda Müller. Die Operation – nur zwei Tage später – überstand sie ohne Komplikationen. Nun ist die Chemotherapie der nächste Schritt. Sie besteht aus sechs Sitzungen in der Praxis, die je zwei Stunden dauern. Zwischen den Infusionen liegen drei Wochen, in denen die Patientin ihr Blutbild kontrollieren lassen muss. Ein wenig nervös sei sie schon gewesen, sagt Müller. “Schließlich wäre es beruhigend, in einem Krankenhaus zu sein, falls es Komplikationen gibt.” Aber Empfehlungen von Freunden hätten sie schließlich überzeugt, dass eine Praxis eine gute Option ist. Der Arzt gibt seinen Patientinnen selbst seine Handynummer – für den Notfall: “Das ist eine große Beruhigung.”


Frauenärzte können bei mit der Krebstherapie verbundenen Beschwerden – wie dem Nachlassen der Libido – besser beraten

In der Gemeinschaftspraxis an der Schloßstraße behandeln Graffunder und zwei weitere Ärzte pro Quartal etwa 240 Frauen, die an Brust, Eierstock oder Gebärmutterkrebs leiden, mit Chemotherapien. Dabei wird versucht, Zellwucherungen im Gewebe, durch die Krebsgeschwulste entstehen, zu stoppen. Bei der medikamentösen Behandlung kommen aber nicht nur Zellgifte, die sogenannten Zytostatika, zum Einsatz. Frauen mit hormonabhängigem Brustkrebs werden Wirkstoffe verabreicht, die die Bildung von Östrogen hemmen, denn dieses regt das Wachstum von Tumoren an.


“Durch den Eingriff in den Hormonhaushalt können Beschwerden auftreten, die denen der Wechseljahre ähnlich sind, wie Hitzewallungen”, sagt Graffunder. Manche Wirkstoffe führten auch zu einem Nachlassen der Libido. “Auch daher ist es von Vorteil, wenn ein Frauenarzt die onkologische Behandlung vornimmt. So haben die Frauen gleich einen Ansprechpartner, was die mit der Krebstherapie verbundenen Beschwerden angeht”, sagt er.


“Vorgesehen war nur Schneiden, Chemo und Bestrahlung. Reden war nicht.”

Das ist auch seiner Patientin Karin Lutter * wichtig. Die 73-Jährige geht in der Praxis zur Krebsnachsorge. Gerade in Kliniken würde einem häufig das Gefühl gegeben, “man ist nur eine von 100 000, die hier durchgetanzt kommen”, sagt sie. Der Arzt hätte in einer Viertelstunde drei “Brustkrebsfrauen” abgefertigt. “Er gab mir das Gefühl, ich sei nur ein Fall unter vielen, kein Mensch.” Lutter hatte eigen ständig über naturheilkundliche Therapien recherchiert. Auf ihre Fragen sei der Klinikarzt aber gar nicht eingegangen. “Vorgesehen war nur Schneiden, Chemo und Bestrahlung. Reden war nicht.” Bei Graffunder fühlt sie sich gut aufgehoben: “Er hat mir und meinem Mann zugehört, den Befund Zeile für Zeile durchgesprochen und alles erklärt.”


Auch die Praxis von Martin Ruhnke in Kreuzberg ist auf gynäkologische Onkologie spezialisiert. Ruhnke bietet seit zehn Jahren ambulante Chemotherapien an. Pro Jahr behandelt er etwa 100 Frauen. Er ist Mitglied im Berufsverband niedergelassener gynäkologischer Onkologen. “In personell vielfach unterbesetzten Stationen werden in der Regel von Ausbildungsassistenten onkologische Behandlungen durchgeführt, teilweise ohne persönliche Ansprache und persönliche Führung der kranken Frauen”, kritisiert der Verband die Großkliniken. Die Ausbildungsassistenten hätten sich oft nicht bewusst dafür entschieden, im Bereich gynäkologische Onkologie zu arbeiten. “Sie werden per Rotationsplan zugeteilt, Infusionen anzulegen. Oft stehen sie unter Zeitdruck”, sagt Ruhnke.


Besonders im gynäkologischen Bereich stelle eine Krebserkrankung eine große Belastung für das seelische Gleichgewicht dar. Eine Operation an der Brust, Eierstöcken oder Gebärmutter könne das Selbstbewusstsein, aber auch die Partnerschaft der Patientin erheblich belasten. “Die Patientinnen wünschen sich eine ganzheitliche Beratung, die die zahlreichen Aspekte einer Krebserkrankung berücksichtigt”, sagt der Spezialist. Und wenn eine Patientin unbedingt möchte, dass ihr Mann während der Infusion an ihrer Seite bleibt, sei das auch kein Problem. “Auf solche Wünsche eingehen zu können, ist für das Wohlbefinden der Patientinnen sehr wichtig.”




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